Wir hätten im Schneesturm erfrieren oder von einem Blitz getroffen werden können. Das ist klar. Doch so weit habe ich gar nie gedacht. Als Tourenleiter ging es mir um unsere Gruppe - zwei Bergsteigerinnen und fünf Bergsteiger. Ich hatte nur einen Gedanken: Wir müssen alle heil durchkommen. Darauf richtete ich meine ganze Energie aus. Für anderes blieb kein Platz.

Es hatte so harmlos angefangen. Mit vollem Elan waren wir in die Tourenwoche des Schweizerischen Alpen-Clubs in den Berner Alpen gestartet. Am Montag wollten wir den Mönch über den Westgrat erklimmen. Das Wetter war gut. Ich ging zuvorderst und führte eine Dreierseilschaft an, dahinter folgten die beiden anderen Seilschaften.

Die schwierige Schlüsselpassage auf halber Strecke hatten wir bereits gemeistert. Das letzte Stück über den Grat und den Firn wäre ein Kinderspiel gewesen. Wir hatten den Gipfel schon vor Augen. Plötzlich fiel ein Kollege - ein erfahrener Bergsteiger wie wir alle - in Ohnmacht. Vielleicht war es die Kälte oder die Anstrengung. Er sackte einfach in sich zusammen. Da fingen die Probleme an.

Der Helikopter muss umkehren

Wir packten den Kollegen in einen Biwaksack und sicherten ihn mit Seilen am Berg, damit er nicht abrutschen konnte. Unsere Ärztin und der Seilschaftsführer blieben bei ihm. Wir statteten die drei mit allem aus, was sie brauchten, dann gingen wir weiter. Als ich bei meinen anderen vier Kollegen 100 Meter weiter oben war, erlitt eine junge Bergsteigerin einen Schwächeanfall; auch sie wurde ohnmächtig.

Nun verdunkelte sich der Himmel. Die Sonne verschwand hinter schwarzen Wolkentürmen, und ein Gewitter zog auf. Nebelschwaden verdeckten die Sicht und vereisten die Wand. Der Wind peitschte mit über 100 Kilometern pro Stunde über den Grat und trieb uns die Schneeflocken wie Nadeln ins Gesicht. Wir waren den Wetterkapriolen ausgeliefert und klemmten fest. An ein Weiterkommen war nicht mehr zu denken. Es wurde immer kälter. Trotzdem: Ich glaubte immer ans Überleben.

Dann der Notruf zur Air Glaciers in Lauterbrunnen. Für den Helikopterpiloten gab es im Sturm kein Durchkommen. Drei Rettungskräfte machten sich deshalb zu Fuss von der Mönchsjochhütte zu uns auf, um unsere bewusstlosen Kollegen zu bergen. Das Donnergrollen war gewaltig, und immer wieder durchzuckten Blitze den Himmel. Auch die Retter kamen nicht mehr vorwärts - sie mussten auf halbem Weg umkehren.

Biwak auf 4'000 Metern

Langsam brach die Nacht herein, und für uns war klar: Wir müssen hier oben auf knapp 4'000 Metern biwakieren, irgendwie heil über die Runden kommen und warten, bis sich das Wetter wieder beruhigt. Wenige Meter vom Grat entfernt buddelten wir uns in einer Mulde in den Schnee ein. Überall um uns herum war Eis. An den Karabinern klebten Eiskristalle. Unsere Kleider waren feucht, die Hände klamm. Wir wickelten uns in Schutzdecken ein und stülpten die trockenen Ersatzsocken über die Finger, um einigermassen warm zu haben. Der heisse Tee ging aus, und die Kälte kroch in alle Glieder. Meine Körpertemperatur sank tiefer und tiefer. Wegen der Unterkühlung begannen die Waden zu schmerzen. Wie bei einem Muskelkater - nur viel, viel schlimmer.

Dann endlich das Morgengrauen. Der Himmel hatte aufgeklart. Ein Telefonanruf der Air Glaciers: Die drei anderen Kollegen hatten ausgeflogen werden können. Gott sei Dank! 16 Bergführer und zwei Ärzte hatten sich schon um drei Uhr in der Früh aufgemacht, um sich an der Bergung zu beteiligen. Nun wussten wir: Die Rettung ist auch für uns nahe.

Wenige Minuten später stiessen die Rettungskräfte zu uns vor, und der Heli kreiste über unseren Köpfen. Als Erstes wurde die Kollegin auf einer Bahre in den Heli gehievt und ins Spital nach Interlaken geflogen. Als die ganze Gruppe evakuiert war, gingen bei mir die Läden runter, und ich tauchte weg. Das alles war zu viel gewesen. Die ganze Anspannung! Die Luft war draussen - wie bei einem Ballon, in den man eine Nadel sticht. Mir wurde schwarz vor Augen, ich fiel in Ohnmacht. Ich erwachte erst auf der Intensivstation des Berner Inselspitals.

Obwohl ich kein gläubiger Mensch bin, denke ich, dass Schutzengel über uns gewacht haben. Manchmal braucht man ein wenig himmlische Unterstützung im Leben. Das Wichtigste für mich im Nachhinein ist: Wir haben das Beste aus dieser Extremsituation gemacht, und alle sind zum Glück wieder wohlauf. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und auch für den riesigen Einsatz, den unsere Retter geleistet haben.

In die Berge gehe ich wieder, natürlich! Auch auf den Mönch. Der Reiz, das Erlebnis, die Auseinandersetzung zwischen mir und dem Berg - darauf kann und will ich nicht verzichten.

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Quelle: Stephan Rappo