Die drei Tage am New Yorker Uno-Hauptsitz bleiben mir und meiner Kollegin Anne-Cathérine Graf aus Lausanne nachhaltig in Erinnerung. Zusammen mit über 370 Delegierten aus den 189 Uno-Mitgliedstaaten haben wir am Kindergipfel die Anliegen und Bedürfnisse der Kinder dieser Welt mitformuliert. International etwas bewegen zu können ist schon ein ganz besonderes Gefühl.

Anne-Cathérine und ich sind keine Kinder mehr, doch die UN-Konvention über die Rechte des Kindes definiert Kinder und Jugendliche als Personen bis zum 18. Altersjahr. Wir wurden denn auch stets als «young delegates» angesprochen.

Der Kindergipfel war für mich nicht die erste Erfahrung in einem internationalen Gremium. Im April 2001 konnte ich schon an einer Vorbereitungskonferenz in Budapest teilnehmen. Warum ausgerechnet ich als Delegierter der Schweiz ausgewählt wurde? Ich bin Kopräsident des Jugendparlaments der Stadt Luzern. Deshalb fragte mich der Luzerner Jugendbeauftragte an, ob ich in Budapest mitwirken wolle. Ich sagte spontan zu.

Das Gleiche bei der Hauptkonferenz in New York. Nur gings dort recht schnell. Erst drei Wochen vorher erhielt ich die definitive Einladung. Mit dem Uno-Beitritt der Schweiz hat das Ganze nichts zu tun. Federführend ist die Unicef, in der die Schweiz mitarbeitet.

Strenges Sicherheitsdispositiv
Nach New York zu gelangen ist ziemlich einfach, in die Uno-Konferenzräume dagegen schon schwieriger. Die Sicherheitsbestimmungen sind rigoros. Ich trug immer vier Badges auf mir, von denen ich nicht genau wusste, was sie zu bedeuten hatten. Aber ohne sie wars unmöglich, ins Gebäude zu gelangen. Das ist wohl eine Folge des Terroranschlags vom 11. September.

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In New York befassten wir uns auch mit Bildungsfragen. In der Plenarkonferenz meldete ich mich nicht zu Wort. In erster Linie war das ja die Sache der Delegierten aus jenen Ländern, in denen der Schulbesuch noch keine Selbstverständlichkeit ist. Unter uns waren vier junge Frauen aus Drittweltstaaten, die noch keinen einzigen Tag in einer Schule verbracht haben. Da wird klar, wie unterschiedlich die Ausgangslage für ein gemeinsames Ziel ist. Die Atmosphäre in New York war denn auch ansteckend – entsprechend international habe ich mich gefühlt.

In den Workshops brachten Anne-Cathérine und ich uns ein: Wir sprachen uns aus für das Recht aller Kinder und Jugendlichen auf eine umfassende Bildung. Konkret: Die Lehrkräfte müssen nicht nur Wissen, sondern auch Lebenserfahrung vermitteln. Ebenso gehören Sucht- und Gewaltprävention in einen Lehrplan. Das ist ein Fernziel, vorerst müssen überall die Grundschulen – auch für Mädchen – verwirklicht werden. Von den 110 Millionen Kindern, die heute nicht zur Schule gehen, sind zwei Drittel Mädchen.

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An den Plenarkonferenzen stellten Simultanübersetzer die Verständigung sicher. Ansonsten verständigten wir uns in Englisch. Ab und zu auch in Französisch, aber da brauche ich bedeutend mehr Zeit, um einige vernünftige Sätze zusammenzuschustern. Anne-Cathérine ist zum Glück zweisprachig. So konnte ich wenigstens in der Freizeit problemlos plaudern.

Auch in der Schweiz – und speziell am Luzerner Gymnasium – gibts noch viel zu tun. Wir Schüler müssten doch die Möglichkeit haben, einen gewissen Einfluss auf den Stoffplan zu nehmen. Es wäre sinnvoll, individuell Schwerpunkte in unserer Ausbildung zu setzen. Zudem haben wir wenig Ahnung von praktischen Dingen, die nun einfach jeder Bewohner dieses Landes kennen sollte. Wie füllt man eine Steuererklärung aus? Wie funktioniert das mit den Versicherungen? Das wären lebensnahe, nützliche Themen.

