Ich bin schon seit dem vergangenen Juli in Israel. Ich lebe in der Nähe von Beersheba, der «Stadt der sieben Brunnen», in einem Dorf für Behinderte. Hier absolviere ich ein einjähriges Praktikum. Im Sommer möchte ich in der Schweiz mein Sozialpädagogikstudium beginnen.

Das Dorf ist ein Kleinod. Wir haben eine Bäckerei, eine Weberei, verarbeiten Mandeln und produzieren Dörrfrüchte. Die Gemeinschaft funktioniert ähnlich wie ein Kibbuz. Es wird möglichst wenig von aussen eingekauft. 80 Behinderte zwischen 20 und 40 leben hier. Ich spreche mit ihnen hebräisch und, weil einige aus Marokko oder den USA stammen, französisch oder englisch. Geführt wird das Dorf von sehr konservativen Israelis.

Weil ich an der hiesigen Gesellschaft interessiert bin, kam ich rasch mit Leuten aus der Friedensbewegung in Kontakt, deren Vertreter es in allen israelischen und palästinensischen Städten gibt. Mein erster Einsatz fand mit den «Rabbinern für Menschenrechte» statt. Wir pflanzten auf der Westbank 1000 Olivenbäume, die von der israelischen Armee ausgerissen worden waren. Ich beteiligte mich auch an einem Einsatz der Studentengruppe Ta’ayush: Wir brachten Hilfsgüter in blockierte palästinensische Orte. Mein wichtigster Einsatz war der Solidaritätsbesuch bei Jassir Arafat Anfang des Jahres – dies nachdem ihn die Israelis für «irrelevant» erklärt hatten. Wir waren 200 Personen und fuhren mit fünf Bussen nach Ramallah. Es war eine Begegnung, die mich sehr berührt hat. Ich werde nicht vergessen, wie sich Israelis und Araber umarmten.

Um beim Friedenseinsatz an Ostern in Bethlehem teilzunehmen, nahm ich vier Tage frei. Geplant war, Palästinensern Unterstützung gegen Schikanen zu geben – zum Beispiel Bauern aufs Feld oder Kranke ins Spital zu begleiten. Wir waren 200 Menschen aus verschiedenen Ländern, die sich am Karfreitag in Bethlehem trafen. Weitere hundert Aktivisten wollten von Ramallah aus zu uns stossen.

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Ungewissheit vor der Invasion
Die erste Nacht verbrachte ich in der Notfallstation im Spital von Bethlehem. Wir hatten vor, die Ambulanzen bei Einsätzen zu begleiten. Wir wussten nicht, wann und wie die Invasion erfolgen würde, nur dass sie kommen würde.

Doch der Angriff erfolgte nicht. Ich schlief ein paar Stunden. Dann begann das Osterwochenende. In Bethlehem leben viele palästinensische Christen, und Ostern hat eine grosse Bedeutung. Die Bevölkerung brachte uns Ostereier und Osterwein.

Zur Konfrontation mit der israelischen Armee kam es am nächsten Tag. Rings um Bethlehem liegen drei palästinensische Flüchtlingsdörfer. Immer wenn in Israel Selbstmordattentate verübt worden waren, drangen die Israelis in die Dörfer ein und suchten Vergeltung. Unter anderem hatte die Armee mehrere Häuser in Beit Jala besetzt, deren Bewohner festgehalten wurden. Wir wollten mit dem israelischen Militär über eine Besuchsbewilligung verhandeln. Doch leider kam es nicht dazu: Als wir mitten in Beit Jala standen, rollten uns Panzer entgegen. Zuerst vertrieben die Soldaten die Medienvertreter, dann schossen sie uns vor die Füsse.

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Wir hatten gelernt, keine Panik aufkommen zu lassen und langsam zurückzuweichen, wenn ein Gespräch nicht möglich ist. Die Frau neben mir, eine Australierin, fiel in Ohnmacht – langsam trugen wir sie zurück. Es gab Verwundete: Sie waren durch Metallsplitter im Gesicht, am Hinterkopf oder an der Brust verletzt worden. Erst da wurde uns bewusst, dass es sich um scharfe Geschosse handelte. Für mich war das ein Schock. Wir brachten die Verletzten ins Spital. Damals funktionierte ich automatisch und verspürte nicht einmal Angst. Doch wenn ich jetzt darüber rede, klopft mir das Herz.

Am nächsten Tag musste ich wieder zur Arbeit. Meine Kollegen erklärten mir den Weg nach draussen, und mit meinem T-Shirt als weisser Fahne verliess ich Beth-lehem. Ich begegnete fünf Soldaten, die mich stoppten. Während sie ihre Gewehre auf mich richteten, erklärte ich ihnen, dass ich Ausländer sei. Sie durchsuchten mich nach Sprengstoff. Dann brachten sie mich über die grüne Grenze zurück nach Israel. Ich bin nicht gläubig, aber ich denke, irgendetwas hat mir damals geholfen.

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Hautnah erlebte Geschichte
Noch von Bethlehem aus hatte ich meine Familie angerufen. Meine Eltern hatten Angst und ermahnten mich, dass ich mehr erreichen könne, wenn ich meine Ausbildung nicht aus den Augen verlöre. Das ist auch mein Ziel.

Ich weiss nicht, was mich zum Idealisten gemacht hat. Ich bin in einer aufgeschlossenen Familie aufgewachsen; wir sind viel in Europa gereist. So lernte ich schon früh andere Kulturen kennen. Als ich letzten Sommer nach Israel ging, fragten mich alle nach dem Grund. Ich könne doch in der Schweiz ein Praktikum machen. Aber ich habe mich eben immer für Geschichtliches interessiert – nun erlebe ich Geschichte hautnah.

Seit Ostern bin ich noch einmal in den Palästinensergebieten gewesen. Ich wollte einige Leute von einer Friedensgruppe in Hebron treffen. Aber es gelang mir nicht, vom jüdischen Quartier in die palästinensische Zone zu kommen.

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Ich hoffe noch immer auf den Friedensprozess. Aber ich glaube, dass der Druck von unten kommen muss. Ich setze auf die vielen Leute auf beiden Seiten, die Menschlichkeit und Frieden wollen. Israel ist durch einen Entscheid der Vereinten Nationen entstanden – die Völkergemeinschaft sollte auch jetzt aktiv werden und den Palästinensern zu einem Staat verhelfen. Aber ich habe den Eindruck, die Politik meint das gar nicht ernst.

Ich verurteile die israelische Besatzung. Ich bin mir aber auch der Rolle Arafats bewusst: Dass er Waffen gekauft hat, ist ein sehr heikler Punkt. Weil er keinen Staat hat, ist dies Terrorismus. Wenn er einen Staat hätte, wäre es legitim, sich zu schützen und zu verteidigen.

In meinem Dorf fällt es mir manchmal schwer, mich zurechtzufinden. 90 Prozent der Menschen hier sind nicht meiner Meinung. Es gibt mir oft schwer zu denken, wie sie über die Palästinenser reden. Manchmal sitze ich am Wochenende mit gleichaltrigen Israelis zusammen, die während der Woche als Soldaten in Gaza waren. Sie erzählen mir, wie sie auf alles schiessen müssen, was sich bewegt.

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Doch eines habe ich in den letzten neun Monaten gelernt: in allen Situationen und in allen Menschen das Gute zu sehen und niemals die Türen zuzuschlagen. So habe ich es schon geschafft, den einen oder anderen in einen Dialog zu verwickeln. Auch wenn ich zurück in der Schweiz bin, werde ich mich vermehrt für die Menschenrechte einsetzen.