Ein Clown muss nicht immer lieb, poetisch und positiv sein; er darf auch mal frech sein. Meine Vorbilder sind Buster Keaton und Karl Valentin: Die entsprechen überhaupt nicht den Klischees vom herzigen Clown. Ein Komiker muss aber immer sympathisch wirken. Das ist beispielsweise auch bei Dick und Doof so: Sie streiten zwar die ganze Zeit miteinander und hauen sich gegenseitig die Köpfe ein – den Zuschauern geben sie aber immer das Gefühl, die besten Freunde zu sein.

Ich selber bin eher der schräge, pfiffige und freche Typ – auch als Clown. Man muss in seiner Figur leben, alles andere wirkt künstlich und aufgesetzt. Lustig sein kann man nicht erzwingen.

Ich habe bereits in der Schule gemerkt, dass ich komödiantisches Talent habe; es fällt mir leicht, Leute zum Lachen zu bringen. Im Schultheater musste ich mal einen italienischen Marroniverkäufer spielen. Ich karikierte ihn, machte den Akzent nach. Das kam gut an, war aber auch nicht weiter schwer, da meine Mutter Italienerin ist.

Schon immer hat mich auch die Zirkuswelt fasziniert, besonders die Zirkusartisten. Nach meiner Ausbildung zum sozio-kulturellen Animator habe ich mit einem Freund den Zirkus Balloni gegründet. Wir haben im Rahmen von Projektwochen an verschiedenen Schulen mit den Klassen Zirkusaufführungen gezeigt. Eine Art theaterpädagogische Arbeit, die man «Zirkusanimation» nennen könnte.

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Die Buben wollten meist Feuerschlucken lernen oder Fakire spielen und über Scherben und Nagelbretter laufen – ziemlich gefährliche Sachen; wir mussten oft bremsend eingreifen, schliesslich waren die meisten erst um die zehn Jahre alt. Ganz klassisch hingegen die Mädchen: Die wollten am liebsten etwas mit Bewegung, Tanz oder Akrobatik machen. Wichtig war aber nicht zu zeigen, wie toll jemand den dreifachen Salto beherrscht, sondern gemeinsam ein Programm auf die Beine zu stellen.

Von der Zirkusarbeit war der Weg zum Clownspiel nicht weit – schliesslich hat es in jedem Zirkus Clownnummern. Seit über zehn Jahren trete ich als Clown Popil auf, in Kinderheimen, an Kindergeburtstagen oder in Schulen. Und seit einiger Zeit spiele ich auch in Krankenhäusern: im Kinderspital Zürich und in der Kinderabteilung des Kantonsspitals Winterthur.

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Als Spitalclown Doktor Lupo versuche ich, frischen Wind in die Krankenzimmer der Kinder und Jugendlichen zu bringen. Während meiner Ausbildung zum Spitalclown hatte ich zuerst etwas Mühe mit der ganzen Krankenhausatmosphäre. Alles ist so klinisch, streng und hygienisch. Irgendwie hemmte mich das. Ich fands fast schon grotesk, als Clown ins Krankenhaus zu gehen. Ich, weiss geschminkt, mit roter Nase, in riesigen Schuhen und einem bunten Ärztekittel – ein Widerspruch.

Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass genau das meine Aufgabe ist. Ich muss einen Gegenpol zum Spitalalltag bilden, muss den Kindern die Möglichkeit geben, einen Moment lang ausbrechen zu können.

Meist verbringe ich etwa zehn Minuten in einem Zimmer. Zum Beispiel stolpere ich schon beim Eintreten in den Raum. Dann frage ich die Kinder, ob ich meine Schuhe ausziehen soll. Meine Schuhe sind sehr gross und lang. Wenn sie die sehen, lachen sie bereits und rufen meist: «Nein!» Dann mache ich ein paar pantomimische Einlagen und verteile beispielsweise Vitamine aus einem Salzstreuer.

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Am wichtigsten sind aber eh die Kinder selber: Ich muss die ganze Zeit improvisieren, sie mit einbeziehen. Die Kinder bestimmen: Wie reagieren sie, was mögen sie? Wo liegen die Grenzen? Als Spitalclown hat man keinen Auftritt mit einem fixen Programm wie bei einer öffentlichen Vorstellung.

