Um es gleich vorwegzunehmen: Die Bezeichnungen Bagger-Edi, Trax-Edi oder gar Mammut-Edi, wie der «Blick» mich ohne mein Wissen nannte, treffen weder auf meinen Beruf noch auf meine Person zu. Erstens fahre ich offenkundig einen Pneulader und zweitens heisse ich Edgar. Gute Kollegen rufen mich allenfalls Eggi oder Gari, aber niemals Edi. Vielleicht kann man das ja einmal richtig stellen.

Dass ich mit meinem Pneulader jemals auf einen 45'000 Jahre alten Mammut-Zahn stossen würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Immerhin trage ich jetzt seit 35 Jahren als Maschinist der Lötscher Kies + Beton AG in der Kiesgrube Ballwil täglich tonnenweise Material ab und verlade es auf Lastwagen. Manchmal fielen mir Steine mit Pflanzenmustern oder mit Hohlräumen in der Mitte auf. Und jetzt dieser knapp zwei Meter lange, 20 Kilo schwere Stosszahn - da kann man nur von Glück reden. Natürlich habe ich eine langjährige Berufserfahrung. Ein Anfänger hätte das Ding vielleicht übersehen.

Sofort in Alarmbereitschaft

Es war kurz vor der Mittagspause, ein Tag wie jeder andere. Ich hatte die Baggerschaufel schon ziemlich voll geladen. Zum Abschluss setzte ich nochmals zum Aushub an. Plötzlich ragte etwas Rundes, ungewohnt Weisses aus der Wand. Sofort war ich in Alarmbereitschaft. Bei näherem Hinsehen war ich ziemlich sicher, dass es sich bei diesem Fremdkörper um den Teil eines Mammut-Zahns handelt. Dass der ganze Elfenbein-Zahn unbeschadet unter der 15 Meter dicken Sedimentschicht konserviert blieb, erstaunte selbst die Fachwelt. Hätte ich mit dem Pneulader Gas gegeben, wäre der Zahn futsch gewesen. Auch mit einer leeren Baggerschaufel wäre das kostbare Relikt unter den Aushubschutt zu liegen gekommen.

Natürlich orientierte ich sofort meinen Chef. Er bat mich, vorerst alles geheim zu halten, bis die Archäologen ihr Urteil gefällt hatten. Die Fundstelle wurde eingezäunt und mit Sand überdeckt. Mit der Giesskanne hielten wir die Schutzzone feucht, damit das Elfenbein beim Kontakt mit Sauerstoff nicht zerbröselte.

Gar ein ganzer Mammut-Friedhof?

Die Vermutung - und Hoffnung - bestätigte sich: Ich hatte tatsächlich den gut erhaltenen Stosszahn eines Mammuts ans Tageslicht befördert. Nach ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen ist der Koloss vermutlich zwischen Eschenbach und Luzern verendet. Der mächtige Fluss, der damals durch das Seetal floss, hat ihn nach Ballwil geschwemmt. Jahrtausendelang lagerte sich Flussgeschiebe über dem Zahn ab. Die Annahme, das Mammut habe zeitgleich mit den Neandertalern gelebt, nährt natürlich die Fantasie, auch noch auf menschliche Überreste oder gar auf einen ganzen Mammut-Friedhof zu stossen. Wer weiss, vielleicht habe ich während meiner 35 Berufsjahre achtlos schon versteinertes Material ganzer Mammuts verladen, die zu Beton verarbeitet wurden.

Als der Fund öffentlich bekannt gemacht wurde, gab es ein Riesentheater. Die Medien machten mich bald einmal ausfindig, und auch das Fernsehen wollte ein Interview. Als meine vierjährige Enkelin die Sendung sah, rief sie mich gleich an und fragte: «Ätti, warum hast du so einen Seich erzählt?» Sie konnte sich unter einem Mammut nichts vorstellen. Ich selber interessierte mich vorher auch nicht besonders für diese urzeitlichen Tiere. Ein einziges Mal schaute ich im Natur-Museum in Luzern ein Fundstück an. Ich habe jetzt im Lexikon nachgelesen, wie das Leben damals war - oder hätte sein können.

Der Chef der Firma nutzte diesen Glücksfall natürlich auch als Reklame. Er lud die Bevölkerung an einem Samstag zu einem Tag der offenen Tür in die Kiesgrube ein. Hunderte von Gästen - auch aus dem Ausland - bestaunten den Riesenzahn und vertieften sich in die zusätzlichen Informationen. Ein Grillstand und Getränkewagen sorgten für das leibliche Wohl. Ein Bauer aus der Nachbarschaft verkaufte eigene Produkte ab Hof. Ich selber durfte gratis essen und trinken.

Auf der Strasse öfter gegrüsst

Der Zahn mit der Nummer 1'188 A/28.9.06 ist Eigentum des Kantons. Als Finder werde ich im Archiv verewigt. Aber sonst hat sich mein Leben nicht verändert. Ich habe auch nicht davon profitiert. Wie immer fahre ich täglich jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit. Vielleicht werde ich jetzt auf der Strasse öfter gegrüsst. Aber ich suchte noch nie die Öffentlichkeit. Kürzlich an der Wolhuser Gewerbeausstellung war mir der Rummel dann zu viel. Alle wollten mich auf ein Gläschen einladen. Ich musste fast flüchten. Aber jetzt kommt ja dann vor allem wieder der Blocher in die Zeitung, und in einem Jahr ist wohl alles vergessen. Es sei denn, der neue Kreisel in Ballwil werde wirklich mit einer naturgetreuen Kopie des Mammut-Zahns ausgestattet. Als Fasnachtssujet werde ich wohl auch nochmals herhalten müssen. Und der Übername «Mammut-Edi» wird mir bleiben. Aber mit meinen Chüngeln und meinem Labradorhund verbindet mich weiterhin mehr als mit einem Mammut.

Quelle: Gerry Nitsch
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