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An meiner Schule leben wir im Dauerstress. Ich hab mir doch tatsächlich überlegen müssen, ob ich mir den Abstecher nach New York leisten kann – Nacharbeiten ist immer beschwerlich. An der Schule zählt gegenwärtig nur die Leistung, die menschlichen Belange kommen zu kurz. Wahrscheinlich werde ich Medienwissenschaften studieren: Differential- und Integralrechnen dürfte da von eher geringerem Nutzen sein als die sprachliche Ausbildung.

Alltäglicher Rassismus
Neben den Bildungsfragen haben wir in New York auch über entsetzliche Dinge diskutiert, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind. Ich denke an die Kinder im Krieg, in den Slums der Grossstädte und an die Kinderprostitution. Glücklicherweise existieren diese Probleme in der Schweiz nicht oder nur in geringem Masse. Was wir hingegen kennen, ist der Rassismus.

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Darüber haben wir in New York ebenfalls diskutiert, und darüber werden wir im Herbst auch in Luzern reden. Dies im Rahmen einer Veranstaltung des Jugendparlaments und der Pfadfinder. Das Problem ist ziemlich verfahren. Ich verstehe die jungen Schweizer Frauen, die eine regelrechte Wut kriegen, wenn sie von Zuwanderern aus dem Balkan auf recht primitive Art angemacht werden.

Ich kenne aber auch Zuwanderer, denen diese Situation zu schaffen macht. Zum Beispiel ist einer meiner besten Freunde Albaner. Ihn bedrückt die Stimmung, die nun gegen ihn und seine Landsleute herrscht.

In New York haben wir die Probleme, von der Bildung bis zur Kinderprostitution, nicht lösen können. Das war auch nicht unsere Aufgabe. Wir haben Empfehlungen zuhanden der offiziellen Uno, also der Erwachsenenkonferenz, verabschiedet. Immerhin konnten wir vor der Vollversammlung sprechen – es war das erste Mal, dass Kindern dieses Recht eingeräumt wurde. Fernsehen und Zeitungen haben darüber berichtet. Die Erwachsenenkonferenz wird nicht einfach darüber hinweggehen können.

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1990 hat die erste Konferenz über Kinder stattgefunden. Seither sind doch Fortschritte zu verzeichnen. So ist zum Beispiel Kinderlähmung ausgerottet. In zehn Jahren ist die nächste Konferenz angesagt. Bleibt zu hoffen, dass die einzelnen Staaten unsere Empfehlungen umsetzen werden, damit es erneut einen Schritt vorwärts geht.

Positive Reaktionen
Die Zeit in New York war spannend, aber anstrengend. Aufstehen spätestens um sieben Uhr morgens, Arbeitsbeginn um acht Uhr. Wir haben stets bis weit in den Abend gearbeitet. Für Vergnügen ist wenig Zeit geblieben. Am zweiten Tag wurde ein kleines Fest organisiert, das aber nur bis 21 Uhr gedauert hat. Speziell gefreut hat es mich, die Bekanntschaften von der Budapester Konferenz aufzufrischen.

Die Delegierten der anderen Länder haben gestaunt, dass wir Schweizer kurz nach dem Kindergipfel wieder abgereist sind. Für sie war es selbstverständlich, noch einige Tage zu bleiben, um auch die Stadt kennen zu lernen. Das muss ich halt ein anderes Mal tun.

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Die Medien mitsamt dem Schweizer Fernsehen haben über den Kindergipfel recht viel berichtet. Die Reaktionen in unserem Umfeld waren durchwegs positiv, von Neid war nichts zu spüren.

So eindrücklich diese drei Tage in New York für mich auch gewesen sind – einen Bruch in meinem Leben bedeuten sie nicht. Ich werde weiterhin zur Schule gehen und werde auch meine Arbeit im Jugendparlament fortsetzen. Eine politische Karriere peile ich nicht an – trotz dem Kontakt zur internationalen Politik. Abgeneigt bin ich aber nicht.