3_00_dg_augenzeuge.jpgIch sehe auf zehn Meter, wer mir ein Heft abkaufen wird und bei wem ich es schon gar nicht probieren muss. Mit der Zeit kriegst du einen Blick dafür. Seit zweieinhalb Jahren verkaufe ich das Strassenmagazin «Surprise». Immer am Bahnhof in Basel. In der Schalterhalle gabs zuerst Probleme mit der SBB-Direktion. Keine Ahnung, was die hatten. Sie wollten irgendwie nicht, dass wir auf ihrem Gelände verkauften. Die Sozialarbeiter von «Surprise» konnten es dann aber schaukeln.

«Surprise» war früher ein Heft für Arbeitslose und Obdachlose. Heute ist es ein Strassenmagazin mit einem viel breiteren Themenspektrum. Es will jene sichtbar machen, die sonst nicht gesehen werden. Aber die wenigsten Leute interessieren sich dafür. 90 Prozent der Passanten schlagen einen Bogen um mich. Ich dränge das Heft niemandem auf, sondern rufe es nur aus. Wenn ich glaube, dass jemand Interesse zeigen könnte, mache ich aber ein paar Schritte auf ihn zu. Zunächst hatte ich natürlich schon Lampenfieber. Doch das hat sich bald gelegt. Ich gebe mich einfach so, wie ich bin.

«Vereinzelt werde ich beschimpft»

Die Kunden sind hauptsächlich aus dem Mittelstand, Leute, die selbst kein dickes Portemonnaie haben. Höhergestellte kaufen nicht. Vielleicht haben sie im Geschäft schon den ganzen Tag genug zu lesen. Oder sie wollen nichts wissen von Menschen am Rand. Vielleicht auch nicht hinschauen unsere Situation hat mit ihnen vermeintlich ja nichts zu tun. Ich verstehe diese Einstellung, aber es ist auch frustrierend. Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben anderer finde ich erschreckend.

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Die meisten Leute sind wirklich anständig. Es gibt vereinzelte, die mich dumm anpöbeln: «Geh doch arbeiten!» oder so. Einmal hat mich einer aufs Ubelste beschimpft. Solche Sprüche darfst du gar nicht beachten. Das Verkaufen ist doch eine Arbeit wie jede andere. Wenigstens machen wir etwas Sinnvolles. Ich wünschte mir, dass das mehr geachtet würde.

«Manche zahlen mir einen Kaffee»

Am Bahnhof habe ich meine Stammkundschaft. Man kennt mich, kauft regelmässig bei mir oder kommt auch mal nur vorbei, um ein paar Worte zu wechseln. Fast jeden Tag werde ich auf einen Kaffee eingeladen. Manche nehmen mir nie eine Zeitung ab, bezahlen mir aber einen Kaffee. So kommen sehr gute Gespräche zustande. Man erfährt, wie andere die Welt sehen und was sie mit ihrem Leben machen. Jeden Tag lerne ich neue, unterschiedlichste Menschen kennen. Das gefällt mir, ich bin sehr neugierig. Gewiss, die meisten Kontakte sind oberflächlich, die Leute sind ja so pressiert. Manchmal kommen sie mir vor wie Roboter, die auf die Minute genau funktionieren müssen.

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Momentan bin ich vom Sozialamt abhängig. Das ist ein fertiger Mist. Man sollte sein Leben doch selbst verdienen können. Anfangs dachte ich, das Verkaufen würde mir, zusätzlich zu meiner halben IV-Rente, zum Leben reichen. Das ist eine Illusion. Im Durchschnitt komme ich auf 300 bis 400 Franken im Monat. Und du weisst auch nie, wie viel du verdienst.

In der ersten Zeit lief es eindeutig besser. Man merkt, dass die Leute nicht mehr so viel Geld haben. Vom Verkaufspreis geht die Hälfte an uns. Das heisst: Wir holen «Surprise» im Büro für zwei Franken fünfzig ab und verkaufen es für einen Fünfer. Früher lief es umgekehrt: Wir mussten erst nachher abrechnen, aber es wurde oft betrogen. An guten Tagen kriege ich schon fast fünfzig Hefte los, aber das ist wirklich die Ausnahme. Dafür stehe ich dann von morgens um sieben bis abends um zehn am Bahnhof, praktisch ohne Pause. Das hängt recht an.

