11_00_dg_augenzeuge.jpgGrün und Weiss bestimmen mein Leben es sind die Farben des FC St. Gallen. Ich bin diesem Fussballklub geradezu verfallen, und das hat seinen Grund. Ich wuchs im Osten der Stadt St. Gallen auf, im Quartier Heiligkreuz. Mein Elternhaus steht ganz in der Nähe des Stadions Espenmoos, der Heimat des FC St. Gallen.

Ich war fünf, vielleicht auch erst vier, als mich mein Vater erstmals zu einem Match ins Espenmoos mitnahm. Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich noch nicht über die Spielfeldumrandung blicken konnte. Trotzdem begleitete ich meinen Vater fortan zu jedem Heimspiel. Am Sonntagmorgen sahen wir uns zudem die Auftritte der Nachwuchsmannschaft an, und ich spielte oft hinter der Espenmoos-Tribüne mit meinen drei Brüdern Fussball mit einem Tennisball.

Schlimme Erinnerungen habe ich ans Jahr 1969. Damals durfte ich nicht zum Cupfinal nach Bern fahren. Ich heulte Rotz und Wasser, doch mein Vater blieb hart. Die ganze Familie reiste in die Hauptstadt, ausser Koni der war noch zu klein und musste daheim blieben. Der FC St. Gallen besiegte Bellinzona und holte den «Pott». Immerhin brachte mein Vater ein Hütchen des FC St. Gallen mit. Das besitze ich noch heute, und es thront während jedem Spiel auf meinem Kopf. Es ist längst zu einem Teil von mir geworden.

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Wie der Vater, so der Sohn

Mein Vater gehört zu den zehn treusten Fans in der 121-jährigen Geschichte des FC St. Gallen. Er sah während 40 Jahren fast jedes Heimspiel, stets vom gleichen Tribünenplatz aus. Er hätte sich bestimmt unglaublich über den Meistertitel gefreut, den Trainer Marcel Koller und seine Spieler in dieser Saison gewinnen werden. Doch im letzten Februar starb mein Vater. Ich sagte ihm kurz zuvor, er solle durchhalten bis zur Meisterfeier. Ich wollte ihn damit aufbauen. Aber er hatte keine Kraft mehr. Er ging allerdings im festen Glauben von uns, dass St. Gallen die Meistertrophäe holen wird, da bin ich mir ganz sicher.

Alle kennen den Koni

Die Liebe zum FC St. Gallen ist in unserer Familie fest verankert. Aber kein anderer Spirig ist von diesem Klub so «angefressen» wie ich. Seit 30 Jahren bin ich bei praktisch jedem Heimspiel dabei und sehr oft bei Auswärtspartien. In der Stadt St. Gallen kennt man den Koni; die Leute wissen, dass ich einer der treusten Fans des Klubs bin. Ob auf der Strasse oder in den Kneipen, in denen ich meine Bierchen trinke: Alle wollen mit mir stets über den FC St. Gallen diskutieren. Ich mag das. Und ich werde dem Klub so lang treu bleiben, bis auch ich im Grab liege.

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Der FC St. Gallen ist mir wichtiger als meine Freundin und meine Arbeit als Elektriker meine Freundin und mein Chef wissen das. Darüber sind die beiden zwar nicht begeistert, aber es ist nun mal so.

Es nervt meinen Chef, dass ich am Rückspiegel des Geschäftsautos einen solch mächtigen Wimpel des FC St. Gallen montiert habe, dass ich fast nicht durch die Frontscheibe sehen kann.

Es ist mir egal, wenn mich die Leute als Spinner bezeichnen. Der FC St. Gallen bedeutet mir unendlich viel, ich liebe ihn, ich mag diese einmalige Atmosphäre im Espenmoos, den Zusammenhalt unter den Fans. Der FC St. Gallen spielt leidenschaftlichen Fussball und hat das beste Publikum in der Schweiz. Keine Frage, dass ich jedes Wochenende im Toto auf einen St. Galler Sieg tippe. Bisher hatte ich aber noch nie mehr als elf Richtige.

