Ein Mammut ausgraben so eine Gelegenheit würde sich nie wieder ergeben. Ich war ganz aufgeregt nach dem Telefongespräch mit meinem Chef von der Kantonsarchäologie Zürich. Als wir die Baustelle in Niederweningen besichtigten, juckte es mich richtig in den Fingern.

Ein Baggerführer war beim Ausheben eines Kanalisationsgrabens auf die Überreste des Tieres gestossen. Zum Glück stellte er die Baggerarbeit sofort ein. Auch der Architekt reagierte vorbildlich. Er räumte uns Zeit ein, um die Überreste des Mammuts ans Tageslicht zu befördern.

Ich wurde von heute auf morgen mit der Grabungsleitung betraut. Als Archäologe legte ich bisher vor allem menschliche Spuren frei: Fischernetze aus der Pfahlbauzeit, Muschelschmuck oder Überreste römischer Siedlungen. Mit Fossilien setzt sich das Paläontologische Institut in Zürich auseinander. Als es uns um Verstärkung bat, sagten wir sofort zu.

Das Mammut erschien im Traum

Über das Mammut wusste ich zu dem Zeitpunkt noch wenig. Ich tastete mich mit Ehrfurcht an das Urtier heran, las mich ein. Das Tier erschien mir sogar im Traum: Ich war auf der Ausgrabungsstätte, überlegte mir, wie mein achtköpfiges Team und ich vorgehen sollten, und freute mich riesig auf die Freilegung der Mammut-Überreste.

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Mit Schaufel, Hacke, Lanzetten und Pinsel trugen wir vorsichtig Schicht um Schicht ab. Das Ausgraben ist Knochenarbeit. Unter der Zeltblache wird es an sonnigen Tagen siedend heiss. Trotz Schaumstoffmatten schmerzen am Abend die Knie. Handgelenke und Rücken sowieso. Trotzdem grabe ich sehr gern selbst, wenn ich Zeit dazu finde. Beim Mammut war das leider nicht der Fall.

Das Skelett des Tieres ist fast vollständig erhalten. Das gabs in der Schweiz bislang erst einmal. Das erste ganze Mammutskelett wurde 1969 in einer Kiesgrube im waadtländischen Praz-Rodet ausgegraben. Heute ist der Steinzeit-Zeuge im geologischen Museum in Lausanne ausgestellt.

Unser Mammutfund war deshalb

eine Sensation, das Interesse der Öffentlichkeit extrem. Ich hatte alle Hände voll zu tun: mit der Koordination der Grabungsarbeiten, der Information der Medien und den Führungen für die Bevölkerung. Vor der Bauabschrankung standen die Leute über Mittag Schlange für die halbstündige Besichtigung der Grabungsstätte.

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Ich zeigte ihnen die freigelegten schwarzen Knochen in der Grube. Wir fanden sie in fünf Meter Tiefe in der unteren von zwei Torfschichten. Mit jedem Zentimeter Boden, den wir abgetragen hatten, blätterten wir ein Kapitel zurück in der Erdgeschichte.

Das Mammut war ein ausgewachsenes Jungtier und um die 10 bis 15 Jahre alt. Vom Boden bis zum Rist mass es rund drei Meter. Es hatte mächtige und elegant geschwungene Stosszähne.

Vor über 35000 Jahren wollte es vermutlich am Wehntalersee Wasser trinken und verirrte sich im Sumpf. Ob es ertrank oder verhungerte, weiss ich nicht. Nach seinem Tod versank es im Morast. In der zwischen Ton eingequetschten sauren Torfschicht wurden seine Gebeine perfekt konserviert für die Forschung ein Glücksfall.

Zwar ist die Stammesgeschichte des Mammuts relativ gut erforscht. Es ist ein direkter Verwandter des Elefanten. Vor rund fünf Millionen Jahren haben sich die Entwicklungslinien getrennt. Doch da die Funddichte relativ gering ist, sind unsere Forschungsergebnisse über diese enorme Zeitspanne hinweg mehr Momentaufnahmen. Mit jedem zusätzlichen Fund wird das Bild vollständiger.

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Niederweningen ist die bisher reichhaltigste Fundstelle in der Schweiz. Der neu entdeckte Koloss stammt aus derselben Torfschicht wie die Knochen- und Zahnfragmente, die 1890 im «Mammutloch» ausgegraben wurden. Beim damaligen Bau der Eisenbahnlinie stiess man zusätzlich auf Überreste von Wollnashörnern, Wildpferden, Steppenwisenten, Wölfen und Grasfröschen. Die Funde sind heute im Zoologischen Museum der Universität Zürich ausgestellt.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Schade ist, dass der Kontext der damaligen Grabungsarbeiten nicht dokumentiert ist. Wir achten heute sehr darauf. Man kann ein Mammut nicht einfach ausgraben. Um den Fund wissenschaftlich auswerten zu können, müssen die Knochenfunde schriftlich, zeichnerisch und fotografisch in ihrem Umfeld festgehalten werden. Zudem entnehmen wir den Bodenschichten Proben.

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Unser Ziel ist es, ein möglichst vollständiges Bild von dieser Zeit und dem Lebensraum des Mammuts zu entwickeln. Sind diese Tiere tatsächlich bereits vor 10000 Jahren am Ende der Eiszeit ausgestorben oder erst 1500 vor Christus, wie neuere Erkenntnisse nahe legen?

Die Arbeiten waren im doppelten Sinn ein Wettlauf gegen die Zeit: Der Bauherr drängte darauf, nach drei Wochen weitermachen zu können mit der Einfamilienhausüberbauung. Für Ausgrabungen mit diesen Dimensionen ist das extrem knapp. Wir hätten mindestens sechs Wochen gebraucht. Wir arbeiteten deshalb bis spät in den Abend und auch am Samstag.

Wunschberuf Astrophysiker

Eile war auch wegen der Knochen angesagt. Sie leiden, wenn sie plötzlich Luft, Licht und Temperaturschwankungen ausgesetzt sind. Sie trocknen aus, werden spröde und brüchig.

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Aus diesem Grund umwickelten wir sie so rasch wie möglich mit Alufolie und legten sie in mit Wasser gefüllte Behälter. Dann packten wir sie in Plastikbeuteln feucht und luftdicht ab. Zwischengelagert haben wir sie lichtgeschützt im Zivilschutzkeller Niederweningens.

Mit dem Knochensammeln war unsere Arbeit getan. Die Konservierung ist Sache der Paläontologen.

Wo unser Mammut landen wird, weiss ich noch nicht. Es soll der Öffentlichkeit gezeigt werden. Niederweningen hat Interesse, doch es fehlen geeignete Räumlichkeiten. Auch das Landesmuseum in Zürich kommt in Frage.

Dass ich einmal ein Mammut ausgraben würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Die Vergangenheit hat mich in meiner Jugend nicht im Geringsten interessiert. Meine grossen Hobbys waren die Raumfahrt und die Astronomie. Doch statt ins Weltall aufzubrechen und als Astrophysiker die Zukunft des Universums zu erforschen, grabe ich nun auf den Spuren der Vergangenheit in der Erde.

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