Na ja, ich hatte gleich doppelt Glück: Zuerst wurde ich zusammen mit 99 anderen Bürgerinnen und Bürgern im Zufallsverfahren ausgewählt und konnte mich an einem sogenannten Bürgergutachten für das Toggenburg beteiligen. An mehreren Tagen diskutierten wir über die Sorgen und Nöte unserer Region, suchten nach Lösungen und stellten schliesslich einen Forderungskatalog auf.

Dann wurde noch einmal gelost. Ich war einer von zehn, die nach Brüssel fliegen durften. Dort wollte sich der Ausschuss der Regionen der Europäischen Union anhören, was die Bürgerinnen und Bürger der ländlichen Gebiete Europas bewegt. Wir sollten erklären, mit welchen Problemen die Landbevölkerung im Alltag konfrontiert wird.
Eigentlich interessiert mich Politik kaum, auch wenn ich bei wichtigen Themen immer abstimme. Doch diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen - die Chance, dass ich als einfacher Bürger meine Meinung äussern konnte. Sonst schert sich die Politik ja kaum um ländliche Gebiete. Wir sind einfach ein Naherholungsgebiet für Städter.

Drei Kilo Waffeln weggeputzt
Schliesslich war es dann so weit: In aller Herrgottsfrühe wurde jeder von uns zehn zu Hause von einem Car abgeholt und zum Flughafen gebracht. Alles war sehr gut organisiert. Ich bin Koch am Spital in Wattwil. Für den viertägigen Ausflug nach Brüssel konnte ich meine freien Tage glücklicherweise am Stück nehmen. In der europäischen Hauptstadt wird gebaut wie verrückt: Ein moderner Glaspalast entsteht neben dem anderen. Wir bezogen ein Seminarhotel. Im EU-Gebäude gab es dann ebenso strenge Gepäckkontrollen wie am Flughafen.

Bevor es richtig losging, stellten wir den Teilnehmern aus den neun anderen Randregionen Europas das Toggenburg vor. Wir zeigten die schöne Landschaft mit den Bergen im Hintergrund, die weder zu weit entfernt noch zu nah sind. Auf einem Laptop liessen wir Ländlermusik laufen, stellten typische Toggenburger Produkte aus und boten drei Kilogramm Kägi-fret-Waffeln zum Probieren an. Die waren dann rasch weg.

Alle Teilnehmer waren durch ein Zufallsverfahren ausgewählt und vor Ort zu Arbeitsgruppen zusammengewürfelt worden: Die Palette reichte vom 17-jährigen Schüler bis zur 80-jährigen Rentnerin. In meiner Arbeitsgruppe waren Holländer und Deutsche. Sie schilderten Probleme, die wir zum Glück nicht kennen, wie jene Bayern, die bis zur nächsten Stadt weite Wege in Kauf nehmen müssen. Ihre Kinder stehen in aller Frühe auf, um rechtzeitig zur Schule zu kommen, und kehren erst spätabends zurück.

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Umweltschutz und Ausbildung
Allen Unterschieden zum Trotz kämpfen wir im Toggenburg aber mit ähnlichen Problemen wie die Landbevölkerung überall in Europa, ob in Ungarn, der Slowakei oder in Holland: Die Industrie wandert ab, verlegt die Arbeitsplätze in Zentren, Jugendliche finden keine Stelle, und junge Familien flüchten schliesslich in die Städte, weil sie keine Perspektive mehr sehen.

Meine Arbeitsgruppe forderte, dass die EU verbindliche Umweltrichtlinien aufstellt, die in ganz Europa gelten und kontrolliert werden müssten, auch in Osteuropa. So hätten alle ähnlich lange Spiesse. Uns lag aber auch am Herzen, dass für Jugendliche aus Randregionen eine qualitativ gute Ausbildung möglich und auch erreichbar ist.

Damit wir uns überhaupt verständigen konnten, übersetzten Dolmetscher die Voten in sechs verschiedene Sprachen. Nur beim Frühstück im Hotel verstanden wir nicht, worüber sich die anderen unterhielten. Sonst hatten wir meist Kopfhörer auf und hörten uns die Übersetzung an. Das konnte manchmal schon recht anstrengend werden, denn viele Vorträge waren sehr langatmig. Ich kann jetzt Politiker verstehen, die Zeitung lesen, während andere im Ratssaal sprechen.

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Brüssels Mühlen mahlen langsam
Ob Europa damit einen Schritt zu mehr Demokratie unternimmt? Ich weiss es nicht. Im Vergleich zu den anderen Europäern empfinden wir Schweizer diese Mitsprache als selbstverständlich. Ich fühlte mich geehrt, dass wir Schweizer als einzige Nicht-EU-Bürger mitmachen durften. Doch bei den Präsentationen wurden wir hie und da vergessen und mussten uns dann wehren, damit wir zu Wort kamen.

Bereits vor meiner Reise stand ich der EU kritisch gegenüber. Das hat sich nicht verändert. Im Gegenteil: Die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer rieten uns von einem Beitritt ab. Ich weiss zwar nicht, ob sich die Schweiz ewig von der EU abgrenzen kann, doch als kleine Schweiz hätten wir in der EU sicher weniger zu sagen. Zudem mahlen die Mühlen in Brüssel sehr langsam: Bis unsere Forderungen nur schon behandelt werden, werden wohl Jahre verstreichen.

Am letzten Tag konnten wir unsere Ergebnisse dann gar der dänischen EU-Agrarkommissarin präsentieren. Sie hatte sich eigens eine halbe Stunde Zeit genommen. Ihr Beraterteam blieb etwas länger. Ich bin überzeugt, dass das Ganze keine blosse Alibiübung war. Es wäre ja auch schade ums Geld, wenn eine so gross aufgezogene Sache einfach in einer Schublade landen würde.

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