Wie meine Frau und ich damals mit flauem Gefühl im Magen im Stall standen, das werde ich nicht so bald vergessen. Wir mussten bloss nachsehen, ob eine Kuh noch in dieser Nacht kalben würde. Aber keiner von uns getraute sich, den Stall allein aufzusuchen oder allein in der Stube zu bleiben. Wir hatten nämlich vorher im nagelneuen Fernseher einen Draculafilm gesehen. So etwas sind wir hier oben nicht gewohnt. Wir waren uns dann einig, dass wir derartige Bilder nicht mehr brauchten – und somit war auch die Mattscheibe bei uns überflüssig.

Dass jetzt ausgerechnet ein Fernsehmuffel wie ich fürs Fernsehen arbeitet, ist schon erstaunlich. «Schweiz aktuell» suchte hier im Emmental verzweifelt nach einem Bauernhof, der noch so dasteht wie zu Gotthelfs Zeiten. In Eggiwil wies man die Leute dann zu mir. Ich bin auf dem «Sahlenweidli» geboren. 1776 wurde es erstmals urkundlich erwähnt. Seit 1997 ist der Hof unbewohnt; unser neues Heim liegt 500 Meter entfernt.

Es wird wieder von Hand gemolken
Vier Mal waren bereits Kameraleute hier. Mit denen ist wirklich gut zu arbeiten: keine Arroganz oder Einbildung. Am 7. April fuhr der grosse Aufnahmewagen vor. Ich stand zum ersten Mal vor der Kamera. Für eine Vorschau auf die Serie im Juli wurden die Kühe gemolken – von Hand. Das funktionierte erstaunlich gut, obwohl sie sonst maschinell gemolken werden. Die Familie Zuppiger wird zwei Hinterwälder Kühe betreuen. Das ist eine ursprüngliche Rasse, etwas kleiner als meine Simmentaler und rot statt braun gefleckt. Da wird das Handmelken wohl kein Problem sein.

Am Abend standen Aufnahmen von der Aussaat auf dem Programm. Doch der Winter war noch einmal zurückgekehrt, und die prächtige Schneelandschaft eignete sich nicht, um das Säen zu demonstrieren. Die ideenreichen Fernsehleute handelten das Thema aber trotzdem ab: Die Kamera zeigte nur meine Hand, die in die Körner griff. Wirklich angesät habe ich einige Tage später. Wie zu Gotthelfs Zeiten warf ich die Gersten- und Weizenkörner mit Schwung auf die drei Äckerlein. Die Saatkartoffeln lieferte Pro Specie Rara, eine Stiftung, die sich die Erhaltung alter Nutztiere und Kulturpflanzen zum Ziel gesetzt hat. Die Erdäpfel waren zu klein für die maschinelle Aussaat – so steckten wir sie halt von Hand. Auf einem kleinen Blätz pflanzten wir Flachs an. Daraus stellte man früher Kleider her. Das Saatgut lieferte uns eine Frau aus der Nachbarschaft, die noch anpflanzt und auch jedes Jahr mit ihrem Flachs die Brächete – den Flachsmarkt – in Zäziwil besucht.

Meinen Fernsehauftritt konnte ich einige Tage später bei Nachbarn auf Video ansehen. Ich gefiel mir recht gut – doch ich traute meinen Ohren nicht, als ich meine Stimme hörte. Das klingt ja richtig verschissen! Spreche ich wirklich so?

«Schweiz aktuell» sah vor, dass die Familie Zuppiger die Ernte mit Ross und Wagen einbringen sollte. Doch im 19. Jahrhundert spannten die ärmeren Bauern Kühe ein. In meinem Schopf fand ich noch ein Kuhjoch. Das sieht garantiert nach Gotthelf aus. Probeweise spannte ich meine Kühe ein – sie zogen brav. Sollten die Hinterwälder wider Erwarten dumm tun, stehen meine Kühe zur Verfügung. Sind auch die schlecht gelaunt, wird halt mein Ross die Arbeit verrichten.

Den Gemüsegarten pflanzte meine Frau an. Zuppigers werden Saubohnen, Erbsli, Rüebli und Salat ernten und essen. Ob es den Fernsehzuschauern wohl auffallen wird, dass zu Jeremias Gotthelfs Zeiten weder Gurken noch Zucchetti bei uns heimisch waren? Mein Beitrag zum Garten bestand in der Errichtung des Zaunes aus Ästen. Denn auch Draht stand damals noch nicht zur Verfügung.

Dank dem Schweizer Fernsehen verwandelte sich mein Geburtshaus langsam in ein wohnliches Haus – gemessen an den Ansprüchen des vorletzten Jahrhunderts.

Die nächsten Familien warten schon
Auch beim Entrümpeln legte ich Hand an. Das Museum Ballenberg lieferte die Betten und anderen Hausrat. Die wenigen Zugeständnisse, die meine Eltern in diesem Haus an die Neuzeit gemacht hatten, wurden rückgängig gemacht. Die Stromleitungen in den Zimmern zum Beispiel hat man abmontiert.

Der Herd war nicht mehr funktionstüchtig. Wir haben ihn durch einen neuen, ebenso altertümlichen Holzherd mit drei Löchern und einem Wasserschiff ersetzt. Das Wasser müssen die Bewohner selbst ins Haus schleppen, gebadet wird im Bottich. Das Plumpsklo liegt ausserhalb des Hauses, über dem Jauchetrog.

Meine Arbeit fürs Fernsehen hat sich zu einem Zweitjob entwickelt. Doch daran bin ich schon gewöhnt, denn mein Zwölf-Hektaren-Betrieb ernährt eine Familie mit vier Kindern nicht. In andern Jahren habe ich Maurerarbeiten ausgeführt. Das Sahlenweidli könnte sich zu einem weiteren Standbein für unsere Existenz entwickeln. Anfragen von Familien, die – auch ohne Fernsehen – einige Wochen wie zu Gotthelfs Zeiten leben möchten, sind bereits eingetroffen.

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