Nach den wüchsigen Tagen rund um Auffahrt hatte ich Gewissheit: Es hat uns erwischt! Die Blüten zahlreicher Bäume waren welk und dunkel verfärbt, typische Anzeichen für Feuerbrand. Inzwischen ist das ganze Ausmass bekannt, mit dem diese hochansteckende Bakterienkrankheit auf unseren Obstplantagen gewütet hat: Auf den neun Hektaren, die unser Familienbetrieb in Gossau SG und Hauptwil TG bewirtschaftet, sind beinahe zwei Drittel der etwa 25'000 Apfelbäume befallen.

Weil wir 1998 mit der Milchwirtschaft aufgehört haben und seither voll auf den Obstbau setzen, ist das für uns eine Katastrophe. Statt um die 300 Tonnen Ertrag, wie in guten Jahren, wird es diesmal nur einen Bruchteil davon geben. Und damit ist der Schaden noch längst nicht ausgestanden. Ein neuer Niederstamm-Obstbaum erreicht nämlich erst in seinem vierten Standjahr wieder den Vollertrag. Das ist halt nicht wie in der Industrie, wo man einfach auf den Knopf drücken und neu starten kann. Wir müssen warten, bis die Natur wieder so weit ist.

Der Tod kommt von innen
Unversehrt geblieben sind in unserem Betrieb eigentlich nur die zwei Hektaren mit Maigold und Idared. Diese Sorten haben früher geblüht, das war ihr Glück. Denn der Zeitpunkt der Bluescht ist entscheidend beim Feuerbrand: Wenn die Blüten offen sind und es gleichzeitig warm und feucht ist, steigt die Gefahr, dass es zu Infektionen kommt. Sind die Bakterien erst einmal ins Pflanzengewebe eingedrungen, breiten sie sich rasch aus und lassen den Baum quasi von innen her absterben.

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Das habe ich bereits in den siebziger Jahren im Obstfachkurs gelernt - aber nur in der Theorie, denn damals kannten wir den Feuerbrand bei uns noch kaum. Das hat sich erst vor ein paar Jahren geändert, mit all diesen warmen Wintern und Frühlingen. Wir selber waren 2003 erstmals betroffen, dann wieder 2005. Damals musste ich eine halbe Hektare Boskoop roden; stattdessen habe ich dann Jonagold gepflanzt. Vor ein paar Wochen haben diese Bäumchen das erste Mal geblüht - und jetzt ist alles wieder kaputt. Das zu sehen tut weh. Schliesslich ist es jedes Mal ein kleines Lebenswerk, das da auf einen Schlag zerstört wird.

Ob ich verzweifelt bin deswegen? Oder wütend? Nein - auf wen auch? Daran ist ja niemand schuld. Das ist einfach ein Schicksalsschlag, wie wenn jemand krank wird, der einem nahesteht. Wenn es die Natur so will, sind wir einfach machtlos. Damit lernt man zu leben, wenn man in der Landwirtschaft tätig ist.

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Antibiotikum als Politikum
Unsere Berufskollegen auf der anderen Seite des Bodensees, die Obstbauern in Süddeutschland und Österreich, dürfen das Antibiotikum Streptomycin einsetzen, um ihre Kulturen vor dem Feuerbrand zu schützen. Bei uns ist es verboten - das ist ein Politikum. 

Ich bin auch nicht dafür, planlos Antibiotika zu verwenden. Aber das ist ja auch gar nicht die Idee. Vielmehr müsste es einfach möglich sein, bei ausgeprägten Gefahrensituationen wie in diesem Jahr eine Sonderbewilligung zu erhalten. Heuer hat es eine Woche lang geblüht, da wären zwei Streptomycin-Einsätze nötig gewesen, um den Schaden zu verhindern. Doch es bringt nichts, darüber noch gross zu diskutieren. Jetzt ist es zu spät.

So wie uns geht es vielen hier. In der Ostschweiz ist es zu einer regelrechten Feuerbrand-Epidemie gekommen. Bereits mussten in den Kantonen St. Gallen und Thurgau Dutzende Hektaren Anbaufläche gerodet werden. Das ist ein schwerer Schlag für den Obstbau, der in unserer Region ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Wenn ich mich unter Kollegen umhöre, reden viele im ersten Schock davon, aufzugeben. Ich hoffe aber, dass schliesslich möglichst viele den Mut aufbringen, doch noch weiterzumachen. Nur schon wegen des Landschaftsbildes. Denn man stelle sich vor: «Mostindien» ohne Bäume - für mich ist das eine Schreckensvision.

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Lohnt sich ein Neuanfang?
Wie es in unserem Betrieb weitergeht, ist noch nicht geklärt. Vorerst versuche ich zu retten, was zu retten ist, indem ich befallene Äste ausbreche, um nicht den ganzen Baum ausreissen zu müssen. Letztlich werden wir aber wohl nicht darum herumkommen, grosse Teile des Bestandes zu roden. Für den entstandenen Verlust gibt es eine Entschädigung aus dem vom Kanton geführten Pflanzenschutzfonds. 

Doch ich bin jetzt 54-jährig, da muss ich über das aktuelle Ereignis hinausdenken: Lohnt es sich, nochmals mit dem Aufbau einer neuen Obstkultur zu beginnen? Die Antwort auf diese Frage habe ich mir eigentlich schon gegeben: Nein, in meinem Alter, das macht keinen Sinn mehr - ich muss wohl aufgeben. Nach 27 Jahren als Obstbauer mit Leib und Seele ist das eine schmerzliche Erkenntnis.

Vielleicht sehe ich das ein bisschen zu pessimistisch, aber ich denke generell, dass es immer schwieriger wird, mit dem Obstbau eine sichere Existenz zu haben. Die Preise sind im Keller, und der Feuerbrand kann jederzeit wiederkommen. Ich werde nun zusammen mit meiner Familie nach einer Lösung für die Zukunft suchen. Denn eines lasse ich mir vom Feuerbrand nicht nehmen: Meinen Landwirtschaftsbetrieb will ich mit Stolz an die nächste Generation weitergeben. 

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