Seit meiner Wahl zum Abgeordneten vor rund einem Jahr lebe ich in zwei Welten, Schweiz und Italien. Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und weiss nicht, wo ich bin. Die Flughäfen Kloten und Fiumicino sind die Grenzsteine, hier wechsle ich von einer Welt in die andere.

In Kloten bewegen sich die Menschen wie auf Laufbändern vorwärts, schön ordentlich einer nach dem anderen. Sogar als Blinder käme ich ans Ziel, auch ohne Stock. Wenn ich jedoch in Fiumicino durch die Passkontrolle trete, treffe ich sofort auf die illegalen Taxifahrer, die mich alle gern nach Rom fahren wollen, die Atmosphäre ist hektisch und chaotisch.

In Rom habe ich eine kleine Wohnung in der Nähe der Piazza San Pietro gemietet, vom Balkon aus sehe ich sogar die Kuppelspitze des Petersdoms. Ich bin nicht der Hoteltyp, der aus dem Koffer lebt, ich brauche das Gefühl, zu Hause zu sein. Das Leben als Abgeordneter ist sehr unregelmässig, mit viel Nachtarbeit - die Debatten im Parlamentssaal können bis zwei, drei Uhr morgens dauern. Täglich gibt es Abstimmungen über Gesetzesdekrete. Wer fehlt, muss damit rechnen, dass seine Entschädigung gekürzt wird. Im Saal kommt es manchmal zu Tumulten - wie vor einigen Wochen, als es um die umstrittene Afghanistan-Mission ging. Das Lager der extremen Linken ging plötzlich auf einen Abgeordneten der extremen Rechten los. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn nicht die Leute des Parlamentsdienstes dazwischengegangen wären. So ein Verhalten ist vor allem Show. Mich stört es, ich hätte die parlamentarischen Debatten lieber feierlicher und weniger emotionsgeladen, wie bei den Briten.

Auslandschweizer im Nationalrat?
Freizeit habe ich wenig. Da ich im Wahlkreis Europa gewählt bin, reise ich samstags und sonntags häufig, besuche die italienischen Gemeinschaften in England, Spanien oder Deutschland. Kürzlich war ich etwa in Thessaloniki in Griechenland, um die Einrichtung einer italienischen Schule zu besprechen.

Dass auch Auslanditaliener im Parlament in Rom sitzen, ist erst seit einem Jahr möglich. Insgesamt sind wir 18 Abgeordnete aus der ganzen Welt. Ich sitze zum Beispiel neben dem Vertreter des Wahlkreises Asien-Ozeanien-Afrika. Er kommt aus Melbourne und kann nur alle 40 Tage nach Hause. Wir geben den im Ausland lebenden Italienern endlich eine politische Stimme in Italien. Das Land hat die hundertjährige Geschichte der Massenemigration lange vergessen, es schämte sich, ein Auswanderungsland zu sein. Ich möchte helfen, zwischen Italien und den Italienern in der Welt Brücken zu bauen.

Nach meiner Wahl erhielt ich einen Brief vom Weltrat der Schweizer im Ausland. Sie gratulierten mir und meinten, sie möchten ebenfalls Sitze im Nationalrat beantragen. Ich finde das eine gute Idee, gerade in Zeiten, in denen die Landesgrenzen eine immer geringere Rolle spielen.

Obwohl ich fünf Tage die Woche in Rom bin, obwohl ich als Politiker direkten Einfluss nehme auf die italienische Gesellschaft, möchte ich nicht zurück nach Italien. Ich fühle mich in der Schweiz zu Hause. Meine Gewohnheiten sind schweizerisch: Ich fange zum Beispiel früh an zu arbeiten, um zwanzig nach sieben. Dann ist im Palazzo Montecitorio, dem Sitz des italienischen Parlaments, noch kaum was los. In Rom läuft vor halb zehn Uhr nichts. «Il collega svizzero», der Kollege aus der Schweiz - so nennen mich die anderen Parlamentarier inzwischen. Und sie haben recht, das bin ich: ein Italiener, der aus der Schweiz kommt.

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Den Föderalismus als Vorbild
Als Pendler zwischen zwei Welten vergleiche ich und überlege mir, was die eine von der anderen lernen könnte. Ich bin zum Beispiel dafür, in Italien ein föderalistisches System einzuführen. Die Schweizer Politik spielt sich - eben dank dem Föderalismus - nahe bei den Menschen ab, in den Kantonen und Gemeinden. Jeder kann die politischen Debatten nachvollziehen, weil sie sein Dorf, ihn direkt betreffen. Während in der Schweiz die Bürger vor jeder Abstimmung eine Abstimmungsbroschüre erhalten und gut über Politik informiert sind, läuft die Information in Italien vor allem über die Zeitungen oder das Fernsehen - und Talkshows sind nun mal viel parteiischer als die objektive Pro-kontra-Darstellung in den Schweizer Broschüren.

In Italien hat sich die Politik in den letzten Jahren weit von der Gesellschaft entfernt. Alles konzentriert sich in Rom. Das macht es schwierig, im Rest des Landes die Effizienz der Verwaltung zu steigern und den Vollzug der Gesetze zu kontrollieren - ein Grund, warum die Steuerhinterziehung ein derart grosses Problem ist. Die Italiener haben das Vertrauen in die Politik verloren.

Die Schweizer könnten sich allerdings ein Stück von der italienischen Kreativität abschneiden. Diese entwickelt der Italiener zwar erst, wenn es fast schon zu spät ist - aber er kriegt die Kurve beinahe immer. Bestes Beispiel ist der Fiat-Konzern, der sich aus eigener Kraft wieder aufgerafft hat, und zwar ohne Tausende von Stellen zu streichen.

Wenn ich jeweils am Freitagabend in Zürich lande, habe ich immer dasselbe Gefühl: in ein geordnetes, tüchtiges Land zurückzukehren. Trotzdem habe ich mich bisher nicht einbürgern lassen, obwohl ich seit 1970 in der Schweiz lebe. In meinem Herzen bin ich Italiener geblieben.

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