Vor kurzem sah ich mir einen Zusammenschnitt der schlimmsten KinderpornoBilder an. 20 Minuten lang. Als Chef des Psychologischen Dienstes der Kantonspolizei Bern wollte ich erfahren, was unsere Computerfahnder ertragen müssen.

Es war für mich nicht das erste Mal, dass ich Bilder von Kindsmisshandlungen sah. Ich behalte dabei eine professionelle Distanz, ich lasse die Bilder nicht an mich herankommen. Trotzdem mache ich mir meine Gedanken. Es ist tragisch, dass es solche Bilder überhaupt gibt. Ich habe Mühe mit der Bewertung nach dem Motto: Eine Vergewaltigung ist schlimm, nackte Kinder am Strand sind harmlos. Für mich ist es unverständlich, dass gewisse Männer von nackten Kindern erregt werden. Ich finde das abnormal. Aber die Fahndungsergebnisse in der ganzen Schweiz zeigen klar: Kinderpornografie ist Realität.

Verschiedene Stressfaktoren
Im Kanton Bern sichten momentan zehn Beamte Material, das in den letzten Wochen beschlagnahmt wurde. Sie müssen auf fremden Computern nach einschlägigen Bildern suchen und beurteilen, ob deren Konsum strafbar ist oder nicht. Stundenlang, tagelang. Meine Aufgabe ist es, die Polizeibeamten psychologisch zu unterstützen, damit sie trotz dieser Tätigkeit normal weiterleben können.

Dafür muss ich zuerst herausfinden, was sie genau stresst. Vielleicht sind es gar nicht die schrecklichen Bilder selbst, sondern die lange Zeitspanne, während der sich die Beamten damit beschäftigen müssen. Oder die Angst vor dem Gesichtsverlust, wenn sie die Computer den Besitzern zurückgeben müssen, ohne das versteckte Material gefunden zu haben.

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Ein Stressfaktor ist sicher auch das schlechte Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Kinderporno-Konsumenten werden ja kaum bestraft. Die Bussen sind lächerlich, wenn man sie mit Verkehrsbussen vergleicht. Das ist sicher nicht gerade motivierend für die Fahnder.

Was stresst am meisten? Ich weiss es nicht. Vermutlich wirken alle diese Faktoren zusammen. Normalerweise warten wir ab, bis die Polizeibeamten von sich aus mit ihren Problemen zu uns kommen. Bei Pädophilie gehen wir jedoch aktiv auf sie zu. Das machen wir sonst nur, wenn ein Polizist seine Waffe benutzt hat.

In einem ersten Schritt warnen wir die Fahnder vor den Auswirkungen, die ihre Arbeit auf sie haben kann. Wir aktivieren damit ihre Selbstverantwortung. Wir helfen ihnen zu erkennen, wann sie mit einem Problem nicht mehr umgehen können und Hilfe suchen sollten. Dazu müssen sie sich selbst beobachten und sich melden, wenn sie eine Verhaltensänderung an sich feststellen: Seltsame Träume, feuchte Hände, Kopfschmerzen oder ein gestörtes Sexualleben sind Alarmzeichen. Dann wird eine psychologische Betreuung nötig, um ein Trauma zu verhindern.

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Der Psychologische Dienst umfasst zehn Personen. Wir sind zuständig für 1400 Beamtinnen und Beamte. Die meisten von uns sind selber Polizisten, die sich in Psychologie weitergebildet haben. Als Polizisten verstehen wir die Probleme der Basis besser und sind glaubwürdiger.

Ich hatte schon als junger Polizist die ganze Palette erlebt: Mord, Vergewaltigung und Selbstmord. Die praktische Erfahrung nützt mir bei meiner heutigen Arbeit. Ein Schlüsselerlebnis war ein Unfall, den ich als 23-jähriger Beamter aufnehmen musste. Eine Zwölfjährige war vom Pferd gefallen und gestorben. Einfach so, an einem schönen Sommertag. Ich war sehr bewegt.

Damals begann ich, mich bewusst mit meiner Betroffenheit auseinander zu setzen und die nötige Distanz zum Geschehen aufzubauen. Polizisten müssen lernen, die Ereignisse nicht persönlich zu nehmen. Denn ohne professionelle Distanz hält man diesen Job nicht lange aus. Aber zu abgebrüht darf ein Polizist auch nicht sein. Die Erfahrung lehrt einen, den goldenen Mittelweg zu finden.

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Natürlich werden nur überdurchschnittlich belastbare Personen zu Polizisten ausgebildet. Trotzdem kommen auch sie manchmal an ihre Grenzen. Dafür ist dann der Psychologische Dienst da. Mir geht es dabei nicht ums Helfen, sondern ums Unterstützen. Ich möchte Polizisten, die tief unten sind, wieder zurück in die Normalität bringen, damit sie effizient weiterarbeiten können.

Besonders gefährdet sind die Beamten beim Kriminaltechnischen Dienst. Sie müssen bei jedem aussergewöhnlichen Todesfall ausrücken und haben es zum Teil mit Toten zu tun, die schlimm zugerichtet sind. Das kann ablöschen. Es ist – wie bei der Fahndung nach Pädophilie – die Intensität, die stresst: Spezialisten sind grundsätzlich gefährdeter als Generalisten.

Schwierig ist auch das Überbringen von Todesnachrichten. Das müssen bei uns alle Polizisten machen. Und zwar immer persönlich, nie per Telefon. Wir bieten Trainingsseminare an, damit die Beamten die unangenehme Situation in Rollenspielen üben können: freundlich, aber bestimmt Zutritt zur Wohnung verschaffen, nie um den heissen Brei herumreden und hinterher organisieren, dass die Angehörigen nicht allein bleiben.

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Hexenjagd bringt nicht weiter
Beim Canyoning-Unglück vor drei Jahren im Saxetbach oberhalb Interlaken BE war es nicht möglich, die Angehörigen der australischen Opfer persönlich zu informieren. Wir richteten deshalb eine Hotline ein und wurden nachträglich für unser schnelles, aber überlegtes Informieren gelobt.

Es ist gerade bei Krisen wichtig, die Nerven nicht zu verlieren. Ich bin froh, dass der Kanton Bern im Kinderporno-Skandal sehr vorsichtig gehandelt hat. Die emotionale Hexenjagd bringt uns nicht weiter, wir müssen kalt und distanziert überlegen, was wir tun können. Bei der Pädophilie im Internet ist für mich jedenfalls klar: Es braucht eine stärkere Kontrolle, aber die gibt es nur auf Kosten der individuellen Freiheit.