Aufgewachsen bin ich in Heimen – betreut von «Sozis», die mir je länger, je mehr auf den Wecker gegangen sind. Die «Sozis», also die Sozialarbeiter, tun immer so verständnisvoll, aber sie verstehen dich nur, wenn du so bist, wie man ihrer Meinung nach sein sollte. Ich hatte keinen Bock mehr, mich anzupassen und mich irgendwelchen selbst ernannten Autoritäten unterzuordnen. Es ist doch kein Mensch höher als der andere.

Vor acht Jahren traf ich am Basler Bahnhof Punker und war begeistert von der Atmosphäre. Wir Punks sind wie eine Familie: Wir halten zusammen und können aufeinander zählen. Allein bist du schwach, zusammen ist man stark. Bei den Punks wirst du akzeptiert, wie du bist. Musst keine Rolle spielen. Leben und leben lassen, das ist unsere Philosophie.

«Bei uns gibts keine Aussenseiter»
Jeder darf sein, wie er will, solange er den andern respektiert. Bei uns gibt es keine Aussenseiter. Und vor allem nicht all die dummen Vorurteile wie in der Gesellschaft, wo du immer der Grösste und Beste sein musst. Ohne Markenklamotten bist du sofort out.

Natürlich musst du dich ein Stück weit anpassen, das ist mir bewusst. Ich mache aber keine faulen Kompromisse. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Ich bin halt einfach anders. Ich tue, was ich will, und laufe herum, wie es mir passt.

Klar ecke ich damit an – wie vor kurzem am Bahnhof. Eine Bekannte hatte mir ein wenig Kleingeld geschenkt. Da liefen die Bullen dazu und verpassten mir eine Busse wegen Bettelei. Das finde ich ungerecht, bei anderen hätten sie das nie getan. Die fragten nicht mal, was war. Für die stand von Anfang an fest: Ein Punk bettelt, Punkt. Warum behandelt man mich nicht wie jeden anderen? Ich bin doch anständig und tue keinem etwas zuleide.

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Das mit dem Geld ist echt doof. Eigentlich möchte ich nicht so sehr dafür herumstressen. Aber in unserer Welt brauchst du einfach Geld. Wenn du keines hast, studierst du dauernd dran rum: dass du dazukommen musst und wie du das schaffst. Ich brauche nicht viel; wenn ich am Abend dreissig, vierzig Stutz gemischelt habe, bin ich zufrieden. Ich bin auch ohne Geld glücklich, aber ein bisschen Luxus möchte ich halt schon.

Luxus? Das ist für mich kiffen, rauchen, essen, duschen können, ein Dach über dem Kopf. Niemand muss mir Geld geben, ich akzeptiere das und bin trotzdem freundlich. Jeder kann frei entscheiden, ob er für mich ein bisschen Münz lockermachen will oder nicht. Das ist mir wichtig.

Am meisten bekomme ich von jenen, die selber wenig haben. Wer nie erlebt hat, wie das ist, wenn man auf dem Zahnfleisch geht, gibt nichts, weil er es nicht verstehen kann. Wenn mir einer sagt: «Geh doch arbeiten», sage ich immer: «Gib mir einen Job.» Ich bin kein fauler Siech, ich würde gern ein wenig arbeiten. Doch der Job muss Spass und Sinn machen. Am liebsten würde ich den Jungen meine Erfahrungen von der Gasse mitgeben.

Eine Zeit lang habe ich auf der Strasse gelebt. Mal hier gepennt, mal dort – das war total hart. Jeder Mensch braucht einen Ort, wohin er sich zurückziehen kann. Momentan wohne ich in einem Bauwagen, der einem Kumpel gehört. Ich finde es vollfett von ihm, dass er mich hier sein lässt. Seit ich ein Dach über dem Kopf habe, bin ich viel ruhiger geworden.

Sonst hänge ich den ganzen Tag am Bahnhof herum. Das ist einfach ein geiler Ort. Obwohl die Bullen mal wieder megamässig stressen. Mit den Geschäftsleuten gibts keine Probleme. Im Gegenteil: Von einer Bäckerei in der Bahnhofunterführung kriege ich jeden Abend das, was nicht verkauft worden ist. Das finde ich nett. Der Bahnhof ist der beste Platz zum Mischeln, hier sind auch meine Freunde. Jeden Abend steigt eine Party, ein gemeinsames Besäufnis. Wir hocken gemütlich zusammen, reden, haben unseren Spass und kippen unsere Biere.

