Wenn ich die Fernsehbilder rund um die Papstwahl sehe, werden Erinnerungen wach. Ich war bei den letzten zwei Konklaven dabei. Natürlich nicht in der Sixtina drin, denn auch wir Gardisten haben während der geheimen Wahl keinen Zutritt. Aber ich half mit, die Räumlichkeiten zu versiegeln, die Fenster zu plombieren und die Türen zuzumauern. Jegliche Verbindung zur Aussenwelt wurde gekappt. Wir funktionierten Büros und Besenkammern zu Schlafzimmern um, die Kardinäle schliefen auf Eisenpritschen. Heute haben sie es bequemer.

Papst Paul VI. starb im Sommer 1978. Ganz Rom war in den Ferien. So kamen bei seinem Tod viel weniger Leute auf den Petersplatz als bei Johannes Paul II. Es gab keine Warteschlangen, jedermann konnte dem aufgebahrten Papst die letzte Ehre erweisen – zu den heutigen Ereignissen kein Vergleich.

Das anschliessende Konklave war sehr kurz. Ich glaube, die Kardinäle wollten möglichst schnell wieder an die frische Luft. Denn in den verriegelten Räumlichkeiten war es stickig und heiss. Wir Schweizergardisten orientierten uns am Rauch. War er schwarz, schickten wir unsere Leute in den Ausgang.

Das Attentat von 1981
So auch am Nachmittag der Wahl von Papst Johannes Paul I. Doch dann kam die grosse Verwirrung: Obwohl der Rauch schwarz war, sah ich plötzlich, wie die Fenster der Sixtinischen Kapelle geöffnet wurden, und ich hörte, wie die Kardinäle sangen – eindeutige Zeichen, dass ein neuer Papst gewählt war. Hektik kam auf, niemand war bereit. Die italienische Armee fehlte, und der Petersplatz war fast leer, als der neue Papst angekündigt wurde.

Johannes Paul I. war nur einen Monat im Amt. Ich sah ihn zwei Mal, er wirkte schüchtern, fast schon ängstlich. Ich glaube, er fühlte sich nicht wohl im Palast. In der Nacht, als er starb, hatte ich Dienst. Ich drehte meine Runden, alles war ruhig wie immer. Vom Tod hörte ich erst am nächsten Morgen. Wir waren alle sehr bestürzt. Im Nachhinein stellte der Buchautor David A. Yallop unter anderem aufgrund meiner Erzählungen Mordtheorien auf. Dabei hat er meine Worte verdreht. Für mich ist nach wie vor klar: Johannes Paul I. starb an einem Herzschlag.

Das zweite Konklave dauerte drei Tage. Die Spannung war gross, wir spekulierten viel. Ich konnte mir schon damals vorstellen, dass ein schwarzer Papst gewählt würde. Der Petersplatz war voller Zuschauer, als der frisch gewählte Papst Johannes Paul II. hervortrat.

Er suchte die Nähe der Menschen. Als Erstes schaffte er den Kniefall der Gardisten ab. Er kannte mich mit Namen. Auf Reisen frühstückte ich mit ihm. Das heisst: Er ass, und ich musste von meiner Familie erzählen. Zum Essen kam ich kaum.

Der Papst war ein spontaner, offener Mensch. Das war für uns Gardisten nicht immer leicht. Es kam vor, dass er mitten in Togos Urwald seinen Wagen anhielt, um sich ein wenig mit den Eingeborenen zu unterhalten. Oder er mischte sich spontan in die Menschenmenge. Wir mussten ihn dabei beschützen. Wir arbeiteten in Zivil, die Gardistenuniform wäre für solche Security-Aufgaben zu unbequem gewesen. Es war harte Arbeit, bei Audienzen kreischende Nonnen zurückzuhalten oder Menschen vom Papst zu lösen, die sich an seine Füsse klammerten.

Am schlimmsten war für mich das Attentat 1981. Ich werde den Klang der Schüsse nie vergessen, und die Tauben sehe ich heute noch vor mir, wie sie vom Brunnen aufflatterten. Dann kam ein Schrei, ich rannte sofort hin und packte den Attentäter. Die aufgebrachte Menschenmenge drosch auf uns ein, als wir Ali Agca zur italienischen Polizei brachten. Von da an waren wir vorsichtiger.

Das Reisen mit den Päpsten war streng, aber voller eindrücklicher Erlebnisse. Ich genoss es, so in der Welt herumzukommen. Ich begegnete während meiner Amtszeit zwischen 1968 und 1988 Leuten wie General de Gaulle, allen US-Präsidenten von Johnson bis Reagan und auch Lady Diana und Mutter Teresa.

Der Marsch nach Rom
Viel eindrücklicher waren die privaten Kontakte mit Johannes Paul II. In Castel Gandolfo, der päpstlichen Sommerresidenz, lud ich den Papst manchmal zum Essen ein. Dann sangen wir Schweizer Lieder wie das «Puurebüebli» oder «Là-haut sur la montagne». Der Papst sang eifrig mit.

In besonders lebendiger Erinnerung habe ich den Sonntagmorgen, an dem der Papst unsere Tochter taufte. Er nahm sich dafür extra um sieben Uhr in der Früh Zeit. Er sah meine Kinder aufwachsen. Ich lebte mit meiner Familie im Vatikanstaat in einer Wohnung mit Blick auf die Fenster des päpstlichen Palastes.

Seit wir wieder in der Schweiz sind, arbeite ich beim Kundenempfang einer Grossbank. Doch die Zeit im Vatikan lässt mich nicht los. Nächstes Jahr feiern wir das 500-Jahr-Jubiläum der Schweizergarde. Höhepunkt wird der Marsch nach Rom. Zu Fuss wandere ich zusammen mit anderen Ex-Gardisten während eines Monats von Bellinzona nach Rom, das sind 720 Kilometer. Dafür trainiere ich jetzt schon. Ich bin gespannt, welcher der heutigen Kardinäle uns als neuer Papst im Vatikan empfangen wird.

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