Sarah Bühler: Wir waren hin und weg: Der Schweizer Jugendchor sollte die neue Na­tionalhymne einsingen – welche Ehre! Unsere Chorleitung hatte das Geheimnis lange Zeit gut gehütet. Und so erfuhren wir erst vor der ersten Probe im Februar davon.

Angefangen hat es mit dem Wettbewerb für eine neue Landeshymne, den die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft durchführt. 208 Beiträge wurden eingereicht, sechs von der Jury zur Weiterverfolgung auserkoren. Ein Teil unseres Chors durfte diese nun in allen Landessprachen an drei Probe­tagen einüben, im März wurde das Ganze im Fernsehstudio Zürich auf­genommen. Die Videos sind bis am 15. Mai für ein Online-Voting öffentlich zugänglich.

Es macht mich stolz, dass ich bei diesem Projekt dabei sein darf. Eine gute Landeshymne ist wie eine Visitenkarte – oder mehr noch: wie ein Leitbild für ein Land. Ich treibe viel Sport, schaue auch gern Eishockey, und wenn dann alle vom Siegerteam das gleiche Lied singen – das hat einfach Charakter.

Rätoromanisch: Ganz schön schwierig

Drei der sechs Hymnen-Vorschläge behalten die alte Melodie bei, einer nimmt sie als Basis für eine moder­nere Variante, zwei Melodien sind ganz neu. Wir hatten das recht schnell im Ohr: Das Niveau im Schweizer ­Jugendchor ist hoch.

Mehr Probleme bereiteten uns die Texte. Wir nehmen es mit der Aussprache sehr genau. Als Deutschschweizerin fand ich besonders das Rätoromanische schwierig, da gibt es andere Vokalfarben als in den mir bekannten Sprachen. Die Wörter der übersetzten Texte stimmten auch nicht immer mit Takt und Melodie überein. Im Schweizer Jugendchor ist fast jeder Kanton vertreten, und so konnten wir uns ­gegenseitig helfen. Und je länger wir probten, desto klarer kristallisierten sich für mich die Favoriten heraus – nennen möchte ich sie nicht. Jeder soll sich seine eigene Meinung bilden.

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Ich verstehe durchaus, dass viele an der bisherigen Melodie festhalten wollen. Auch ich habe die Melodie von Alberich Zwyssig immer gern gesungen, sie ist harmonisch gut aufgebaut. Aber der Text ist nicht mehr zeit­gemäss. Er ist viel zu heroisch und ­patriotisch. Man kann heute nicht mehr nur von unserem Vaterland, uns Schweizern, unseren Alpen singen. Das spricht die Jungen nicht mehr an. Wir sind weltoffener als frühere Generationen und wissen auch, dass wir allein nicht weit kommen.

Die Schweiz – je länger, je lieber

Das heisst nicht, dass ich keine Patriotin bin – im Gegenteil. Ich komme aus Schötz im Kanton Luzern. Nach der Matura absolvierte ich in Tansania ein viermonatiges Sozialpraktikum an einer Schule. Ich war auch schon einige Male in Europa und in Amerika unterwegs. Und je mehr ich in der Welt herumkomme, desto lieber habe ich mein Land.

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Das fängt im Kleinen an. In der Schweiz kann man einfach den Hahn aufdrehen und das Wasser trinken. Oder den Lichtschalter andrehen, und es wird tatsächlich hell. Im Grossen schätze ich unsere demokratischen Institutionen, das Schulwesen, die Chancengleichheit, das Rechtssystem. Die Durchsetzung von Recht und Ordnung finde ich zentral für einen gut funktionierenden Staat. Deshalb habe ich mich entschieden, Polizistin zu werden, und beginne im Herbst mit der Polizeischule.

Die Einheit in der Vielfalt

Ich fände es schön, wenn man die Werte der Schweiz in einer neuen Na­tionalhymne benennen würde. Die Texte der sechs Wettbewerbsbeiträge finde ich da recht gelungen. Voraus­setzung für die Autoren war ja auch die Präambel der Bundesverfassung, eine Art Zusammenfassung unserer Wertehaltung. Besonders gefallen mir jene Beiträge, die den Akzent auf die Einheit in der Vielfalt setzen. Bei uns leben Menschen mit verschiedenen Sprachen, Nationen und Religionen, wir Ansässigen teilen uns ja schon in vier Sprachregionen auf. Das macht die Schweiz aus. Bei allen Unterschieden sind wir einig in vielem – und wenn nicht, dann suchen wir ernsthaft einen Kompromiss.

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Wenn schon eine neue Hymne, dann plädiere ich auch für eine neue Melodie. So hat die Landeshymne eine Zukunft. Ich jedenfalls würde mich unglaublich freuen, wenn meine Kinder und Enkel jene Hymne singen würden, bei deren Entstehung ich mitgeholfen habe. Und sollte die Enkel­generation auf neue Ideen kommen, ist das auch okay. In diesem Land darf sich jeder einbringen und kann ver­suchen, eine Mehrheit zu finden.