Groupage – das sagt Ihnen nichts? Groupage, also Sammelgut, ist mein halbes Leben. Die andere Hälfte ist der Verkehr von Lastwagen und Güterzügen. Ich bin Zollbeamter. Mein Arbeitsort ist die Grenze zwischen Italien und der Schweiz, der Warenzoll in Chiasso TI. Ende Jahr gehe ich in Pension – endlich, ich kann es kaum mehr erwarten!

Ich spiele leidenschaftlich gern Scopa, ein Kartenspiel. Ich habe sogar an Mannschaftsturnieren teilgenommen. Ich war gut im Scopaspielen, aber in den letzten Jahren hatte ich praktisch keine Zeit mehr dafür. Wenn man Turniere spielt, ist man stets unterwegs. Jedes Wochenende ist man damit beschäftigt. Scopa spielen ist mein Hobby, der Warenzoll meine Arbeit.

Ich habe mit vierzehneinhalb Jahren zu arbeiten begonnen, bei der Spediteurfirma Castelletti in Chiasso. Wir waren damals zu dritt – drei Buben, alle aus demselben Dorf, wir kannten uns von der Schule. Ich erinnere mich noch genau an das Datum: Es war der 1. Juli 1954. Lastwagen? Die gab es damals praktisch nicht.

Anzeige

Unsere Arbeit bestand darin, Pakete vom Güterbahnhof zur Post zu bringen. Da war zum Beispiel eine Seidenweberei in Como mit Kunden in ganz Europa. Die bestellten 20 oder 50 Meter Seide. Diese Pakete kamen dann ins Zollmagazin. Von dort aus mussten sie zur Post gebracht werden. Diese Arbeit machten wir Buben – mit dem Velo. Das war für die Firma billiger, als einen Lieferwagen zu mieten.

Wir luden also zusammen mit erwachsenen Männern die plombierten Säcke auf unsere Anhänger und fuhren etwa einen Kilometer ins Postbüro. Von dort aus wurde die Ware weitergeschickt, nach Hamburg, Paris oder Oslo. Wenn es wirklich viele Säcke abzuholen galt, mietete unser Chef einen Lieferwagen. Damals hatte noch kaum jemand einen Camion – das lohnte sich nicht.

Ich habe dann bei Castelletti die Lehre gemacht, als Büroangestellter. Ich kümmerte mich um die Spedition, um die ganzen Zollformalitäten. Gegen Ende der fünfziger Jahre bekamen wir es mit Tieren zu tun. Ganze Züge voller Hühner aus Holland kamen in Chiasso an. Das war ein Gestank auf dem Bahnsteig!

Anzeige

Die Hühner wurden nach Mailand geschickt, wo sie geschlachtet wurden. Ich musste mich darum kümmern, dass der Tierarzt kam und die nötigen Kontrollen machte. Und ich musste auch das Futter für das Federvieh organisieren.

Nach den Panzern die Camions
Nach den Hühnern kamen die Schweine und Rinder. Hier dasselbe Prozedere: Halt in Chiasso, Tierarztkontrolle. Manchmal mussten tote Tiere aus den Waggons geholt werden; nicht alle überlebten die Fahrt. Auch die Schweine und Rinder wurden dann nach Italien geschickt. Bei den Tiertransporten fuhr jeweils ein Stallbursche als Begleitung mit. Der schlief mit dem Vieh auf dem Stroh.

Heute fahren Kühlwagen mit Fleisch an uns vorbei. Lebende Tiere sehen wir an der Grenze kaum mehr. Aber bis in die sechziger Jahre wurden lebende Tiere exportiert. Aus der Schweiz gingen auch viele Rinder nach Italien. Wenn der Viehmarkt in Zug war, kamen jeweils italienische Händler hoch, kauften ein und liessen die erstandenen Tiere anschliessend per Bahn nach Italien bringen.

Anzeige

Als man in Italien nach dem Krieg zu arbeiten begann, haben wir das hier an der Grenze gut gespürt. Plötzlich kamen die Camions. Sie brachten Ware in die Schweiz: Stoffe, Früchte, Gemüse. Am Zoll wurde alles abgeladen. Da, wo jetzt die Büros stehen, war zuvor eine Laderampe. Die Kisten türmten sich darauf jeweils bis unters Dach.

