Vor knapp 30 Jahren kam ich in die Schweiz. Zuvor hatte ich in der Tschechoslowakei und in Berlin studiert. Ursprünglich stamme ich aus Zaire, dem heutigen Kongo. Damals war mein Land eine belgische Kolonie mit sozialistischer Regierung. Deshalb absolvierten viele junge Kongolesen ihre Ausbildung in ehemaligen Ostblockländern.

Als 1968 der «Prager Frühling» ausbrach und kurz darauf die Russen einmarschierten, floh ich nach Berlin. Dort lernte ich meine Frau kennen, eine Schweizerin. Ich wollte mein Informatikstudium fortsetzen, aber nicht in Deutschland. Meine Frau wollte zurück in die Schweiz. Also zogen wir nach Lausanne. Damals war ich 23 Jahre alt.

Es war für mich ein Leichtes, in der Romandie Fuss zu fassen, denn Französisch ist meine Muttersprache. Nach dem Studienabschluss fand ich einen guten Job in La Chaux-de-Fonds NE.

«Meine Frau verlor alle Freunde»

Meine Frau ist gebürtige St. Gallerin. Nach dem Tod ihres Vaters schlug ich vor, zur Mutter nach St. Gallen zu ziehen. Für mich als Afrikaner war klar, dass meine Schwiegermutter nicht allein, sondern im Kreis ihrer Familie leben sollte. Wir hatten damals bereits zwei kleine Kinder.

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Mein Personalchef in La Chaux-de-Fonds, ein Berner, warnte mich. Er sagte: «Marcel, mit deinen beruflichen Qualifikationen hast du keine Probleme hier. Aber mit deiner Hautfarbe wirst du in der deutschen Schweiz Schwierigkeiten bekommen.» Ich glaubte ihm nicht.

Heute muss ich leider sagen, dass er Recht hatte. Meine Frau verlor wegen mir all ihre Freunde. Anfang der siebziger Jahre war die Partnerschaft einer weissen Frau mit einem Schwarzen für viele Leute unbegreiflich. Ob sie denn keinen Weissen gefunden habe, wurde sie oft gefragt.

Seit über drei Jahren sind wir geschieden. Vielleicht kommen jetzt wieder einige ihrer alten Freunde auf sie zu.

Die Deutschschweiz empfand ich als sehr kalt und abweisend. Heute habe ich mich daran gewöhnt. Ob es besser geworden ist? Ja, schon. Aber nur weil ich mich gegen die Diskriminierungen wehre. Die Vorurteile der Leute richten sich gegen meine Hautfarbe und meinen Akzent. Wenn etwa ein kleines Kind auf der Strasse mit dem Finger auf mich zeigt und sagt: «Schau mal, ein Neger», frage ich das Kind sofort, wo denn seine Eltern seien. Stelle ich diese dann zur Rede, ist es ihnen peinlich und sie werden knallrot.

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Die Ressentiments gegenüber Ausländern sitzen tief. Das ist aber nicht nur in der Schweiz so, ich habe das überall in Europa erlebt. In den sechziger Jahren, als ich zum ersten Mal mit Europäern zu tun hatte, war überall die Vorstellung verbreitet, Farbige hausten in Afrika wie Tarzan in den Bäumen. Schwarze wurden als Zurückgebliebene wahrgenommen.

Auch auf dem Arbeitsmarkt ist es für Schwarze schwer. Wenn ich einen neuen Job suche, mich auf ein Zeitungsinserat bewerbe, dessen Profil auf mich zutrifft, passiert immer wieder dasselbe: Das Unternehmen lädt mich zu einem Gespräch ein. Schliesslich bin ich Schweizer Bürger, und mein Name klingt französisch ich könnte also ein Welschschweizer sein. Auch meine beruflichen Qualifikationen sind in Ordnung. Kaum haben mich dann aber die Personalverantwortlichen gesehen, heisst es plötzlich: «Die Stelle ist leider schon vergeben.» Ähnlich läuft es oft auch bei der Wohnungssuche trotz sechs Jahren Antirassismusgesetz.

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Aufgrund der kulturellen Unterschiede habe ich allerdings auch schon lustige Situationen erlebt. Einmal feierte ich mit vielen Freunden Silvester auf dem Marktplatz in St. Gallen. Unsere Kinder waren damals zehn und zwölf Jahre alt. Auch einige Kolleginnen und Kollegen waren mit ihren kleinen Kindern da. Wir tanzten die Stimmung war toll.

Punkt Mitternacht rückte dann plötzlich die Polizei an. Was denn die Kinder um diese Zeit noch da draussen machten, wollten die Beamten wissen. Das gehe doch nicht. «Es ist die Neujahrsnacht», gab ich zur Antwort. «Bei uns gehören alle zu einem Fest, Jung und Alt.» Ich fragte die Polizisten, ob sie vielleicht unsere Kinder verhaften wollten, nur weil sie noch wach seien. Daraufhin zogen die Beamten kommentarlos ab.

Vor elf Jahren gründete ich zusammen mit ein paar Freunden den «African Club». Denn für junge Farbige ist es schwierig, in St. Gallen Kontakte zu knüpfen. Die Stadt wirkt auf Fremde sehr kühl, die Leute kommen nicht auf einen zu. Zum Glück wird das langsam etwas besser. Junge Schweizerinnen und Schweizer reisen viel und lernen andere Länder und Mentalitäten kennen und schätzen.

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Unseren Klub haben wir gegründet, um den Afrikanerinnen und Afrikanern in St. Gallen eine zweite Heimat zu bieten einen Ort, wo sie in Ruhe gelassen werden, ihre Musik hören und mit anderen zusammen sein können. Mittlerweile ist das Publikum durchmischt. Auch viele weisse Besucherinnen und Besucher mögen die besondere Stimmung in unserem Klub.

«Ich habe Morddrohungen erhalten»

Nur 100 Meter von unserem Lokal entfernt haben die Skinheads einen Treffpunkt. Konflikte sind programmiert. Doch so schlimm wie letzten Sommer, als mehrere Skins zwei Farbige verprügelt hatten, war es noch nie. Ich habe ständig Angst vor Übergriffen. Wir schützen uns, indem wir abends nie allein weggehen und immer ein Handy dabeihaben, um im Notfall die Polizei und Freunde zu informieren. Und während der Olma fahre ich immer mit dem Taxi zum Bahnhof, da die Messe auch Rechtsextreme anzieht. Ich habe sogar schon Morddrohungen erhalten.

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Dennoch: Klein beigeben will ich nicht. Ich bleibe in St. Gallen.