Skitouren machen in schönem Gelände, das ist das Grösste für mich. Auf der Piste fahre ich kaum, das ist mir zu langweilig. Übrigens liebt auch Prinz Charles, unser berühmtester Gast hier in Klosters, Fahrten abseits der Pisten. Er ist dann aber stets mit einem Bergführer unterwegs. Ich sehe ihn fast jedes Jahr, aber persönlich kenne ich ihn leider nicht.

Ich verstehe die Jugendlichen, die ihren Spass neben den Abschrankungen suchen. Ich war ja auch mal jung, kenne das, das Risiko zu suchen und immer noch ein wenig mehr wagen zu wollen. Aber eben: Aus diesem Grund geben uns die jungen Snowboarder am meisten zu tun. Die bevorzugen sonnige Pulverschneehänge, in die noch niemand seine Spur gesetzt hat. Oder sie fahren neben der Bergbahn «direttissima» den Hang hinunter und übersehen dabei Tobels und Steilhänge.

Dabei gibt es ein paar einfache Vorsichtsmassnahmen. Nordhänge und Steilhänge mit über 30 Grad Neigung sind zu meiden. Statistisch gesehen passieren die allermeisten Lawinenunfälle an Nordhängen. Natürlich sind diese Regeln nur Theorie und in der Natur oft nicht einzuhalten. Aber wer abseits der Pisten fährt, sollte sich auskennen und bei der Vorbereitung der Tour die Karten genau studieren, das Lawinenbulletin hören und sich überlegen, welche Routen am ungefährlichsten sind. Ein Lawinensuchgerät sollte jeder besitzen und es auch mal getestet haben. Denn was nützt das beste Gerät, wenn es im Ernstfall nicht eingeschaltet ist oder aus Unwissenheit falsch bedient wird? So was passiert leider immer wieder.

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Meine Rettungskolonne, etwa 50 Alpinisten und zehn Lawinen- und Geländesuchhunde, ist für alle Einsätze neben den Pisten zuständig. Für Unfälle auf der Piste ist der Pistenrettungsdienst da, mit dem wir kameradschaftliche Kontakte pflegen. Wir müssen etwa zehnmal pro Saison ausrücken und arbeiten eng mit der Rettungsflugwacht zusammen. Aber bei schlechtem Wetter, wenn es also neblig oder zu windig ist und der Helikopter nicht fliegen kann, sind wir die Einzigen, die zur Unglücksstelle vordringen können.

So wie vorletzte Saison: Da stürzte ein junger deutscher Snowboarder auf seiner halsbrecherischen Fahrt neben der Madrisa-Bergbahn einen Steilhang hinab und fiel auf den hart gefrorenen Schnee. Es war schon dunkel, als wir ihn endlich fanden; gut drei Stunden war er verletzt im Schnee gelegen. Mit dem Rettungsschlitten, einem so genannten Kanadier, transportierten wir ihn in einem Wärmesack ins Tal. Er hatte Glück: Drei gebrochene Wirbel und ein paar Prellungen – das war alles.

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Letzte Saison machten seine Eltern wieder Urlaub in der Gegend. Sie kamen zu mir, gaben mir ein Trinkgeld und bedankten sich nochmals für die Rettung ihres Sohnes. Es gehe ihm wieder ganz gut, erzählten sie. Solche Erlebnisse sind ein Aufsteller und eher überraschend. Meist bedanken sich die Geretteten nicht gross, Dankesschreiben bekommen wir fast nie.

