Es war eine Gewaltexplosion sondergleichen. Eine wütende Rotte. Ein Damm, der bricht. Dass eine Menschenmeute so plötzlich und furios losschlägt – das habe ich in meinen 24 Jahren als Polizist noch nie gesehen.

Der Sonderzug vom 5. Dezember aus Basel wurde in Zürich-Altstetten von einem massiven Aufgebot der Polizei erwartet. Unvermittelt wurden die Beamten von den Fussballfans aus dem Zug heraus mit allem Möglichen beworfen. Wer zurückwich, lief Gefahr, unter die Räder anderer Züge zu kommen. Distanz schaffen, kanalisieren, ruhig stellen. Etwas anderes war nicht möglich. Die Polizisten haben versucht, Kinder und Familien auszusortieren, damit diese ans Spiel konnten. 427 Personen wurden verhaftet, darunter auch Unschuldige. Das ist schade und unverzeihlich. Aber wenn ein 14-Jähriger mit einem Plakat zum Fussballmatch gehen will, auf dem «Züri brännt» steht – das müssen wir ernst nehmen.

Die Billettkontrolle hat die ganze Zugfahrt von Basel nach Altstetten gedauert. Man wird ja ständig behindert, und viele versuchen zu schummeln. Unter Polizeischutz haben die sieben Kontrolleure die 620 Passagiere kontrolliert und total 2010 Franken Fahrgeld nachgefordert. Ich bewundere sie sehr für ihre Arbeit.

Unglaubliche Gleichgültigkeit
Letzthin wurde einem Zugbegleiter von hinten eine Bierflasche über dem Kopf zerschlagen. Er hatte eine böse Beule. Nur Wochen später ist er wieder angepöbelt worden. Es ist unglaublich, was sie sich alles gefallen lassen müssen. Wir fahren jeweils mit ein paar Dutzend Leuten mit. Neben der Patrouille zum Schutz der Kontrolleure stehen auf jeder Plattform acht Uniformierte, ausgerüstet mit Helm, Überziehweste, Schulter- und Schienbeinschutz. Zur Wehr haben wir unser Mundwerk, für den Notfall aber auch einen Polizeimehrzweckstock und Pfefferspray. Schusswaffen tragen wir Bahnpolizisten nicht. Ich fahre immer mit in den FCB-Sonderzügen, schliesslich trage ich als Einsatzleiter die Verantwortung. Manchmal wird mir aber schon anders. Besonders im Nachhinein denke ich bisweilen, zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert.

Am 30. Mai 2003 haben wir erstmals einen solchen Sonderzug für die FCB-Fans – sie sind die einzigen, die mit dem Zug anreisen – begleitet. Dies nachdem sie am 6. April 2003 vor einem Spiel gegen den FCZ einen regelrechten Saubannerzug vom Hauptbahnhof bis zum Stadion Letzigrund veranstaltet hatten. Ein Tankstellenshop wurde ausgeräumt, Scheiben wurden eingeschlagen, mehrere Autos kurz und klein geschlagen. Eine Riesensauerei und ein Schaden von rund 150'000 Franken.

Auf den Regelzügen sind die gewaltbereiten Basel-Fans nicht tragbar. Sie stürmen die 1. Klasse, belästigen die anderen Fahrgäste, bezahlen nicht. Und hinterher sehen die Waggons aus wie eine Müllhalde. Nach jedem Match haben wir stapelweise Reklamationen. Es war klar, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Wahrscheinlich sind diese Fans unter der Woche allesamt super Büezer. Aber am Wochenende, da brennen ihnen sämtliche Sicherungen durch. Die meisten sind schon vor dem Spiel schwer betrunken. Sie schmeissen Bierflaschen aus dem Zugfenster, zünden im Abteil Rauchpetarden, machen alles kaputt. Diese Gewaltbereitschaft, diese Aggressivität – das ist wahnsinnig. Und es herrscht eine unglaubliche Gleichgültigkeit. Es ist... Wie soll ich das beschreiben? Es ist wie Drogensucht. Einem Junkie ist auch alles egal, wenn er seinen Schuss bekommt. Die Fans suchen den Kick in der Masse. Etwas machen, was verboten ist. Etwas, was sie allein nicht zu machen wagen. Andere gehen klettern.

Als alle Fans aus dem Zug waren, haben wir die Waggons geschlossen und durchsucht. Sackweise fanden wir Brand- und Signalkörper. Sogar in einem Sandwich, das fein säuberlich verpackt und ausgehöhlt worden war. Mit so was gehen die an einen Fussballmatch! Diese Handfackeln sind lebensgefährlich. Man kann sie nicht löschen. Schliesslich müssen sie auch unter Wasser funktionieren. Das muss man sich vor Augen halten: Wir hatten an diesem Sonntag mehrere tausend Menschen im Zürcher Hauptbahnhof. In der Bahnhofshalle war Weihnachtsmarkt, in der Innenstadt Sonntagsverkauf. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die Fans im Hauptbahnhof Signalraketen gezündet hätten und Panik ausgebrochen wäre.

Trotz Verbot im Stadion
Ich bin ja selbst kein Fussballfan. Ich bin eher der Einzelsportler. Mein erstes Fussballspiel habe ich im Dienst gesehen, das Spiel GC–FCB, als wir zum ersten Mal mit einem Sonderzug anreisten. Das Resultat habe ich vergessen. Aber Randale gab es auch da. Dass der Klub da nicht mehr macht, verstehe ich nicht. Auch das Fanprojekt des FCB hat wenig gebracht. Es gibt zwar Sanktionen. Aber sie werden ungenügend umgesetzt. Auf der Homepage des St.-Jakob-Stadions sind ganze Gruppen abgebildet, die Stadionverbot haben. Dass die trotzdem ins Stadion kommen, ist frustrierend.

Komisch ist, dass wir den FCB-Fans etwas Tolles anbieten. Im Sonderzug können sie anreisen ohne Umsteigen, haben das gewünschte Gruppenerlebnis und bekommen gratis Getränke und einen Snack. Aber sie wollen irgendwie nicht. Sie wollen Radau machen. Schade. Mit Sport hat das sicher nichts zu tun.

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