Ab dem 5. April beginnen für mich die 20-Stunden-Tage: Gespräche in der 75-köpfigen Jury, mit den Organisatoren und mit den Preisträgern stehen auf dem Programm - fünf Tage lang, pausenlos, ermüdend und doch faszinierend. Ich bin heute noch dankbar, dass mich Messegründer Jean-Luc Vincent 2001 in die Jury berief, weil ein Mitglied kurzfristig ausgefallen war. Ich bin Schweizer mit palästinensischen Wurzeln, und offenbar machte ich als international tätiger Kaufmann innerhalb des Wissenschaftlergremiums einen guten Job: Drei Jahre später erkürte mich Vincent zum Präsidenten.

Die Genfer Erfindermesse ist weltweit die bedeutendste Veranstaltung dieser Art: 775 Erfinder aus 45 Ländern werden in diesem Jahr ihre Neuheiten präsentieren. Sie konkurrieren in 24 verschiedenen Kategorien - Medizin ist ebenso vertreten wie Wellness und Büroorganisation. Die Qualität der Juroren ist entscheidend für den Ruf der Messe: Nur ein Kardiologe kann im Bereich der Herzchirurgie den Wert neuer Hilfsmittel beurteilen, und nur ein Chemiker weiss Neuerungen im Kosmetikbereich richtig zu gewichten.

Pillen, Airbags und Schwimmflügeli
Bei den Erfindungen muss es sich um Neuheiten handeln, und damit ein Test möglich ist, haben diese wenn immer möglich als Produkt vorzuliegen. Wichtig ist weiter, dass die Erfindungen kommerziell genutzt werden können. Die Jury muss die Erfindung auch nach ihrer Relevanz im Ursprungsland bewerten: So sind Verbesserungen an einem Bewässerungssystem in Indonesien äusserst wichtig, in Frankreich hingegen bedeutungslos. In diesem Bereich kann ich als Generalist neben den hoch qualifizierten Spezialisten mitreden. Ich bin viel gereist und vermag die Erfindungen in ihrem Kontext einzuordnen.

Die Jury vergibt Gold, Silber, Bronze und - als Besonderheit - Goldmedaillen mit spezieller Würdigung. Die wichtigste Ehrung aber ist der «Grand prix du salon». All diese Auszeichnungen haben für die Erfinder enorme Bedeutung, weil ihre wirtschaftliche Zukunft davon abhängt.

Beispiele gefällig? Zwei Erfinder aus Italien entwickelten eine Pille, die gefrorenen Produkten wie Blutkonserven beim Transport beigelegt wird. Bei einem Unterbruch der Kühlkette verfärbt sich die Pille. Eine Erfindung, die Leben retten kann. Derweil präsentierte ein Australier eine Spritze, die - sobald das Serum im Körper ist - zurückgestossen wird. Schlägt ein Patient auch noch so um sich: Die Spritze bricht nicht ab. Und Motorradfahrer werden jenem kuwaitischen Erfinder dankbar sein, der einen Airbag entwickelte, der unter den Kleidern getragen wird und sich bei einem Unfall automatisch mit Luft füllt.

In allen drei Fällen war das Interesse der Wirtschaft immens: Diese Erfinder haben eine grosse Zukunft vor sich. Eine gute Idee kann zur Goldgrube werden. Erfinder können die Welt verändern. Man muss ja nicht gleich das Rad neu erfinden - aber man denke nur an jene Kreation aus Frankreich, die vor Jahrzehnten in Genf gezeigt wurde: aufblasbare Schwimmhilfen für Kinder - die Flügeli.

Nur etwa 20 Prozent der Erfinder reisen individuell an, der Rest ist in nationalen oder anderen Gremien organisiert. Die Erfinder können darauf zählen, dass sie an der Messe Vertreter der Wirtschaft treffen, die ihnen bei der kommerziellen Umsetzung behilflich sind. Diese Leute kommen aber nur nach Genf, weil sie wissen, dass unsere Auszeichnungen wirklich etwas wert sind. Das verpflichtet uns, bei der Beurteilung streng zu sein.

Umgekehrt nehmen die Erfinder oder ihre Delegationsleiter unsere Einschätzungen genau unter die Lupe. Hat ein Erfinder anstelle einer goldenen Medaille nur eine silberne oder eine bronzene geholt, spricht er bei uns vor. Die Jury muss dann ihre Entscheidung hieb- und stichfest begründen. Das ist verständlich: Schliesslich hängt von der Benotung viel Geld ab. Die Leiter von staatlichen Delegationen haben bei der Rückkehr häufig einem Minister Rechenschaft über Erfolge und Misserfolge abzulegen. Das beeinflusst künftige Subventionen.

Die Frauen legen zu
Erfinder sind faszinierende Menschen. Spricht man mit ihnen, merkt man, dass es sich um einen besonderen Schlag handelt. Mir fällt auf, wie viele Fragen die Erfinder stellen. Ich nehme an, dass dies mit ihrer Arbeit zusammenhängt, die ja auch mit der Frage beginnt: Wie funktioniert das? Als Zweites fragen sie sich, wie es besser funktionieren könnte. Ihr besonderes Denken ist unverkennbar: Es bewegt sich abseits der ausgetretenen Pfade.

Auch Erfinderinnen gibt es immer mehr - unter anderem aus asiatischen oder aus afrikanischen Staaten. Einesteils bedaure ich, dass sich der Austausch mit diesen interessanten Menschen nur aufgrund von Beschwerden über nicht vergebene Auszeichnungen ergibt. Anderseits darf es eben gar keinen engen Kontakt geben. Wir müssen schliesslich die Arbeit der Erfinderinnen und Erfinder neutral und objektiv beurteilen.

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