Die Schweiz ist das Schokoladenland, DJ Bobo ist ihr Star, die Banken sind ihr Markenzeichen und die Alpen ihr Ruhepol. Um die Schweiz mit ihren vielfältigen Merkmalen darzustellen, hatte ich allerdings nur 250 Quadratmeter Platz im Miniatur Wunderland Hamburg, der grössten Modelleisenbahn der Welt. Wie kann ich auf diesem knappen Platz den Geist der Schweiz erfassen? Und das als Deutscher?

Zuerst wälzte ich monatelang Bildbände und Reiseführer, dann fuhr ich mit meinem Fahrrad quer durch die Schweiz. Sofort sind mir die Präzision und die Sauberkeit aufgefallen sowie die geniale Verbindung von Natur und Technik. Darin ist die Schweiz höchst innovativ: Berge sind untertunnelt und Schluchten überbrückt. Für mich als Modelleisenbahnbauer eine riesige Ideenbörse.

Das unschlagbar schöne Tessin
Ich mag romantische, enge Schluchten, kleine entlegene Dörfer, wo man noch das typische Landleben erfährt, und die Berge, auf deren Gipfeln ich die totale Ruhe finde. Solche Orte fotografierte ich nicht nur, ich verinnerlichte sie. Schnell war für mich klar: Die Häuser, Gärten und Bahnstrecken im Engadin, im Wallis und im Tessin sollen die Vorbilder für meine Nachbauten in der 250-Quadratmeter-Schweiz sein. 

Unschlagbar schön war das Tessin, besonders Bellinzona mit seinem mediterranen Einschlag. Der Mut zur Farbe an den Gebäuden überraschte mich. Da gibt es knallgelbe, hellblaue und rosa Fassaden. In Graubünden faszinierte mich die Stadt Chur mit ihren schönen alten Häusern und der Hanglage Richtung Arosa. Im Wallis gefielen mir die Häuser mit ihren schweren, dunklen Holzbalken. Daraus baute ich die Schweizer Landschaft. Die anderen Kantone gaben nicht so viel her. Sie haben sicher auch ihre Reize, aber es wäre schwieriger gewesen, daraus feine Charakterzüge modellbauerisch herauszuarbeiten.

Ich war lange auf verschiedenen Bahnhöfen, studierte die Gleise und die Bahnsteige. Die sind viel leerer, freier als diejenigen in Deutschland. Es steht viel weniger Infrastruktur herum. Ich achtete auf die kleinsten Kleinigkeiten. Deutsche wissen zum Beispiel nicht, wie ein Schweizer Papierkorb aussieht.

Anzeige

Knacknuss Matterhorn
Nach drei intensiven Wochen kehrte ich nach Hamburg zurück und begann zu bauen. Die Raumaufteilung hatte ich mit meinem Team bereits vor meiner Reise geplant. Wir wussten schon, wo der höchste Berg stehen soll, wo die Schokoladenfabrik und wo die Open-Air-Konzertbühne. Auch war ungefähr festgelegt, wie das Schienennetz verläuft. Jetzt ging es an die Detailarbeit, und die liess mich fast verzweifeln. Ich musste mich auf 100 Kleinigkeiten konzentrieren. Am schlimmsten war das Matterhorn. Die Schweizer Berge wirklichkeitsnah darzustellen war ohnehin schwierig. Aber das Matterhorn mit seinen weit über 4000 Metern wäre in unserem Massstab mindestens 40 Meter hoch geworden! Es war unmöglich, dieses Ding zu bauen. Nun ist es nur sechs Meter hoch, und wir sind ein bisschen in der Bredouille, weil die Wald- und die Grasgrenze sowie der Übergang zum Schnee eng beieinanderliegen. Geologen und erfahrenen Berggängern wird das wohl auffallen. Das Schönste für mich war der Bau der Miniaturbühne, auf der eine DJ-Bobo-Figur ein Konzert gibt.

Anzeige

Die Nacht dauert drei Minuten
Klar, ein Schweizer wird nicht das perfekte Abbild seines Landes erkennen, sondern vor allem den Charakter. Aber das ist auch der Sinn des Modellbaus. Genau deshalb arbeite ich seit 15 Jahren in diesem Beruf: Ein Modell entspricht nie eins zu eins dem Original, sondern erhält durch mich eine eigene Note. Ich kann meiner Phantasie freien Lauf lassen und mich in meiner Arbeit selbst ausdrücken. 

Ich inszeniere eine Show. Speziell freue ich mich, wenn ich diese mit vielen Lichteffekten ausschmücken kann. Das ist ein Markenzeichen von Modellbauern: Sie sind begeistert von sinnlicher Beleuchtung. Auf unserer Modelleisenbahn erzeugen wir eine wunderschöne Stimmung, vergleichbar mit derjenigen in der Adventszeit. Ich kann jedes Fenster einzeln beleuchten. In unserem künstlichen Tag-Nacht-Rhythmus wird es jede Viertelstunde für drei Minuten Nacht. Um 18 Uhr Modellzeit gehen die ersten Lichter an, gegen 22 Uhr brennen fast in allen Wohn- und Schlafzimmern die Lampen. Gegen 24 Uhr gehen die Lichter aus, die Bürogebäude und Strassenlaternen werden dunkel. Um sechs Uhr morgens kommt wieder Leben in die Miniaturwelt. Da schlägt mein Herz höher.

Seit kurzem ist der Schweizer Abschnitt für die Öffentlichkeit zugänglich. Jetzt erfahren alle, wie Schweizer Papierkörbe aussehen. Auch Sandstreukästen für den Winter haben wir von Hand nachgebaut. Für die Miniatur-Reisegäste stehen Selecta-Automaten auf dem Bahnsteig - alles Schweizer Eigenheiten. Ich bin froh, dass die Arbeit nun abgeschlossen ist. Fast zweieinhalb Jahre steckte mein Kopf in dieser Arbeit. Und mit mir waren 80 Mitarbeiter anderthalb Jahre im Einsatz.

Jetzt sehne ich mich danach, etwas Neues anzufangen. Afrika würde ich gerne bauen. Aber zuerst atme ich mal durch.

25-07-Augenzeug01.jpg

Anzeige