Momentan bin ich vor allem dabei, alles wieder aufzubauen und in Gang zu bringen. Wir haben am 17. September das Land verlassen, als die Taliban uns mitteilten, dass sie unsere Sicherheit nicht mehr gewährleisten könnten. Nun sind wir wieder zurück. Ich leite das IKRK-Büro in Kabul und bin für 70 Ausländer und 1000 einheimische Angestellte zuständig. 500 befinden sich in Kabul, die übrigen in anderen Städten. Obwohl es in Afghanistan derzeit darum geht, eine grosse humanitäre Katastrophe zu verhüten, ähnelt meine Arbeit stark einem üblichen Managerjob: Ich muss meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter optimal einsetzen.

Wir haben einen Kredit von 82 Millionen Franken. Damit müssen wir allererste Hilfe vor Ort leisten. Nachher stossen andere Hilfswerke nach. Wir bringen Decken und Lebensmittel. Wir haben seit unserer Rückkehr aber auch schon Teile der Infrastruktur repariert. In Kabul haben wir die Wasserversorgung wieder instand gestellt; 350000 Menschen profitieren davon.

Demnächst besuche ich zusammen mit einer Delegation Bamian, den Ort, den man wegen der zerstörten Buddhastatuen kennt. Wir nehmen unsere Jeeps; es sind etwa 150 Kilometer oder acht Stunden Fahrzeit. Einer unserer Delegierten ist eben von Bamian zurückgekehrt. Er berichtete, die Menschen dort hätten nichts mehr. Alle Häuser seien kaputt, es gebe weder Essen noch Decken.

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Ich bin ausgebildeter Biologe. Ich entschied mich noch während des Studiums in Neuenburg, zum IKRK zu gehen. Prägend für den Entscheid war meine deutsche Grossmutter. Sie hatte die Kriegszeit in Ulm erlebt. Sie wusste, was ziviles Leiden bedeutet, und erzählte mir schon als Kind davon. Mein erster Einsatz fürs IKRK war 1988 mit 25 Jahren in El Salvador. Dann kamen Peru, Iran, Sri Lanka, Mosambik, Ex-Jugoslawien, Genf und Ruanda. Noch an der Universität hatte ich meine Frau kennen gelernt. Seit meinem Einsatz in Mosambik existiert «le couple Monin». Seither waren wir in der Regel bei unseren Einsätzen gemeinsam tätig.

Seit einem Jahr lebe ich nun in Kabul. Ich liebe Afghanistan, zum einen wegen seiner grossen landschaftlichen Schönheit, zum anderen wegen seiner beeindruckenden Geschichte. In Kabul wohnen wir ausländischen Angestellten des IKRK in einem abgeschlossenen Häuserblock. Hier verbringen wir auch den grössten Teil der Freizeit mit Besuchen und Reden. Wir haben einen Billardtisch und sogar einen Swimmingpool sehr angenehm im Sommer.

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Es ist wichtig, dass wir ein normales Leben führen können. Aus diesem Grund verlassen wir alle drei Monate für eine Woche das Land. Ich hatte das Glück, dass ich im vergangenen Juli gerade dann für drei Wochen in die Schweiz reisen konnte, als meine Tochter Vanessa zur Welt kam. Ich habe sie seitdem nur einmal gesehen. Mit meiner Frau kann ich mich per E-Mail oder per Satellitentelefon unterhalten. Natürlich verzichten wir auf vieles. Aber das ist nun einmal so bei unserer Arbeit und bei unserem Leben! Wenn ich in Paris oder Genf bin, geniesse ich es, in einem Strassencafé zu sitzen und mir anzuschauen, wie sich die Welt im Westen entwickelt. Die Bilder, die mir CNN oder BBC an meine Einsatzorte liefern, genügen nicht.

Ich schätze die Schweiz sehr. Eines Tages werde ich wieder hier leben. Wenn man in unserem Land etwas will, kann man es grundsätzlich auch verwirklichen. Das ist ein riesiger Unterschied zu den Orten, an denen ich in der Regel bin.

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In der Schweiz habe ich die meisten Freunde. Es ist mir wichtig, diese Beziehungen zu pflegen. An den Einsatzorten ergeben sich kaum tiefe Freundschaften. Ich bin eben doch der Chef. Die Taliban haben es uns verboten, zu unseren einheimischen Angestellten nach Hause zu gehen. Immerhin haben sich aus meiner Zeit in Sarajevo ein paar Beziehungen erhalten. Sonst aber weiss man immer, dass man irgendwann ohnehin wieder abreisen wird.

Im nächsten Frühjahr gehen meine Frau und ich nach Jerusalem. Sie wird als Delegationsleiterin für das IKRK arbeiten, während ich zu Hause bin und das Kind hüte. Dieser Rollentausch ist mir wichtig.

In Kabul hängt in meinem Büro zur einen Seite des Schreibtischs die Afghanistankarte. Auf der anderen Seite habe ich zwei Drucke des Malers Mark Rothko aufgehängt. Diese habe ich im vergangenen Frühjahr bei einem Besuch der Fondation Beyeler in Basel erworben. Ich lege Wert darauf, auch noch etwas anderes als die zerbombten Häuser zu sehen.

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Während der Talibanherrschaft gab es in Afghanistan kaum ein kulturelles Leben. Ein paar Männer schrieben noch Lyrik. Das war alles. Ansonsten kein Film, keine Musik, kein Theater. Die Taliban wollten das Land mehr als 1400 Jahre in die Zeit des Propheten Mohammed zurückführen. Das war zu viel. Ob die Taliban nebst der Kultur auch die Liebe getötet haben, weiss ich nicht. Über solche Dinge lässt sich mit den Einheimischen schlicht nicht reden.

Lebensbedrohliche Situationen hat es in meiner Zeit in Afghanistan selten gegeben. Das Emblem des IKRK ist anerkannt, obwohl für die Fundamentalisten das Kreuzzeichen eine Provokation darstellt. Die gefährlichsten Situationen waren bislang stets jene, in denen ich mit einer Delegation in ein vermintes Gebiet kam und entscheiden musste, ob wir weitergehen oder nicht. Es ist wichtig, dass wir über unsere Ängste reden und das tun wir untereinander auch häufig. Denn Angst zu haben ist einfach unvermeidlich. Sie wird nur dann erdrückend, wenn man sie nicht eingestehen kann oder verbergen muss.

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Es gibt trotz allem auch in einem Land wie diesem Gutes. Dazu zählen bestimmt die Kinder. In ihnen liegt die Hoffnung, dass sie einmal weniger leiden müssen als ihre Eltern auch wenn ich es stossend finde, dass die Kinder hier viel weniger Chancen haben als bei uns.

Unbeirrbarer Glaube an Humanität

Zu den guten Dingen zählt unsere Orthopädie. Wenn vier- oder fünfjährige Kinder, die ihre Beine verloren haben, hier hereinkommen und nach einigen Tagen zu verstehen beginnen, dass sie wieder gehen können werden, dann ist es ein berührendes Erlebnis.

Immer wieder kommt es zu guten Begegnungen mit den Einheimischen. Beileibe nicht alle Afghanen sind Fundamentalisten. Als die Buddhastatuen in Bamian gesprengt wurden, haben es viele als Zerstörung eines Teils ihrer Geschichte wahrgenommen ein Umstand, der mich sehr beeindruckte.

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So ist mir bis jetzt der Glaube an die Humanität noch nie abhanden gekommen. Sie ist mir am allerwichtigsten. Wenn ich aus allen Wörtern ein einziges auswählen müsste, würde ich mich für «Humanität» entscheiden. Ganz klar.

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