Vor jedem Einsatz im Spital verbringe ich etwa eine Dreiviertelstunde beim Pflegepersonal im Stationszimmer. Das ist wichtig: Die Schwestern und Pfleger informieren mich über den Gesundheitszustand der kleinen Patienten. Über ihr Alter, ihre Krankheit und vor allem über ihre momentane Tagesverfassung und die jeweiligen Hygienevorschriften.

Danach wird die Reihenfolge der Zimmer festgelegt: Wer an einer ansteckenden Infektionskrankheit wie Hirnhautentzündung leidet, wird zuletzt von mir besucht. Damit soll vermieden werden, dass andere Kinder angesteckt werden. Als Spitalclown stelle ich eigentlich ein gewisses Risiko dar: Es könnte ja passieren, dass ich Bakterien von einem Zimmer ins nächste verschleppe. Deshalb sind die Hygienemassnahmen sehr strikt.

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Das schränkt bisweilen auch ein. Zum Beispiel habe ich monatelang ein Mädchen besucht, das an Leukämie erkrankt war. Während ihrer Chemotherapie war sie isoliert in einem Zelt hinter einer Glaswand. Ich musste vor der Scheibe spielen, die Distanz war nicht einfach zu bewältigen. Einige Zeit später traf ich die Kleine zufällig auf dem Spitalflur; sie kam gerade von einer Kontrolluntersuchung. Als sie mich sah, rannte sie auf mich zu und wollte nichts anderes als mich anfassen. Sie wollte testen, ob ich auch wirklich «echt» war. Monatelang hatte sie mich schliesslich nur vor der Scheibe gesehen und mich weder berühren noch richtig fühlen können.

Oft sind auch die Eltern da, wenn Doktor Lupo auf Visite ist. Ich muss immer versuchen, sie genauso einzubeziehen wie die Kinder. Nur so wird ein rundum zufrieden stellender Besuch möglich. Das Image des Spitalclowns ist gut. Eltern wie Kinder freuen sich über meine Besuche. Manchmal passiert es auch, dass Kinder, die am Morgen entlassen werden sollen, nicht wegwollen – weil der Clown erst am Nachmittag kommt.

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«Ich bin kein Therapeut»
In Winterthur habe ich einmal etwas Schönes erlebt. Ein kleiner Junge sprang wie wild auf seinem Bett herum, als ich ins Krankenzimmer trat. Sichtlich erfreut rief er: «Juhe, jetzt kommt der Clown! Das ist mein Freund, der versteht mich.»

Solche Reaktionen tun gut. Oft ist die Arbeit im Kinderspital nämlich nicht einfach und recht belastend. Einige Kinder haben langwierige, schlimme Krankheiten, manche sterben gar. Immer wieder muss ich mir aber vor Augen halten, dass nicht nur schwere Fälle im Spital sind. Viele Kinder haben «nur» den Arm gebrochen, sind sonst aber genauso fit wie jene, die draussen auf dem Spielplatz herumtollen.

Von Zimmer zu Zimmer muss ich mich auf ein anderes Schicksal einstellen: Hier liegt ein todkrankes Kind, im nächsten sind sechs, die etwas gebrochen haben, und im übernächsten liegen zwei Lungenkranke. Wenn ein Kind ans Bett gefesselt ist oder gerade eine Operation hinter sich hat, ist es meist müde und etwas bedrückt. Dann mache ich nur leise, feine Sachen. Keine lauten Lieder oder krassen Zaubereien. Ich erzähle zum Beispiel mit einer Fingerpuppe eine kleine Geschichte.

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Als Spitalclown bin ich kein Therapeut, das Clownspiel ist keine Form von Therapie. Dennoch glauben wir natürlich daran, dass die kleinen Farbtupfer, die wir im Spitalalltag setzen, sich positiv auf den Krankheitsverlauf der kleinen Patientinnen und Patienten auswirken.

Ob ich selber Kinder habe? Nein, noch nicht. Ich wünsche mir aber welche, sicher. Wer wie ich tagtäglich mit Kindern zu tun hat, möchte irgendwann mal eigene.