Eigentlich wollte ich nach dem KV einen Sprachaufenthalt in San Diego buchen. Doch im Reisebüro hatte ich ein so gutes Gespräch, dass ich darauf einen Arbeitsvertrag in der Tasche hatte statt ein Flugbillett. So kam ich fast zufällig in die Tourismusbranche. Schon bald aber war es mein Ziel, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Als 29-Jähriger konnte ich mir meinen Traum erfüllen: Mitinhaber und Geschäftsführer eines Reisebüros, hier in Däniken zwischen Aarau und Olten. Bei der Eröffnung vor zehn Jahren war gerade der Golfkrieg ausgebrochen. Kaum jemand hatte damals Lust zu reisen, entsprechend harzig war der Start. «Jetzt kann es nur noch besser werden», dachte ich mir.

Tatsächlich ist es ziemlich kontinuierlich bergauf gegangen; seit 1995 beschäftige ich Lehrlinge und seit anderthalb Jahren zusätzlich einen alten Weggefährten als Festangestellten. Zusammen können wir unseren mittlerweile grossen Kundenstamm optimal betreuen.

Doch dann kam der 11. September. Wir sassen hier im Büro total geschockt vor dem Fernseher. Was da in New York und in Washington passierte, war für die Welt ein Super-GAU. Nach ein paar Stunden wurde mir bewusst, was er für mich bedeutet. In einer Nachtübung mussten wir alle Dossiers daraufhin kontrollieren, welche unserer Kunden gerade in Nordamerika weilten und nicht weiterreisen konnten. Glücklicherweise befand sich gerade niemand in New York, aber wir mussten für etwa 20 Gestrandete in andern Teilen der USA und in Kanada Alternativen organisieren.

Die Buchungen sind mittlerweile auf null zurückgegangen, das ist ja verständlich. So war es auch nach dem Terroranschlag in Luxor und nach dem Swissair-Absturz bei Halifax. Ehrlich gesagt, ich war sogar froh darüber. Denn der Schock war riesig, und ich konnte mich in den ersten Tagen kaum konzentrieren.

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Schon zwei Wochen später hat es aber wieder angezogen; bei den meisten verdrängt die Angst die Ferienlust nur kurzfristig. Wichtig war, dass George W. Bush nicht, wie befürchtet, in Cowboymanier zurückgeschlagen hat. Gegenwärtig befürchte ich keinen neuen dramatischen Einbruch im Feriengeschäft. Jedenfalls haben bei uns selbst jene Kunden nicht abgesagt, die nach Ägypten abreisen sollten, und das Nilland ist immer ein Gradmesser für die Befindlichkeit der Touristen.

Nach dem 11. September war dann der 2. Oktober der zweite Katastrophentag: Dass die Swissair von einem Tag auf den anderen nicht mehr startete, war vorher einfach unvorstellbar. Als sich am Abend zuvor die Grossbanken am Fernsehen als Retter der Luftfahrt präsentierten, hatte ich zwar ein ungutes Gefühl. An diesem Abend habe ich wie jeden Montag mit Kollegen gejasst, aber ich ahnte, dass ab Dienstag der Teufel los sein würde.

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Was mich am meisten auf die Palme bringt: Offenbar haben die Verantwortlichen bei ihrem Deal keinen Gedanken daran verschwendet, was das Grounding der Flugzeuge für die betroffenen Passagiere bedeutet. So mussten wir zum zweiten Mal innert kurzer Zeit eine Nachtübung veranstalten und sämtliche Dossiers durchsehen. Rund 50 unserer Kunden waren mit Swissair irgendwo unterwegs. Oberste Priorität war, sie zu erreichen und sie über alternative Rückflugmöglichkeiten zu orientieren. Viele wussten nämlich noch gar nichts von ihrem Pech: Wer in Kanada auf Bärenjagd geht, schaut halt nicht CNN.

Ein Skandal erster Güte war, dass die vorausbezahlten Swissair-Tickets ab Ende Oktober nicht mehr gültig sein sollen. Im Sommer hatte die Swissair nämlich Preisaufschläge für die Wintersaison angekündigt. Als Folge davon stellten die Reisebüros viele Flugtickets noch zu den alten Preisen aus. Damit wurde der Swissair kurzfristig Cash in die Kasse gespült. So lässt sich die Riesensumme von einer Milliarde Franken für bereits bezahlte, aber noch nicht benutzte Tickets erklären.

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Viele Kunden standen hier im Laden und konnten es einfach nicht glauben, als ich ihnen erklären musste, dass das Billett für ein paar tausend Franken nichts mehr wert sei. Und das im meistversicherten Land der Welt! Ohne despektierlich zu sein: Das hätte irgendwo in Schwarzafrika oder Südamerika passieren können, aber sicher nicht in der Schweiz. Und viele, die aus Solidarität mit Swissair geflogen sind, sassen dann ohne Unterstützung auf irgendeinem Flughafen fest. Sie werden doch nach einer solchen Ohrfeige nie mehr in eine Swissair-Maschine steigen.

Das Bittere am Ganzen: Die verantwortlichen Swissair-Chefs kommen vermutlich mit einem blauen Auge davon. Aber bei uns gehen solche Fehlstrategien ans Lebendige, obwohl wir einmal mehr das Schlamassel nicht verantworten, dafür aber ausbaden müssen. Neben ungezählten Überstunden bleiben viele ungedeckte Kosten. Zum Beispiel für jene Kunden, die kein Pauschalarrangement, sondern nur die Flüge bei uns gebucht haben. Zwar müssen sie die neuen Flugtickets selbst berappen. Aber wir verzichten aus Kulanz auf unsere Provisionen. Das macht nicht viel aus, ist aber eine Geste gegenüber den Kunden. Im Moment kann ich zwar unsere Löhne noch bezahlen, aber Reserven sind natürlich keine mehr da. Zum Glück hatten wir einen hervorragenden Sommer, sonst sähe es jetzt schon düster aus.

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In den letzten Jahren hat der Druck der Tour-Operators stark zugenommen. Wer nicht immer mehr Reisen verkaufen kann, ist wegen der geringen Margen rasch weg vom Fenster. So ist man fast zum Wachstum gezwungen. Dazu kommt, dass wir an den Flugtickets immer weniger verdienen. Vor zwei Jahren kürzte die Swissair unsere Kommissionen von neun auf sieben Prozent, seit Frühling waren es noch weniger. Das reicht gerade mal aus, um die Kosten für die Rechnung zu decken; verdient habe ich dann noch nichts. Deshalb mussten die Reisebüros die Dossier- und Reservationsgebühren einführen, anders würde unser Geschäft nicht mehr rentieren. Nach dem Grounding kündigte die Swissair an, uns vorübergehend wieder neun Prozent Kommissionen zu bezahlen. Doch bis ich weiss, ob meine Kunden für das einbezahlte Geld auch tatsächlich fliegen können, verkaufe ich weder für die «alte Swissair» noch für die «neue Crossair» Tickets – schlicht und einfach, weil mir das Vertrauen fehlt.

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