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Es ist mein Wunsch, einen festen Job zu haben. Sobald ich wieder voll arbeiten kann, finde ich innert zwei Wochen einen. Null Problem. Ich bin flexibel, und welche Arbeit ich mache, ist mir egal. Ich mache alles.

Wenn ich mir ein Ziel in den Kopf setze, erreiche ich es. Das war schon immer so. Man muss natürlich wissen, was realistisch ist. Es ist dumm und sinnlos, etwas erzwingen zu wollen, was nie und nimmer gehen kann. Ich bin nicht der Typ, der grosse Pläne macht. Die lassen sich oft doch nicht einhalten, und am Ende ist man nur enttäuscht. Ich nehme das Leben, wie es kommt.

Das Verkaufen kann sehr mühsam sein. Wenn es regnet, kannst du von Glück reden, wenn du in drei Stunden fünf Hefte los wirst. Keiner will stehen bleiben. Da kriegst du den Verleider. An solchen Tagen würde man besser gleich nach Hause gehen. Aber du hoffst eben immer Am einträglichsten läuft das Geschäft morgens von sechs bis neun Uhr. Gut läuft es auch über Mittag und am frühen Abend. Den Nachmittag kannst du vergessen.

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«Manchmal hab ich eine Krise»

Wenn nichts los ist, fahre ich nach Bern, Zürich oder Luzern, trinke am Bahnhof rasch einen Kaffee und fahre zurück, damit ich um fünf, wenn das Geschäft anzieht, wieder in Basel bin.

Letztes Jahr hatte ich das Generalabonnement; das musste ich natürlich ausnützen. Damit sich der Kauf auch lohnt, muss man mindestens dreimal pro Woche Zug fahren. Dieses Jahr will ich das Generalabonnement unbedingt wieder lösen. Ich habe aber noch keine Ahnung, wie ich das Geld zusammenkriege. Und wenn ich dafür von Pfarrer zu Pfarrer laufen muss.

Ohne das Verkaufen würde mir etwas fehlen. Letzten Sommer konnte ich wegen Schmerzen im Fuss nur stundenweise arbeiten. Der Tag wurde schrecklich lang. Wenn ich nichts zu tun habe, ist die Gefahr gross, dass ich wieder ins Trinken zurückfalle. Seit zwei Jahren bin ich trocken.

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Feierabend. Fertig. Ich wollte einfach ein anderes Leben. Nach 20 Jahren Sauferei Wahnsinn! Ob der Ausstieg klappt, kann man nur selber bestimmen. 15 Entzüge habe ich zuvor versucht, alles für die Katz.

Allein hätte ich es nie geschafft. Ich brauchte Hilfe in der psychiatrischen Klinik. Denn wenn eine Krise kommt und man allein ist, haut es einen einfach um. Deshalb gehe ich sofort in die Psychi, wenn die ersten Anzeichen kommen.

Das Saufen war aber auch eine gute Zeit. Blaumachen, saufen, in Beizen oder auf Chilbenen handörgelen, weiter trinken, «Lämpen» mit der Polizei: Ich habe das Clochardleben genossen. Sogar als ich ganz auf der Strasse lebte und in Tramhäuschen übernachtete.

Sicher wäre mein Leben ohne Alkohol anders gewesen, besser. Doch ich bereue nichts. Schliesslich habe ich es selber so gewollt. Dieser Lebensabschnitt ist jedoch abgeschlossen. Früher lief das Leben an mir vorbei. Heute nehme ich es selber in die Hände.

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Betrunken könnte ich kein einziges Heft verkaufen. Die Leute distanzieren sich von Besoffenen, respektieren sie nicht. Ich aber will akzeptiert werden.

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