26_99_augenzeuge.jpgStolz ist keine präzise Beschreibung der Gefühle für einen Mann wie mich, der bald 101 Jahre auf dem Buckel hat, verteilt auf drei Jahrhunderte und zwei Jahrtausende. Alt werden ist schliesslich keine Leistung, das tun viele. Trotzdem freut es mich, dass meine Meinung über dieses Jahrhundert gefragt ist.

Wir haben eine verrückte Epoche hinter uns. Ich habe die Armut am eigenen Leib erfahren, ich freute mich über den Wohlstand, der mit dem Fortschritt kam und ich erlebte die Enttäuschung darüber, wie sich vieles entwickelte. Zum Schlechten für die Natur und auch nicht zum Guten für die Menschen.

Manche Erinnerungen sind verwischt. Mich zu konzentrieren fällt nicht immer leicht. Schuld daran ist ein Schlaganfall, den ich 1968 hatte. Wenn ich zurückdenke, breitet sich vor meinen Augen unser Heimetli aus, das in Jonschwil SG lag. Ich besuchte die üblichen Schulen, absolvierte dann eine landwirtschaftliche Ausbildung. Mein Ziel war es, den väterlichen Bauernhof zu übernehmen.

Es kam anders. Ich hätte meine vier Stiefschwestern auszahlen müssen, doch dadurch wäre die Schuldenlast zu gross geworden, um den Betrieb wirtschaftlich zu führen. Was tun? Knecht wäre eine Möglichkeit gewesen, aber das wollte ich nicht. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch.

Lange vorher hatte ich begonnen, in der Freizeit zu fotografieren. Glücklicherweise bot mir der Fotograf, bei dem ich immer die Filme kaufte, seine Filiale im appenzellischen Walzenhausen zum Kauf an. Der Kurort hatte damals noch einen klangvollen Namen.

Am 1. August 1930 richtete ich mein Fotolabor in einer ausrangierten Waschküche ein. Meine ersten Kunden waren Kurgäste, die ihre Filme zum Entwickeln brachten, damit sie nach ihrer Rückkehr zu Hause ihre Fotos zeigen konnten. Weil sie mit meiner Arbeit zufrieden waren, schickten sie mir auch ihre Filme aus St. Gallen, Zürich oder Bern zu. So baute ich schnell einen guten Kundenkreis auf.

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1937 heiratete ich meine Frau Käthi, die 13 Jahre jünger war. Vier Jahre später kam unser Sohn zur Welt. Meine Frau war grossartig: Sie führte den Laden und ich ging immer häufiger auf Motivjagd.

Die Macht der Nazis erfahren

1936 besuchte ich einen Weiterbildungskurs in Wien. Diese Zeit ist mir deshalb so gut in Erinnerung geblieben, weil meine Professoren Nationalsozialisten waren. Es knisterte damals in der Stadt. Man spürte, dass etwas wie in einem Dampfkessel kochte. Das war ein beklemmendes Gefühl, und das Auftreten dieser Leute wirkte einschüchternd.

Einige Jahre später sind sie uns nahe auf den Pelz gerückt. Ich sah von Walzenhausen aus Bomben fallen. Natürlich fragten wir uns: «Werden auch wir in diesen Krieg hineingezogen?» Wir hatten Glück.

Nach dem Krieg war ich Teil dieser Entwicklung, die man Aufschwung nennt. Der Fortschritt war der Motor. Mein Geschäft florierte. Zuerst verkaufte ich Postkarten in Walzenhausen, dann in der Umgebung und schliesslich in der ganzen Ostschweiz. Manchmal musste ich meine Kollektion schon nach wenigen Jahren wieder erneuern, weil sich so viel verändert hatte. Anfangs staunte man darüber und bewunderte das Tempo der Veränderungen. Als der Mensch auf dem Mond landete, fragte ich mich jedoch: «Wem nützt das alles?»

Immer mehr Grün wurde vom Beton zugedeckt und saubere Luft von Industrieabgasen verunreinigt. Die langsame Wandlung des Klimas bekam ich ebenfalls mit. Bis in die fünfziger Jahre fuhr ich im Winter über Wochen auf Skiern von Walzenhausen ins Rheintal hinab. Das wäre in den letzten Jahren nur noch selten möglich gewesen. Ich will die alte Zeit nicht romantisieren, aber es war bald unübersehbar, dass sich die Menschen mit ihrer technischen Entwicklung grosse Probleme einhandeln.

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In den dreissiger Jahren bin ich den Zeugen Jehovas beigetreten. Das hat mir anfangs im Dorf Scherereien eingetragen, doch irgendwann beruhigten sich die Gemüter wieder.

Beängstigend finde ich den Missbrauch der Natur durch den Menschen. Auf die Spitze wird das mit dem Klonen von Lebewesen getrieben. Ich bin gar nicht erpicht darauf, den ersten kopierten Menschen zu erleben. Das heisst aber nicht, dass ich nicht noch einige Jahre leben möchte. Ich freue mich über jeden neuen Tag.

Durch meine Lähmung bin ich an den Rollstuhl gefesselt. Dadurch kann ich kaum mehr ausserhalb meiner vier Wände am Leben teilnehmen. Selbst mit einem Hörgerät verstehe ich nicht mehr viel, und die Augen sind schwach geworden. Dennoch verfolge ich nach wie vor das Weltgeschehen, und wenn ich etwa an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien denke, kommen mir die Worte des früheren Kurhausdirektors von Walzenhausen in den Sinn, der als Deutscher einige Jahre in britischer Kriegsgefangenschaft war. Er sagte mir: «Was ist ein Krieg doch für eine grosse Dummheit. Da hauen sie sich alles kaputt, was sie mühsam erarbeitet haben, schlagen sich gegenseitig die Schädel ein und anschliessend müssen sie dann doch wieder die Köpfe zusammenstecken, um zu schauen, ob in der Porzellankiste noch etwas Brauchbares zu finden sei.»

Das Lebendige besser schützen

Ich finde das eine treffende Beschreibung dieses Zustandes der Gewalt, den man Krieg nennt. Und wenn ich es mir genau überlege, ist mein Jahrhundert, das 20. Jahrhundert, eine Epoche der Kriege. Auch wenn man in der Schweiz davon nicht viel mitbekommen hat. Nach den schlimmen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs versuchten sich die Länder Sicherheit mit Aufrüstung zu erkaufen. Aber dieser Weg führt ebenso in die Sackgasse wie der technische Fortschritt, der vor allem die Natur zerstört.

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Das ist schade. Das bisschen Hirn, das der Mensch bisher genutzt hat, setzt er nicht für das Leben ein. Im Kopf des Menschen liegt der grösste Teil brach. Er müsste geweckt und zum Wohl des Lebens auf der Erde genutzt werden. Das wäre ein Ziel für das kommende Jahrhundert.

Ich werde davon nicht mehr viel erleben. Mein Alter setzt mir Grenzen. Ich mache mir natürlich auch Gedanken über den Tod. Ich habe keine Angst davor, bin aber auch nicht neugierig darauf. Ich glaube aber an eine Auferstehung in einem Leben, wo sich der Tod nicht wiederholt.

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