Heute sehen wir nur noch Formulare, meistens gar nichts mehr, weil die Ware direkt vom Spediteur verzollt wird – per Computer. Uns bleibt nur noch der Transitverkehr. Hier verdient niemand mehr an den Waren – für uns die Abgase, für die andern das Geld.

Ich war 24, als ich beim Zoll anfing. Ich erinnere mich noch an das alte Zollgebäude, es war 1885 erbaut worden. 1958 wurde es abgerissen, weil sie den Verkehr umleiten mussten. Die Lastwagen kamen damals noch über ein Tor hinter dem Zollgebäude in die Schweiz. Sie luden ihre Ware ab und erledigten die Formalitäten. Das ging so lang, bis der Eingang für den Verkehr zu schmal wurde.

Anzeige

Als ich beim Zoll anfing, waren unsere Büros in Baracken untergebracht – bis 1967. Dann wurde das neue Zollgebäude eingeweiht. Aber ich erinnere mich noch an das alte Gebäude. Als Spediteur ging ich hier praktisch täglich ein und aus, lieferte Formulare ab. Jetzt sitze ich auf der anderen Seite des Schalters. Ich bin Dienstchef, arbeite mal hier, mal da, kümmere mich um die Dienstpläne.

Als der Gotthard-Strassentunnel aufging, begannen die Lastwagen hier durchzufahren. Und die Magazine im Bahnhof leerten sich. Zuvor lief der Güterverkehr mit dem Norden ja vollständig über die Schiene. Die Lagerhäuser beim Bahnhof stehen immer noch: Magazin 1 bis 11 – man sieht sie von der Autobahn aus.

Ich erinnere mich noch, als der erste Lastwagen kam: Wir wussten gar nicht, was wir damit anfangen sollten, wie die Formalitäten erledigen. Früher wurden praktisch alle Lastwagen kontrolliert, es waren ja auch nicht viele.

Anzeige

Heute, bei 2500 Camions pro Tag, können wir nur einen minimen Teil überprüfen. Da kommt es vor, dass einer angibt, er habe Möbel geladen, und dahinter versteckt sich eine ganze Ladung Zigaretten aus Albanien oder Montenegro für England. Die arbeiten mit doppelten Böden. Geschmuggelt wird hier täglich: Fleisch, Gemüse, Zigaretten.

Wenn wir beginnen, strengere Kontrollen zu machen, suchen die sich neue Wege. Das Fleisch beispielsweise geht über andere Zollübergänge – da, wos billiger ist oder eben einfacher zu verzollen, weil es nicht korrekt deklariert werden muss. Wenn einer merkt, er bekommt hier in Chiasso Probleme, sucht er sich sofort einen anderen Übergang, fährt nach Stabio TI oder nach Genf.

Die EU ist wie ein junges Ehepaar
Einmal öffnete eine Kollegin von mir die Türen eines Lastwagens, und vor ihr standen drei junge Männer – Flüchtlinge. Meine Kollegin ist schön erschrocken. Die meisten Flüchtlinge aber kommen über die Löcher im Grenzzaun in die Schweiz oder zu Fuss zwischen den Lastwagen auf dem Parkplatz hier. Es ist ja schwierig zu unterscheiden, wer ein Camionneur ist und wer ein Einwanderer.

Anzeige

Ich muss sagen, ich bin für den freien Waren- und Personenverkehr zwischen der Schweiz und Europa. Aber ob das was wird aus Europa, weiss ich nicht. Das ist wie bei einem frisch verheirateten Paar. Zu Beginn, wenn sie verliebt sind, geht es gut. Dann, mit der Zeit, beginnt es zu kriseln, und sie leben sich auseinander.

Im Interesse meiner Arbeit wäre es natürlich besser, wenn es die EU nicht gäbe; ein Grossteil meiner Kollegen würde sonst ja arbeitslos. Aber Zöllner wird es immer brauchen – auch ohne Grenzen; irgendjemand muss die Ware kontrollieren. Ich jedenfalls gehe Ende Jahr in Pension.