Keiner Fliege taten wir etwas zuleide, weder bei unserem Besuch bei der exiltibetischen Regierung im indischen Dharamsala noch bei der Privataudienz beim Dalai-Lama. Alle zehn Mitglieder der Delegation, darunter vier Nationalrätinnen und Nationalräte, waren sich bewusst, dass Buddhisten jedem Lebewesen, sei es noch so klein, den grössten Respekt entgegenbringen. Dies entspricht grundsätzlich auch meiner Haltung. Als aber beim Diner mit dem tibetischen Regierungschef Samdhong Rimpoche unter meiner Serviette eine tote Mücke zum Vorschein kam und später eine weitere in meiner Kaffeetasse landete, war das auch für die Gastgeber nicht der Rede wert. Das gehört in ihrer Religion ebenfalls zum Kreislauf der Natur.

Keine Rituale und Rollenspiele

In der Gestalt des Dalai-Lama verehren die Tibeterinnen und Tibeter die Reinkarnation eines Bodhisattva, eines erleuchteten Wesens. Ich persönlich masse mir als Christ kein Urteil über den Glauben an die Wiedergeburt an. Diese Frage bleibt für mich auch nach der persönlichen Begegnung mit dem geistigen und politischen Oberhaupt Tibets offen.

Zugegeben, in dem Augenblick, als der 68-Jährige den schlichten Raum betrat, in dem wir mit dem Privatsekretär auf ihn warteten, ergriff mich ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Am ehesten war es vergleichbar mit einem Hauch von Gänsehaut. Als Politiker hat mich jedenfalls noch nie eine Begegnung mit einem Menschen so beeindruckt und berührt. Der Dalai-Lama hat eine überaus warme, herzliche, offene, humorvolle und auch sehr liebenswürdige Ausstrahlung.

Anzeige

Die Toleranz der Tibeterinnen und Tibeter gegenüber Fremden lernte ich schon 1988 bei meinem einmonatigen Aufenthalt in diesem wunderschönen Land schätzen. Zudem sind ihre Verhaltensregeln nicht kompliziert. Wir mussten vor der Reise keine Rituale oder Rollenspiele einstudieren. Hingegen ist die Tradition Geschenke auszutauschen wie im ganzen asiatischen Kulturraum auch bei Tibeterinnen und Tibetern tief verwurzelt.

Bei den Gaben für den Dalai-Lama liessen wir uns etwas Besonderes einfallen: Wir überreichten ihm einen Videofilm über die Schweiz, einen vergoldeten Kugelschreiber und als Überraschung eine Bündner Nusstorte. Mit den Bündner Bergen fühlt er sich nämlich seit einem längeren Kuraufenthalt verbunden. Der Tessiner Nationalrat Fabio Pedrina offerierte ihm noch ein Spezialgebäck aus seinem Heimatkanton.

Anzeige

Zusätzlich deckten uns die Parlamentsdienste im Bundeshaus mit Kugelschreibern für die verschiedenen Begegnungen ein, und als Mitbringsel hatten wir immer einige Packungen «Toblerone» parat. Auch für Einladungen und Empfänge waren wir gerüstet: Die traditionellen Katas füllten einen ganzen Rucksack. Die Kata sieht einem Schal ähnlich und wird als Glücksschleife zwischen Gastgebern und Geladenen ausgetauscht. Für den Dalai-Lama hatten wir ein besonders fein verarbeitetes Stück gefunden, und auch er überreichte jedem von uns ein Exemplar, das wir gleich um den Hals legten. Zu diesem Geschenk werde ich grosse Sorge tragen.

Als wir am Wohnsitz des Dalai-Lama auf «Your Holyness» warteten so wird das Oberhaupt Tibets angesprochen , spürte ich Freude und Anspannung zugleich. Auch der Privatsekretär wirkte etwas nervös, als er uns kurz ins Protokoll einführte. Doch der Dalai-Lama schien nicht viel von Etikette zu halten. Er überging die offizielle Begrüssungsansprache und setzte sich gleich an den Tisch.

Anzeige

Seine Heiligkeit bot mir den Platz neben ihm an und erkundigte sich nach unseren Eindrücken und Anregungen. So durchbrach er spontan alle Schranken und schaffte in Sekundenschnelle eine offene, freundschaftliche und lockere Atmosphäre. Die drei Tibeter aus der Schweiz, die unsere Gruppe begleiteten, waren sichtlich gerührt, als er sie erkannt hatte. Beim abschliessenden Fototermin gab sich der Dalai-Lama gelöst und hielt Nationalrätin Maya Graf und mich an der Hand. Dadurch gewann das Treffen zusätzlich an Herzlichkeit.

Politische Fragen diskutiert

Zweifelsohne war die Privataudienz das eindrücklichste Erlebnis dieser Reise. Aber die Parlamentarische Gruppe für Tibet, die ich präsidiere, ist ja nicht nur nach Dharamsala gereist notabene auf eigene Kosten , um den Dalai-Lama zu treffen. Vielmehr wurden wir vom tibetischen Exilparlament eingeladen, um mit ihm und der Regierung die Beziehungen zu vertiefen, vor Ort verschiedene Non-Profit-Organisationen besser kennen zu lernen und generell politische Fragen zu diskutieren. Es war ein Gegenbesuch auf unsere Einladung vor drei Jahren, als eine tibetische Parlamentsdelegation in die Schweiz kam. Wir erfuhren erst bei den Reisevorbereitungen, dass der Dalai-Lama während dieser Zeit auch in Dharamsala weile und uns empfangen werde. Die Einladung betrachte ich auch als Wertschätzung und Anerkennung dafür, dass ich mich im Parlament immer wieder für die Rechte des tibetischen Volkes einsetze.

Anzeige

Nicht zur Kultfigur stilisiert

Die Beziehungen zu Tibeterinnen und Tibetern haben mein Leben verändert. Nachdem ich das Land vor 15 Jahren zum ersten Mal besucht hatte, wurde ich Mitglied der Gesellschaft für Schweizerisch-Tibetische Freundschaft und tauchte mehr und mehr in die fremde Kultur ein. Mittlerweile vergeht kaum ein Tag ohne Kontakte zu tibetischen Freunden und Freundinnen. Dabei werde ich immer auch mit meiner eigenen Religion konfrontiert.

Tibet ist mir ein echtes Herzensanliegen. Meine eigenen Sorgen und Probleme relativieren sich oft, wenn ich mir vor Augen führe, mit welcher Friedfertigkeit und Heiterkeit der Seele das tibetische Volk sein Schicksal trägt und mit welcher Gelassenheit die Menschen mit ihren Leidensgeschichten umgehen. Ich habe noch nie ein Idol verehrt. Das entspricht nicht meinen Wertmassstäben. Auch den Dalai-Lama stilisiere ich nicht zur Kultfigur hoch. Ich empfinde aber für ihn eine grosse Hochachtung. Er hat mein politisches Denken massgeblich mitgeprägt.

Anzeige
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.