In der Sixtina kann man einen Hammer fallen lassen, und sogar das tönt schön. Hier tut einem jeder Ton gut, man hört gern hin; die Akustik in dieser über 500 Jahre alten Kirche ist phänomenal. Das liegt an ihren ganz einfachen, klassischen Proportionen: Die Länge entspricht der doppelten Höhe und der dreifachen Breite. Ausserdem hat der ganze Raum keinerlei Vorsprünge, so dass praktisch keine Schallenergie verloren geht. Ich habe gestoppt: Ein Orgelton hallt 14 Sekunden nach.

Für uns Orgelbauer sind die baulichen und akustischen Charakteristiken eines Kirchenraums entscheidend, wenn wir ein neues Instrument planen. Aus ihnen leiten sich die Anzahl und die Masse der Pfeifen ab. Bei der neuen Orgel für die Sixtinische Kapelle, die wir in den letzten Monaten in unserem Betrieb in Näfels bauten, kam ein weiterer Punkt hinzu: Das Instrument kann nicht ständig in der Kirche stehen, sondern wird nach jeder Verwendung im oberen Stock, in der Aula Benedizione, «parkiert». Also musste es mit einer elektrohydraulischen Transportvorrichtung ausgestattet werden und zudem klein genug sein, um durch die verschiedenen Türen zu passen.

In der Nacht ein Saal für zwei

Unter diesen Bedingungen entstand eine dreieinhalb Tonnen schwere Orgel mit 787 Pfeifen aus Zinn und Holz. Das ist nicht viel, um einen 10000 Kubikmeter grossen Raum mit Klang zu füllen. Zum Vergleich: Die neue Orgel für das Basler Münster, die ich gegenwärtig intoniere, verfügt immerhin über 5701 Pfeifen.

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Die Klanggestaltung des vergleichsweise kleinen Instruments im Vatikan benötigte 16 Tage. Oder genauer: 16 Nächte, denn tagsüber gehörte die Papstkapelle wie üblich den Touristen. Das allabendliche Ritual war schon sehr speziell: Punkt 19 Uhr wurden mein Assistent Johann Roffler und ich unten an der Pforte von einem Schweizergardisten in Empfang genommen und durch den leeren Palast zur Sixtina geführt. Dann fiel die Tür hinter uns ins Schloss, und für die folgenden zwölf Stunden waren wir ganz allein in diesem Prunkbau aus der Renaissance im wahrsten Sinn des Wortes eingeschlossen von Kunstwerken, die einzigartig sind auf der Welt. Diese Atmosphäre geht einem unter die Haut; ich brauchte jeden Abend eine Stunde, bis ich mit dem Kopf wirklich bei der Sache war.

Eine Orgel zu intonieren lässt sich vergleichen mit dem Entstehungsprozess in der Malerei. Es ist, wie wenn der Künstler am fast fertigen Bild die letzten Nuancen anbringt und die Farbtöne aufeinander abstimmt und das Werk erst dadurch unverwechselbar macht. Deshalb nenne ich mich auch gern Klangmaler.

Eine Datenbank für Töne

Eine Intonation ist minuziöse Feinarbeit, die viel Geduld erfordert. Vor allem muss man die Fähigkeit haben, sich Töne vorzustellen, sie abzuspeichern und später wieder hervorzuholen. Das heisst: Bei der ersten Pfeife muss ich innerlich schon hören, wie die letzte tönen soll.

Das ist eine Erfahrungssache. Ich bin seit 1971 Orgelbauer, als ich in der Firma meines Vaters die Lehre machte. Drei Jahre später war ich erstmals bei einer Intonation dabei, und bis heute habe ich gegen hundert unserer Orgeln klanglich ausgestaltet. Doch bei aller Erfahrung: Es ist jedes Mal das erste Mal. Schliesslich ist jede Orgel ein Unikat, und es gibt keine Räume, deren Eigenschaften genau gleich sind. In der Sixtina zum Beispiel reagiert der Raumkörper auf die Frequenzen der Töne D und G ausserordentlich stark.

Oder habe ich da zu viel gehört? Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich in der Klangwelt versinke, mich allzu stark in schwierige Tonverhältnisse verbeisse. Diese Gefahr besteht gerade bei einer Nachtintonation wie jener im Vatikan, die in absoluter Stille und ohne jede Ablenkung stattgefunden hat. Da hört man dann «Probleme», die eigentlich gar keine sind.

So war es wohl auch in diesem Fall. Am 14. Dezember, als die neue Orgel geweiht wurde und zu ihrem ersten Einsatz kam, tönte dann jedenfalls auch in meinen Ohren alles gut. Bei der Zeremonie sagte der päpstliche Zeremonienmeister, Bischof Piero Marini: «Zur Schönheit der Bilder kommt nun der harmonische Klang dazu.» Da wurde mir so richtig bewusst, dass ein Mathis-Instrument in einem der kulturhistorisch bedeutendsten Bauwerke der Welt den Ton angibt. Die Orgel für den Papst das macht mich schon etwas stolz.

Vor diesem Auftrag habe ich die

Sixtina gekannt wie alle anderen auch: als Tourist inmitten einer staunenden Menschenmenge. Der einsame Job in diesem Raum hat mir natürlich viel intimere Eindrücke ermöglicht. Während der Intonation ist mein Blick besonders häufig am Deckengewölbe hängen geblieben, an den Szenen aus der Schöpfungsgeschichte. Verblüffend, wie Michelangelo mit der Zeit von der Exaktheit des Renaissance-Stils weggekommen ist und sich immer mehr Freiheiten genommen hat. Die Figur des Propheten Jonas beispielsweise ist fast nur noch angedeutet, und doch sieht es so aus, als sitze er leibhaftig dort oben.

Die Wirkung der Fresken mit ihren kräftigen Farben und den plastischen Darstellungen ist beeindruckend und auf Dauer fast bedrückend. Nach einer langen Nacht in dieser intensiven Atmosphäre hatte es etwas Befreiendes, morgens um sieben nach getaner Arbeit die Weite des Petersplatzes zu sehen.

Mehr als ein Musikinstrument

Oft werde ich gefragt, ob man als Orgelbauer gläubig sein müsse. Nun, ich bin tatsächlich Katholik, doch das spielt für mich selbst im Vatikan eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist mir aber, mit den kirchlichen Gebräuchen vertraut zu sein; ich könnte mir nicht vorstellen, ohne diesen Hintergrund eine Orgel zu bauen und zu intonieren. Schliesslich hat dieses Instrument einen anderen Zweck, als nur Musik zu machen: Es ist ein liturgisches Werkzeug, das die Raumatmosphäre akustisch verändert und den Menschen so einen anderen Zugang zum Inhalt eines Gottesdienstes erlaubt. Über den Gehörsinn kann man die Menschen öffnen und etwas in ihnen auslösen, davon bin ich überzeugt. Nicht nur in der Kirche.