Manche Unfälle verlaufen nicht so glimpflich – immer wieder sterben Leute. Der Schnee ist eben unberechenbar. Da wird geforscht und geforscht, aber wir wissen noch lange nicht alles über die Mechanismen der weissen Pracht. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Im Frühjahr vor zwei Jahren – es herrschte sehr schlechtes Wetter – lösten drei Tourenskifahrer ein Schneebrett am fast 3000 Meter hohen Pischahorn aus. Einer der Fahrer wurde verschüttet, die anderen zwei wollten zurück zum Gipfel, um von dort die Talabfahrt zu versuchen und Hilfe zu holen. Im dichten Nebel verloren sie die Orientierung und mussten zwei Nächte in einer Schneewechte biwakieren, bis sie endlich den Weg ins Tal fanden und uns alarmieren konnten. Den Verschütteten konnten wir leider nur noch tot bergen.

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In diesem Fall wäre das einzig richtige Vorgehen die sofortige Kameradenrettung gewesen. Das ist immer die beste Hilfe. Die beiden hätten dem Schneebrett folgen sollen; mit dem Lawinensuchgerät hätten sie ihren Kollegen wahrscheinlich schnell gefunden und retten können. Man darf ihnen aber keinen Vorwurf machen: Sie waren geschockt, verloren die Orientierung und reagierten deshalb falsch.

Bei jedem Unglück, das tödlich endet, schalten wir automatisch die Polizei ein. Die Beamten müssen dann auch die rechtlich schwierigen Fragen der unterlassenen Hilfeleistung oder der fahrlässigen Tötung klären.

Solch tragische Unfälle gehen nicht spurlos an mir vorbei. Ich mache mir in solchen Momenten viele Gedanken: Hätte man es verhindern können? Klar, im Nachhinein kann man nichts mehr ändern; ich überlege aber immer, wie man beim nächsten Einsatz noch besser und schneller vorgehen könnte. Die Überlebenschancen in einer Lawine sind sehr gering. Das muss man sich einfach bewusst sein.

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Ich geriet auch schon einmal in ein Schneebrett: Auf einer Tour löste ich mit meinen Kameraden aus Versehen eins aus. Das kann auch den routiniertesten Berggängern passieren. Der Hang kam sehr schnell auf uns zu. Ich konnte meinen Kollegen gerade noch zurufen, dass sie sofort umkehren sollen. Für mich reichte es allerdings nicht mehr. Mir ging nur noch durch den Kopf: «So, jetzt trifft es dich also auch.» Zum Glück konnten mich meine Kollegen schnell retten. Ans Aufhören habe ich jedoch nie gedacht.

In den zehn letzten Jahren hat sich viel verändert bei unseren Einsätzen: Heute müssen wir auch mal einen Eisfallkletterer retten oder Gleitschirmflieger von den Bäumen herunterholen. Auch Unfälle mit Schneeschuhläufern oder Snowboardern gab es früher kaum. Einmal mussten wir in einer Woche zwei Gleitschirmflieger bergen. Mit Steigeisen bestieg der Retter den Baum, sicherte den Piloten, löste ihn vom Schirm und seilte ihn ab.

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Snowboarden und Gleitschirmfliegen habe ich auch mal probiert. Aber nur einmal. Das ist nichts für mich, ich habe zu wenig Zeit, um diese Techniken richtig zu lernen. Ich fahre Ski, seit ich drei Jahre alt bin. Das beherrsche ich richtig gut; die neuen Sachen sollen meine Kinder ausprobieren. Der Trend geht aber klar zu Carvingskiern. Die taillierten Skier sind leicht zu beherrschen, und sie machen es viel einfacher, schöne Kurven zu fahren. Da haben auch Anfänger Chancen, auf der Piste eine gute Figur zu machen.

Ich freue mich nach jeder Wintersaison auch wieder auf den Sommer. Dann ist etwas weniger los, und ich bin neben meinem Teilzeitjob bei den Klosterser Bergbahnen zwei Tage pro Woche als Flughelfer für die Rega unterwegs. Als Crewmitglied bin ich dann einem Helikopter zugeteilt, der speziell für Tiere ausgebaut ist. Ich berge verletzte oder tote Kühe. Wir fliegen sie ins Tal und übergeben sie den Bauern oder den Tierärzten. Auch das ist eine sinnvolle Aufgabe.

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