Ein klassischer Augenzeuge bin ich natürlich nicht. Aber ich fand, es sei nun an der Zeit, den Sehenden die Augen zu öffnen. Weil ich gerne schreibe, war das Buch als Medium gesetzt. Die Hindernisse, mit denen wir täglich konfrontiert sind, werden nicht aus Bosheit errichtet. So liegt es mir auch fern zu jammern.

Was blind sein heisst, wird ein Sehender nie richtig begreifen. Ich habe links ein Glasauge, also keinerlei Lichtempfindung mehr. Doch die Annahme, ich hätte nur Schwärze vor mir, ist falsch, auch wenn es die Sehenden im Restaurant Blinde Kuh in Zürich, wo stets vollkommene Dunkelheit herrscht, so erleben. Ein Kollege von mir hat zwei Glasaugen. Er beantwortet die Frage, was denn der Blinde sehe, mit der Gegenfrage: «Was siehst du mit den Ohren?» Die Antwort lautet zwar «nichts». Aber dieses Nichts ist doch auch etwas. Vielleicht kann man es mit dem Zustand in der Dämmerung vergleichen - wobei in der «blinden» Dämmerung keine Konturen existieren.

«Plötzlich packt mich einer am Arm»
Wie massiv unsere Behinderung ist, wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Durchschnittsmensch 75 Prozent der Umwelteindrücke über die Augen wahrnimmt. Leider wird aber oft vergessen, dass die anderen Sinne auch bei uns ganz normal funktionieren. Fähigkeiten, die für die Sehenden selbstverständlich sind, die sie uns aber absprechen. «Was nimmt er?», fragen Serviceangestellte im Restaurant meine Frau nicht selten - als ob ich nicht selber meinen Wunsch nach einer Stange Bier artikulieren könnte. Stehe ich mit dem weissen Stock am Strassenrand, geschieht es auch mal, dass mich ein wohlmeinender Mitmensch plötzlich am Arm packt und kurzerhand über die Strasse schleppt - ohne mich zu fragen, ob ich dies überhaupt wünsche. In solchen Fällen sieht man sich als Blinder einfach in die blöde Ecke gedrängt.

Das Anerkennen unserer Behinderung darf nicht dazu führen, dass wir als unselbstständige Wesen bevormundet werden. Blinde meiner Generation, deren Werdegang durch Blindenschulen, Blindenheime und Werkstätten für Blinde geführt hat, begünstigen unbewusst diese wohlmeinend herablassende Haltung. Ihnen wurde stets eingetrichtert, sie müssten für alles dankbar sein. Dankbarkeit dafür, dass sie für zwei Franken pro Stunde, im besseren Fall für fünf, arbeiten durften. Oder dafür, dass man sie in kasernenartigen Gebäuden unterbrachte und ihnen auch im Erwachsenenalter das Recht auf Sexualität absprach.

So geschehen noch 1968 im Blindenheim in St. Gallen. Ich schätze mich glücklich, dass ich nur zwei Jahre dort war, zuvor die Normalschule besucht hatte, nachher den Sprung in die freie Wirtschaft schaffte und meinen Lebensunterhalt stets selbst bestritt. Bei aller Anerkennung der heutigen Blindenschule, die die Kinder die Blindenschrift lehrt und sie in die für Blinde geschaffenen Techniken einführt, bleibt meine Skepsis den Blindenschulen gegenüber gross. Ich finde es besser, wenn blinde Kinder in die allgemeine Schule gehen, also zusammen mit Nichtbehinderten - auch wenn das für die Lehrkräfte Mehraufwand bedeutet. Die «Ich bin ja so dankbar»-Haltung kommt so gar nicht erst auf.

Der Stellenmarkt wartet übrigens nicht auf sehbehinderte Menschen, heute weniger denn je. Als ich 1971 im Zürcher Bezirksgericht meine Arbeit aufnahm, forderte der Regierungsrat die öffentliche Hand dazu auf, auch Behinderte einzustellen. Das ist Vergangenheit - den kantonalen Behörden liegt nichts mehr an ihrer Vorbildfunktion. Kann sich ein Blinder allen Widrigkeiten zum Trotz einen Job ergattern, muss er sich zu Beginn mit den Irritationen seiner neuen Arbeitskollegen abfinden. Die fühlen sich abgewertet. Der Gedanke, nur so viel zu leisten wie ein Blinder, macht ihnen zu schaffen.

Nur wenige Blinde machen Karriere
Eigentlich sollte gerade die moderne Technik das Einstellen von Behinderten begünstigen. Mein Computer nennt mir stets die nächsten möglichen Schritte. Selbst Internetauskünfte sind in steigendem Mass abrufbar - synthetische Stimmen machens möglich. Auch das Handy informiert mich mündlich über meine Möglichkeiten. Spezielle Apparate übertragen Dokumente in die Blindenschrift und umgekehrt. Leider wissen immer noch zu wenig Arbeitgeber, dass diese behindertenfreundlichen Technologien von der IV bezahlt werden. Vielleicht merken sie es, wenn die Arbeitskräfte einmal knapp werden sollten.

Nur ganz vereinzelt schaffen es Blinde, die Karriereleiter zu erklimmen. In meinem Bekanntenkreis ist dies einigen tüchtigen Physiotherapeuten gelungen. Es gibt auch blinde Juristen, die als Anwälte arbeiten; einer amtet sogar als Richter am Zürcher Kassationsgericht. Mir selbst ist der Sprung in eine Kaderposition versagt geblieben, obwohl man mir bescheinigt, qualitativ und quantitativ ebenso viel zu leisten wie meine nichtbehinderten Kollegen. Als Blinder muss man auch heute noch froh und dankbar sein, überhaupt eine Stelle zu haben. Die Hoffnung auf eine Karriere gilt entsprechend als geradezu vermessen.

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