Was die Rettungshunde uns Helfern vor Ort an Energie schenken, ist überwältigend. Wer etwa in den Trümmern eine schreckliche Entdeckung macht, wendet sich oft instinktiv einem Hund zu und findet beim Streicheln Trost.

Beim Einsatz im Erdbebengebiet in Algerien Ende Mai standen uns neun Hunde zur Verfügung. Sie führten die Retter auf die Spur von 23 toten Verschütteten. Für mich persönlich entstand in den drei Tagen eine ungewöhnlich intensive Beziehung zu meinem Hund Jason, denn wir waren zum ersten Mal 24 Stunden lang rund um die Uhr auf Schritt und Tritt zusammen auch nachts im Zelt.

Die Rettungsaktion in der algerischen Küstenstadt Boumerdès war mein dritter Einsatz. Ich half bereits 1980 in Süditalien und 1999 in der Türkei bei der Suche nach Verschütteten. Mein siebeneinhalbjähriger Border Collie erlebte zum ersten Mal den Ernstfall in einem Erdbebengebiet.

Vom schweren Beben erfuhr ich am Abend des 21. Mai in Wald im Zürcher Oberland. Als Chef der technischen Dienste in der Zürcher Höhenklinik Clavadel bei Davos musste ich hier am folgenden Morgen an einer Sitzung teilnehmen. Meine Frau hatte mich per SMS frühzeitig auf die Naturkatastrophe hingewiesen. Ich stand schon seit langem zuoberst auf der Einsatzliste der Regionalgruppe Graubünden des Schweizerischen Vereins für Katastrophenhunde. Das bedingt eine hohe Stufe der Alarmbereitschaft.

Hilfe nur auf Wunsch

Am nächsten Vormittag um elf Uhr mitten in der Sitzung kam das telefonische Aufgebot: Nachmittags um vier Uhr müsse ich mich mit Jason auf dem Flughafen Kloten einfinden. Ich fuhr gleich zurück nach Davos. Die definitive Abflugzeit wurde dann nochmals um vier Stunden verschoben. Die Chartermaschine führt je nach Einsatz bis zu 16 Tonnen Material für die Rettungskette mit. Das Beladen des Flugzeugs benötigt Zeit.

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Die Durchführung eines Rettungseinsatzes hängt immer von der Zusage des betroffenen Landes ab. Die Rettungskette Schweiz, die im Dienst des «Korps für humanitäre Hilfe» der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit steht, bricht nur auf, wenn sie erwünscht ist. Es gibt Organisationen aus anderen Ländern, deren Mitarbeiter sich einfach ins nächstbeste Flugzeug setzen und darauf spekulieren, nach der Landung nicht abgewiesen zu werden. Dadurch bekommen gewisse Einsätze leider auch Züge des Katastrophentourismus.

Vor jedem Einsatz vergleiche ich meine persönliche Ausrüstung und die Essensvorräte mit der Checkliste. Auch für Jason habe ich die Utensilien immer griffbereit. Ich bin für seine Nahrungsration verantwortlich. Unerlässlich sind ein gültiger Pass und Impfzeugnisse für uns beide. Sobald ich den Rucksack packe oder gewisse Kleider bereitlege, spürt der Hund sofort, dass etwas in der Luft liegt, und weicht nicht mehr von meiner Seite.

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Unser Einsatz in den Trümmern begann gleich nach Ankunft in Boumerdès gegen vier Uhr früh. Das Vorausdetachement der Rettungskette hatte bereits verschiedene Gebiete rekognosziert. Die Szenerie in der zerstörten Stadt mit ihren rund 65000 Einwohnern wirkte unheimlich auf mich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, war kein einziger Lichtstrahl erkennbar. Eine gespenstische Dunkelheit lag über den Trümmern. Im Freien stiessen wir immer wieder auf schlafende Menschen, die ihr Obdach verloren hatten.

Rettungsarbeiten im Dunkeln bergen ganz besondere Gefahren: Man sieht nicht, ob man an einem einsturzgefährdeten Haus vorbeigeht oder ob in der Strasse ein Riss klafft. Ich hatte vor allem Angst um Jason: Er hatte die Nase ganz vorn und war gefährdeter als ich.

Das Ziel, Menschenleben zu retten, steht im Vordergrund unserer Tätigkeit. Tote zu bergen ist aber ebenso wichtig. Denn für die Überlebenden ist es elementar, ihre verschütteten Angehörigen nochmals zu sehen tot oder lebendig. Erst dann können sie sich mit dem Schicksalsschlag abfinden. Wir wurden immer wieder von den Einheimischen angefleht, an bestimmten Stellen nach ihren Familienangehörigen zu suchen. Solche Bitten nahmen wir ernst und klärten die Einsatzmöglichkeiten ab. Aber erst wenn uns die Suchhunde Anhaltspunkte lieferten, wurden die Bergungsretter beigezogen.

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Jason war in den Trümmerbergen mit der ungewohnten Situation konfrontiert, dass seine erfolgreiche Suche nicht wie zu Hause beim Training von einem gestellten «Opfer», einem so genannten Figuranten, bestätigt und belohnt wurde. Zwei Tage nach der Rückkehr in die Schweiz nahm ich mit Jason in der Zivilschutzanlage Chur/Meiersboden an einer Trainingsübung teil, um ihn wieder mit den Abläufen von Witterung und Belohnung vertraut zu machen.

Hilfe von der Psychologin

Über Schreckensmomente, denen man in den Trümmern ausgeliefert ist, kann man mit Kollegen diskutieren und so das Gesehene verarbeiten. In Algerien stand auch eine Psychologin für Gespräche zur Verfügung. Mehr als einzelne Bilder erschütterten mich die Armut der Bevölkerung und das eigene Gefühl der Ohnmacht. Mir war schon von Anfang an klar, dass die Überlebenschancen klein waren angesichts des immensen Zerstörungsgrads des Erdbebens und der Bauweise der Häuser.

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Auch die Tragik der Zurückgebliebenen bewegte mich. Am meisten bedrückt mich aber die Vorstellung, dass viele der Überlebenden wohl wieder in ihre zerstörten Häuser zurückkehren werden, weil sie keine andere Möglichkeit haben.

Ich sehe den Einsatz in Algerien als Wertschätzung für den enormen Aufwand und das jahrelange Engagement. Für Hundeführer bewegen sich allein die jährlichen Trainingskosten zwischen 4000 und 8000 Franken. Doch es geht nicht in erster Linie ums Geld, sondern um die Begleitumstände. Der Hund wird ja älter; die meisten sind mit zehn Jahren nicht mehr einsatzfähig. Manche der rund 50 aktiven Hundeführer in der Schweiz warten jahrelang vergeblich auf ein Aufgebot. Das ist hart.

Von Albträumen bin ich zum Glück verschont geblieben. Aber die Bilder aus Algerien gehen mir nicht aus dem Kopf.

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