Ich bin allerdings eher der Kiffer. Und wenn ich saufe, dann am liebsten hartes Zeug wie Tequila oder Wodka. An den Wochenenden ziehen wir den Konzerten nach und haben unseren Fun. Das Leben ist eine Megaparty.

«Ich lebe einfach in den Tag hinein»
Manchmal finde ich das alles aber auch langweilig und öde. Klar, es passiert immer was, aber irgendwie immer dasselbe. Eigentlich hasse ich diese Gleichförmigkeit. Du lebst nur einmal. Heute und nicht morgen. Ich plane nie voraus, lebe einfach in den Tag hinein, schaue aber, dass ich am Abend genug Geld habe.

Jeder Mensch hat ein Stück weit eine Zukunft. Doch meine Zukunft – die sehe ich nicht. Ich bin jetzt 25 und habe nichts, woran ich mich halten kann: keine Freundin, keinen Job, rein gar nichts.

Jeder Mensch braucht doch etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Ich habe keine Ziele. Nur eines ist klar: Ich bin ein Punk und werde immer Punk bleiben. Auch wenn ich mal nicht mehr so herumlaufe. Ich habe das in mir drin. Punk bist du nicht, Punk lebst du. Da ist eine ganze Lebensphilosophie dahinter. Jeder lebt seine eigene Anarchie. Punk ist meine Einstellung und wird es immer bleiben.

Ich mache das Ganze ja nicht nur aus Freude. Für mich hat das eine Bedeutung. Ich will etwas bewirken und bewegen. Zeigen, dass man nicht von morgens bis abends arbeiten und dem Geld und dem Konsum nachrennen muss, um glücklich zu sein. Dass man einfach als Mensch leben kann und darf. Wenn ich nur einen dazu bringe, mit einer Irokesen-Frisur rumzulaufen, ist das ein Punkt für mich. Wie er es dann lebt, ist seine Sache, aber ich habe ihn wenigstens dazu angestiftet.

«Jeder soll seine Freiheit leben»
Im Grunde hat doch jeder Mensch seinen eigenen Traum von Freiheit. Und den soll er leben. Ob jemand mit dem Auto herumrast, um sich frei zu fühlen, oder besessen Sport treibt, ist egal. Solange er dabei glücklich ist und die Träume der andern respektiert. Darum geht es im Leben doch. Dass du deine eigene Freiheit leben kannst und zufrieden bist. Egal, wie.

Man sagt immer, Punk sei tot. Punk ist nicht tot. Solange es Glatzköpfe gibt, wird es Leute mit farbigen Haaren geben. Skinheads sind die einzigen Menschen, die ich nicht akzeptiere und nicht respektiere. Im Moment gibts mit denen sehr viel Stress. Die provozieren uns, nicht wir sie. Ich bin sonst eher friedlich, gehe Problemen aus dem Weg. Aber wenn die mich dumm anmachen, gebe ich zurück.

Echte Punks gibt es aber immer weniger. Weil die Gesellschaft so ist, wie sie ist. Weil all die blöden Vorurteile viele zermürbt haben. Irgendwann hast du genug davon. Wirst zum toten Fisch, der mit dem Strom schwimmt. Das finde ich traurig.

Heute gibt es viele Möchtegern-Punks, die an den Wochenenden mit zerrissenen Hosen rumlaufen und sich dabei cool fühlen. Ich würde nie mit zerrissenen Hosen herumlaufen, wenn ich eine ganze hätte. Das sind doch keine wahren Punker. Die schnallen nicht, dass man Punk leben muss. Die denken einfach: «Ich laufe jetzt mal so herum, also bin ich Punk.» Doch so geht das nicht.

Was ein richtiger Punk ist? Das kann ich nicht sagen. Punker sein, heisst vielleicht, offen zu seiner Meinung zu stehen und seine eigene Freiheit zu leben.