Viele vermuten, hinter dem Verein «Dark-Sky» würden ein paar verrückte Ökospinner stecken, die nachts alle Lichter ausschalten und die moderne Gesellschaft ins Mittelalter zurückkatapultieren wollen. Deshalb hat es für uns oberste Priorität, die Öffentlichkeit über unser Engagement gegen Lichtverschmutzung zu informieren.

Schon höre ich die ersten Einwände, Licht könne man doch nicht verschmutzen. Das stimmt natürlich. Der Begriff ist einfach die wörtliche Übersetzung der amerikanischen Bezeichnung «light pollution». Gemeint ist quasi die «Verschmutzung» durch Licht. Generell geht es darum, im Freien künstliche Lichtquellen zu vermeiden oder auszuschalten, wenn sie nicht benötigt werden und somit ihr Licht unnötigerweise in der Atmosphäre versiegt und uns Menschen nachts die Sicht zum romantischen Sternenhimmel vernebelt.

Die hausgemachten Lichtemissionen setzen auch der Pflanzen- und der Tierwelt zu: Zugvögel, die sich nachts auf ihrem Flug nach Süden bis anhin instinktiv auf die Position von Sternen und Mond verlassen konnten, verlieren heutzutage angesichts der enormen Lichterteppiche über den Grossstädten die Orientierung. So ziehen sie bis zum Morgengrauen ihre Kreise. Viele verenden vor Erschöpfung.

Kugellampen sind purer Nonsens
Von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit erhoffe ich mir, dass sich die Bevölkerung auf das Thema Lichtverschmutzung überhaupt einlässt und sich einmal Gedanken darüber macht, welche Auswirkungen eine eingeschaltete Lampe im Freien hat und ob sie wirklich notwendig ist.

Wir beginnen jetzt, auch Planer und Architekten für die Problematik zu sensibilisieren. Diese machen sich ja in den wenigsten Fällen nachts um elf Uhr vor Ort ein Bild. Sie planen bei Tag und lassen sich in erster Linie von der Ästhetik leiten. Das ist keine böse Absicht, sondern Gedankenlosigkeit oder Unkenntnis. Wer weiss denn schon, dass sich die öffentlichen Lichtemissionen in den letzten 20 Jahren alle sieben Jahre verdoppelten?

Das Grundprinzip für die richtige Beleuchtung eines Aussenraums ist denkbar simpel: Das Licht darf nicht von unten nach oben, sondern es muss von oben nach unten strahlen. Purer Nonsens sind die Kugellampen, wie sie etwa an der Zürcher Quaianlage zu sehen sind. 80 bis 90 Prozent des Lichts verlieren sich dort ungenutzt in der Atmosphäre. Eine ärgerliche Fehlkonstruktion steht auch in der Nähe meines Schlafzimmerfensters in einer Siedlung im Zürcher Unterland. In der Mitte des Vorplatzes ist eine Lampe mit fünf Kugelleuchten installiert. Ich bezeichne sie als «Kronleuchter». Er strahlt direkt ins Schlafzimmer. Ich muss mich damit abfinden. Für das dreieckige Fenster fehlt eine Verdunklungsmöglichkeit, und die Reklamationen haben nichts gebracht.

Natürlich kommen wir nicht ohne Licht aus, aber auch nicht ohne Dunkelheit, wie entsprechende Foltermethoden zeigen: Ist ein Mensch permanent grellem Dauerlicht ausgesetzt, verliert er irgendwann den Verstand.

In den letzten Jahren habe ich beobachtet, dass das Protzen mit Licht enorm zunimmt. Wenn eine Firma die Fassade ihres Hauses zu Werbezwecken beleuchtet, will sich die benachbarte noch greller in Szene setzen. Dieses Wettleuchten hat auch den privaten Raum erobert. Das manifestiert sich besonders an Weihnachten. Die Lichterketten und -girlanden sind immer billiger geworden. Doch um in meinen eigenen vier Wänden eine weihnachtliche Stimmung aufkommen zu lassen, brauche ich nicht den Balkon künstlich zu beleuchten. Stimmiger ist es, wenn ich im Zimmer eine Kerze anzünde. Aber damit kann ich mich eben nicht profilieren.

Das Aha-Erlebnis unter Sternen
Für Leuchtreklamen gibt es gesetzliche Vorschriften. Ansonsten jedoch ist der Umgang mit Licht kaum geregelt. Auf diesem Gebiet will die Vereinigung «Dark-Sky» vermehrt aktiv werden. Für die Nachtruhe gelten gesetzliche Regelungen. Warum soll man nicht auch eine «Lichtruhe» einführen? Ausgenommen sind natürlich sicherheitstechnische Anlagen. Wobei es ein Trugschluss ist zu glauben, bei hellerem Licht könne man sich nachts in jedem Fall sicherer fühlen. Ist ein Aussenraum voll beleuchtet, fällt der Kontrast weg, und die Distanz ist schwer abzuschätzen.

Als Amateurastronom bekomme ich die Lichtverschmutzung schon seit Jahren zu spüren und zu sehen. Wenn ich in einen Sternenhimmel eintauchen will, muss ich mein Fernrohr ins Auto packen und mindestens eine Stunde fahren, bis ich einen einigermassen dunklen Ort gefunden habe. Auf der Europa-Lichtkarte stösst man in Regionen Frankreichs und Spaniens noch auf natürliche Dunkelheit. In der Schweiz kann man lange nach solchen Enklaven suchen. Im Nationalpark gibt es sie noch vereinzelt. In dieser Entwicklung sehe ich auch eine kulturelle Verarmung. Das Aha-Erlebnis eines romantischen Sternenhimmels, wie es seit Urzeiten von Dichtern besungen wird, kommt uns abhanden.

Manchmal fühle ich mich wie Sisyphus. Sobald ich irgendwo eine Aussenbeleuchtung dämpfen konnte, werden gleichzeitig anderswo 20 neue in Betrieb genommen. Ein Kampf gegen Windmühlen? Ich kämpfe weiter.

Anzeige