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Als Junior spielte ich während rund zweier Jahre für den FC St. Gallen. Doch obwohl ich im Training viele Tore erzielte, bot mich der Trainer selten zu den Spielen auf. Das hat mich verärgert und letztlich veranlasst, den Klub zu verlassen und nie mehr in einem Verein zu spielen. Meine Liebe zum FC St. Gallen beeinflusste das allerdings nicht.

Seit Jahren läuft bei mir vor einem Heimspiel stets das gleiche Ritual ab. Mit meinem Hütchen und einem Leibchen ausgerüstet, bin ich mindestens zwei Stunden vor Matchbeginn in der Bocciabahn, die unmittelbar vor dem Espenmoos liegt. Dort trinke ich ein paar Bierchen, treffe meine Brüder und Kollegen, quatsche mit ihnen und stimme mich so auf den Match ein.

Was ebenfalls dazugehört: Ich trage zu jedem Spiel eine grüne Unterhose. Ich bin abergläubisch und in gewissen Dingen strikt. Beispielsweise wasche ich nie Fanartikel, egal, wie zerknittert sie sind und welche Unmengen von Bier schon auf ihnen gelandet sind. Fanartikel wäscht man einfach nicht basta.

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Während des Spiels unterstütze ich die Mannschaft lautstark. Bisher tat ich das stets von jenem Bereich der Stehplätze aus, wo die treusten Fans stehen. Seit diesem Jahr habe ich jedoch eine Saisonkarte auf der Tribüne.

Ich werde eben auch älter. Doch obwohl ich ein leidenschaftlicher Fan bin und hie und da einen über den Durst trinke: Ich war noch nie in eine Schlägerei verwickelt; ich verabscheue Gewalt. Der Koni wehrt sich mit Worten, nicht mit Fäusten.

Der FC St. Gallen machte mich auch schon sehr traurig. Ich litt Qualen, als er wegen Finanzproblemen fast Konkurs anmelden musste und 1993 in die Nationalliga B abstieg.

An diesem Abstieg war ich mitschuldig, davon bin ich überzeugt: Zu jener Zeit bereiste ich während zehn Monaten Kolumbien und Ecuador, ich konnte also die Mannschaft nicht unterstützen. Als ich die Schweiz verliess, war der FC St. Gallen in der Nationalliga A, als ich zurückkam in der Nationalliga B.

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Das werde ich mir nie verzeihen. Bitter war auch die Niederlage im Cupfinal 1998. Wir führten komfortabel mit 2:0 gegen Lausanne und verloren doch noch. Was habe ich da geheult!

Der Fussballgott heisst Zamorano

Als Fan habe ich bedeutend mehr Licht als Schatten erlebt. Etwa in der Saison 1989/90, als wir den schönsten Fussball in unserer Klubgeschichte spielten und das ganze Land vom FC St. Gallen schwärmte. Damals trug Ivan Zamorano noch das grünweisse Trikot, die Lichtgestalt, unser Fussballgott, der beste Fussballer, der je in der Schweiz gespielt hat.

Trotzdem verpassten wir damals den Meistertitel, sogar die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb. Schuld daran war in erster Linie Trainer Kurt Jara. In einer Sendung von «Radio aktuell» sagte ich ihm das und forderte ihn auf, den Verein zu verlassen. Wenig später ging Jara tatsächlich.

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Unvergesslich ist auch der Gewinn der Hallenmeisterschaft 1998. Nach dem Finalsieg stürmten wir auf den Platz und feierten unsere Helden. Ich schnitt mit einem Sackmesser ein Stück aus dem Kunstrasen heraus. Dieses Souvenir begleitet mich seither jeden Tag im Portemonnaie.

Bald aber werde ich einen noch grösseren Triumph feiern: den ersten Meistertitel seit 1904. Wie ich dieses historische Ereignis feiern werde, weiss ich noch nicht.

Ich weiss nur, dass dies das höchste aller Gefühle sein wird. Ich finde, wir sollten das Reformator-Denkmal beim St. Galler Marktplatz abreissen und durch eine Marcel-Koller-Statue ersetzen.

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