Meine Geschichte ist offenbar so unglaublich, dass die meisten denken, an ihr sei etwas faul. Seit ich im Juli 2001 in die Schweiz zurückgekehrt bin, liess ich auf der Suche nach einer Aufenthaltsbewilligung kaum eine Amtsstelle aus: Fremdenkontrolle, Migrationsdienst, Bundesamt für Ausländerfragen, Sozialamt. Doch nach meinem «Grüessech» schien niemand meine Geschichte auf die Reihe zu kriegen. Mit meinem deutschen Pass könnte ich in jedem EU-Land wohnen, arbeiten und gar Sozialhilfe beziehen. Nur in meiner Heimat, der Schweiz, geht das nicht so einfach. Die Behörden empfahlen: «Wenn Sie eine Stelle haben, bekommen Sie eine Aufenthaltsbewilligung.» Bei den Stellenvermittlungsbüros hiess es immer wieder: «Verschaffen Sie sich die Bewilligung, dann können wir Sie anstellen.»

Was die Stellensuche noch schwieriger machte: Die zuständige Behörde weigerte sich, mir die mündlich gestellte Bedingung «Erst der Job, dann die Bewilligung» schriftlich zu geben. «Ich behalte Ihr Dossier vorläufig bei mir», redete sich der kantonale Beamte heraus. Ich stellte mir seine Situation so vor: Nach den Buchstaben des Gesetzes hätte er mich des Landes verweisen können. Aber wer will schon unterschreiben, dass er einem Bern-Deutschen die Heimat verweigert? Eine aus gesundem Menschenverstand erteilte Bewilligung hingegen wäre Rechtsbruch gewesen.

Natürlich bin ich selber schuld, dass es so weit gekommen ist. Als ich die Schweiz 1989 auf unbestimmte Zeit Richtung England verliess, war mir nicht bewusst, dass mir das Aufenthaltsrecht dereinst abgesprochen werden könnte. Ich machte mir auch später keine Gedanken darüber, zumal mich der Flughafenzöllner nach meinem «Grüessech» jedes Mal ohne Fragen durchliess. Als ich im Frühling 2001 meine Rückkehr plante, versicherten mir Fremdenpolizei wie Londoner Botschaft, mir würde der B-Ausweis, wenn nicht die Niederlassung C «automatisch» wieder erteilt. Jetzt weiss ich, dass unsere Gesetze anders sind. Hätte ich sie früher gelesen, hätte ich über meinen Status als in der Schweiz aufgewachsener Deutscher nachgedacht. Heute würde ich, ohne eine Sekunde zu zögern, auf den EU-Pass verzichten und mich einbürgern lassen.

Ich bin als Sohn eines deutschen Unternehmers im Berner Städtchen Worb aufgewachsen, besuchte die Volksschule, das Gymnasium und ging in die Hotellerie. Als Chef de Réception kam ich ins Berner Oberland und nach Flims. Zwischendurch besuchte ich die Schauspielschule und verbrachte ein Jahr an einem Theater im deutschen Münster. Schon damals spürte ich vage: Ich war nur auf dem Papier Deutscher, mental aber Schweizer.

Die Schwester bot zuerst Asyl
Richtig klar wurde mir das erst in England, weil ich mich dort als Ausländer erstmals mit meiner Identität befasste. Ich mag die Schweiz. Hier gibt es überall Wälder zum Spazieren. Ich bin von typischen Werten geprägt: Wie viele Schweizer lege ich grossen Wert auf gutes Essen und bin auf eine seriöse Ausbildung stolz. Eigenschaften, die in England weniger zählen und mich daran erinnerten, woher ich komme.

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Dennoch verliess ich mit 26 Jahren die Schweiz, weil sie mir etwas zu eng wurde. Ich fand einen Job in einem Hotel in Manchester. Nach zwei Jahren bot sich mir als EU-Bürger die Möglichkeit zu einem Stipendium für ein Studium. Nach meinem Abschluss an der Dolmetscherabteilung nahm ich in London eine Stelle als Marktforscher an. Ich blieb weitere fünf Jahre und arbeitete als Kundendienstler und Account Manager. Dann kam das Heimweh: Ich hatte genug von der Hektik der Achtmillionenmetropole. Ich sehnte mich nach Schweizer Wäldern und anständigem Brot – eben nach unserer Lebensqualität.

Meine Aufenthaltsbewilligung wiederzuerhalten sollte gemäss der örtlichen Fremdenkontrolle eine reine Formalität sein. Es bereitete mir auch kein Kopfzerbrechen, als man mir eröffnete, ich müsse doch noch ein Gesuch beim kantonalen Migrationsdienst einreichen. Nebenbei sollte ich schon eine Stelle suchen, was die Sache beschleunigen würde. Die Suche blieb vorerst erfolglos, also wartete ich auf die versprochene Aufenthaltsbewilligung. Nach zwei Monaten wurde das Warten existenziell, weil ich in der Wohnung meiner Schwester sass und von ihrem Geld lebte. Also rief ich beim Migrationsdienst an. Nach mehreren telefonischen Umwegen zum Bundesamt für Ausländerfragen und wieder zurück beschied mir einer der Migrationsdienstchefs, mein Gesuch sei abgelehnt. «Kein Arbeitgeber, kein Aufenthaltsgrund.»

Was sollte ich tun? «Suchen Sie eine Arbeit als Casserolier.» Doch beim Kantonalen Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit warnte man mich im Voraus, dass mir als Küchenbursche keine Arbeitsbewilligung ausgestellt würde – «wegen Überqualifikation». Von 20 Stellenvermittlungsbüros schickten 17 mein Dossier mit der Begründung zurück, sie hätten keine Zeit für Papierkrieg. Ende November stellte mich meine Schwester auf die Strasse.

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Nur noch die Kirche ist offen
«Warum gehen Sie nicht nach England oder Deutschland zurück?» Die Frage der Sozialamtsangestellten zeigte mir meine Rechtlosigkeit endgültig. Der einzige Ort, an dem mir eine Tür offen stand, war das Kollektiv der Sans-Papiers in der Berner Pauluskirche.

Seit Anfang Dezember schlafe ich bei den Papierlosen auf einer Matratze unter der Treppe des Kirchgemeindehauses – als Bern-Deutscher ohne Aufenthaltsbewilligung bekomme ich keine Wohnung. Dafür erfülle ich seit kurzem die ultimative Bedingung des Migrationsdienstes: Ich habe einen Arbeitgeber in der IT-Branche gefunden, der mich per sofort als «Information Manager» eingestellt hat und mir die Steuern direkt vom Lohn abzieht. Die Podiumsdiskussionen, an denen ich letzten Dezember als Vertreter des Sans-Papiers-Kollektivs auftrat, haben offenbar etwas in Gang gesetzt: «Der Mann mit dem perfekten Berndeutsch – der Amtsschimmel wiehert», hat eine Zeitung geschrieben.

Ein paar Tage später erhielt ich einen Anruf des Migrationsdienstes. Der Chefbeamte versprach mir, nun alles für mich zu tun. Nach erneutem, bangem Warten habe ich vor zwei Wochen den B-Ausweis aus dem Briefkasten gezogen. Acht Monate nach meiner Rückkehr bin ich endlich wieder legal in meiner Heimat.