Als ich am 25. April 1945 um 11.14 Uhr von meinem Elternhaus aus mitverfolgte, wie auf dem gegenüberliegenden Rheinufer die deutsche Hakenkreuzfahne abgezogen und verbrannt wurde, war mir klar: Jetzt ist der Krieg aus. Deshalb hat für mich der 8. Mai 1945 als offizielles Datum für die deutsche Kapitulation eine geringere Bedeutung. Ich erinnere mich nicht einmal mehr genau, wo ich an diesem Tag war.

Umso präsenter sind mir all die Ereignisse während der Kriegsjahre rund um das elterliche Gasthaus zum Salmen bei der Zollbrücke in Rheinau. Hier bin ich geboren, und hier verbrachte ich mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag. Das Haus aus dem Jahr 1691 diente verschiedenen Einheiten der Grenzbrigade 3 als Stützpunkt. Sie wechselten sich während des ganzen Kriegs periodisch ab. Die erste Einheit war die Grenzfüsilierkompanie I/267, in der ich ab 1944 selber Aktivdienst leistete.

Der Salmen glich einer Festung. Zeitweise waren dort bis zu 50 Mann einquartiert. Als Erste beherbergten wir 1937 die Festungswächter und die Mineure. Unten wurde dann ein Wachtlokal installiert mit aufgeschichteten Sandsäcken und einem zielgerichteten Maschinengewehr.

Im letzten Monat vor Kriegsende ging es bei uns turbulent zu und her. Unter den Soldaten herrschte eine erhöhte Nervosität. Die Alliierten verschärften die Luftangriffe. Immer wieder wurde Fliegeralarm ausgelöst, pro Tag bis zu zehn Mal, wie es im letzten handgeschriebenen Wachtjournal der bei uns stationierten Kompanie aufgeführt ist. Beunruhigt waren wir, als Mitte April auf deutscher Seite zwei Personenwagen mit Offizieren auftauchten, die die Minenladungen an der Zollbrücke kontrollierten. Wir fürchteten, die Deutschen könnten den Übergang im letzten Moment in die Luft jagen. Auch auf Schweizer Seite war die Brücke geladen. Einmal wäre es deshalb beinahe zu einer Katastrophe gekommen, als ein betrunkener Soldat auf den falschen Knopf drücken wollte. Seine Kollegen konnten ihn gerade noch rechtzeitig zurückhalten.

Statt Militärkolonne nur ein Panzer
Dieser 25. April 1945 war ein wirklich denkwürdiger Tag. Da realisierten wohl auch die deutschen Soldaten, dass Schluss war. Jedenfalls ersuchten am Abend des gleichen Tags drei deutsche Offiziere um Asyl. Die Schweizer machten einen geschickten Schachzug: Als Gegenleistung verlangten sie von ihnen, dass sie die Minen an der Zollbrücke entschärfen und das Material ins Minenlager bringen. Sie schleppten Ladung um Ladung auf unsere Seite. Wir waren baff. Niemand hatte mit einem solchen Arsenal gerechnet.

Am Abend passierten drei weitere Wehrmachtoffiziere und zwei Hilfspolizisten die Grenze. Auch dem deutschen Postenchef Jenni, einem gebürtigen Glarner, wurde Asyl in der Schweiz angeboten, da er bei der Entladung der Brücke mitgeholfen hatte. Nach einer kurzen Bedenkzeit lehnte er das Angebot ab und sagte: Ich bleibe hier auf meinem Posten. Er habe schon vor dem Hitler-Regime dem deutschen Staat gedient und werde weiterhin seine Pflicht erfüllen. Seine Galauniform schenkte er einem Schweizer Wachtmeister, worauf ein Kollege bemerkte: Die Deutschen haben schöne Uniformen, die Schweizer haben das Geld.

Der 25. April war der letzte Tag der Grenzfüsilierkompanie III/264 in Rheinau. An diesem Tag endet auch das detaillierte Wachtjournal.

Daraufhin harrten wir gespannt auf die Ankunft der Franzosen. Als wir Rufe hörten «Sie kommen», rannten wir alle ans Rheinufer und erwarteten eine stattliche Militärkolonne. Stattdessen rollte ein einziger Schützenpanzer an. Zwei Franzosen stiegen aus und begrüssten den deutschen Zollbeamten. Als sie die französische Fahne hissten und salutierten, klatschten alle, natürlich auch unsere Soldaten.

Der Volkssturm baute die aus Baumstämmen errichtete Tanksperre auf der deutschen Seite ab. Dann drehten zwei Schweizer an einer Kurbel das tonnenschwere Fallgatter hoch. Dieses mühsame Prozedere dauerte eine halbe Stunde, dann war die Brücke wieder offen.

Für die Schweizer Soldaten sollte der Fahnenaufzug am nächsten Tag noch ein Nachspiel haben: Weil sie den Franzosen applaudiert hatten, kassierten sie einen Verweis wegen Verletzung der Neutralität.

Nach dem Krieg war unser Haus in einem miserablen Zustand, auch im Innern. Die Soldaten hatten sich einen Spass daraus gemacht, ihre Bajonette gegen die Täferung in den Sälen zu werfen. Die Renovation und der Umbau zogen sich über Jahre hin. Noch heute besuchen uns Veteranen, die ihre ehemalige «Kaserne» sehen wollen. Sie staunen nicht schlecht, wenn sie vor dem stattlichen Gasthaus zum Salmen stehen und erfahren, dass ich die Geschichte dieses historischen Gebäudes in einem Buch dokumentiert habe und auch Auszüge aus ihrem Wachtjournal verwendete.