Der Montag ist der schönste Tag der Woche, denn da treffen wir uns zum Nightskate. Jedes zweite Mal offiziell mit Polizeibegleitung. Es geht gar nicht mehr anders, denn immer mehr Leute wollen auf der 22 Kilometer langen Strecke durch die Stadt Zürich mitfahren. Bei schönem Wetter sind wir über 5000 Skaterinnen und Skater. Ich liebe diese rollende Menschenmasse. Seit zwei Jahren haben wir Zürichs Strassen zweimal im Monat für uns. Wir versammeln uns jeweils um 20 Uhr auf dem Bürkliplatz. Die Stimmung ist toll, man trifft alte Freunde und lernt neue kennen. Alle schwatzen miteinander und freuen sich auf die gemeinsame Fahrt.

Geht es dann endlich los, bin ich vorne dabei. Seit einiger Zeit helfe ich bei der Organisation mit. Meine Aufgabe ist es, die Polizei beim Sperren der Strassen zu unterstützen. So kann ich ab und zu Gas geben und nach vorne spurten, um eine Kreuzung abzuriegeln. Es ist schön, all diese Leute vorbeirollen zu sehen. Einfach nur mitzufahren wäre mir zu langweilig, denn beim Nightskate ist das Tempo langsam. Es geht wohl nicht anders, wenn Tausende miteinander unterwegs sind. Es braucht Stopps zwischendurch, damit wieder alle aufschliessen können.

Deshalb freue ich mich an den Montagen ohne Nightskate auf die private Tour: gleiche Zeit, gleicher Ort, aber viel weniger Leute. Im Winter sind wir nur etwa fünf, im Sommer bis zu 40 Skaterinnen und Skater. Dann sind wir rasanter unterwegs. Meine Lieblingsroute führt über Affoltern und Seebach nach Oerlikon. Und zwar inklusive Rigiblick-Bähnli: mit der Bahn rauffahren und auf den Skates runterblochen. Das macht Spass.

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Neues Gesetz für Skater

Manchmal hängen wir uns an Autos oder Trams an, damit es etwas schneller geht. Die Autofahrer merken das meistens gar nicht. Die Polizei hat uns auch schon angehalten, eine Busse erhielt ich allerdings noch nie. Vielleicht ändert sich das bald, denn im August ist ein neues Gesetz in Kraft getreten. Neu müssen wir nachts mit Licht fahren. Und wir sind offiziell den Fussgängern gleichgestellt, müssen ihnen jedoch den Vortritt lassen. Viel befahrene Strassen sind für uns ab sofort tabu. Das haben wir zu akzeptieren.

Ich wünschte mir, dass die Skaterinnen und Skater von den Verkehrsteilnehmern in Zürich besser akzeptiert werden. Wenn die Fussgänger keine Angst vor uns haben, dann passiert auch nichts. Und Velofahrer sollten sich nicht aufregen, wenn wir auf dem Velostreifen unterwegs sind. Dann wäre das Skaten noch viel cooler. In Paris ist das so: Überall trifft man Gleichgesinnte. Ich erlebe das einmal pro Jahr, wenn ich mit Freunden in die Seinestadt reise, um am wohl grössten Skate weltweit teilzunehmen. Über 20000 Leute rollen jeweils auf der Rundfahrt durch Paris mit. In Paris hat es keine Tramschienen, dafür umso mehr Pflastersteine und Löcher in den Strassen. Trotzdem: Diese Reise ist der Höhepunkt des Jahres.

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Talwärts mit Tempo 80

Ich bin Tag für Tag auf Rollen unterwegs. Für mich sind die Inlineskates im Sommer und im Winter das Haupttransportmittel, wenigstens solange die Strassen einigermassen trocken sind. So pendle ich jeweils von Volketswil nach Zürich zur Arbeit, manchmal auch in Kombination mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Nach der Lehre als Elektromonteur bildete ich mich zum PC-Supporter weiter. Heute bin ich bei einer Bank angestellt. Die Arbeit am Computer ist ein guter Ausgleich zum Skaten. Wenn ich genug habe von Skater-Trubel, ziehe ich mich in meine Wohnung zurück und bastle an meinem Computernetzwerk herum. Ich betreibe auch eine Homepage, auf der ich Fotos von den Nightskates veröffentliche.

Früher war ich ein Eigenbrötler. Ich sass am liebsten vor meinem Computer. Heute zieht es mich raus, nach Zürich. Mit dem Skaten begann ich vor zehn Jahren. Damals musste ich mir die Inlineskates noch ausleihen. Mit dem Lehrlingslohn kaufte ich mir mein erstes Paar. Als ich mir wenig später auf der Halfpipe den kleinen Finger brach, schmiss ich die Ausrüstung in die Ecke, wo sie dann sechs Jahre lang liegen blieb.

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Vor etwa zwei Jahren kam ich mit dem Auto mitten in einen Nightskate. Die Skaterinnen und Skater flitzten mir nur so um die Ohren; mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis der Spuk vorbei war. Da war für mich klar: Hier will ich auch dabei sein. Und so fuhr ich bereits beim nächsten Mal mit. Das war gleichzeitig der Beginn meiner Sucht. Heute kann ich ohne Skates nicht mehr leben. Jedes Jahr kaufe ich mir ein neues Paar für etwa 500 Franken, und die Räder muss ich mehrmals jährlich wechseln.

Diesen Sommer habe ich mit Downhill-Rennen begonnen. Mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde fahren wir eine Bergstrasse hinunter. Klar trage ich dazu einen Helm, Arm- und Knieschoner. Beim letzten Rennen vor ein paar Tagen stürzte eine Fahrerin vor mir. Ich konnte noch über sie rüberspringen, landete aber dummerweise in der Schaumstoffabsperrung, wo meine Skates stecken blieben. Einmal mehr hatte ich Glück im Unglück: Nur die Schulter tut weh aber das vergeht wieder.

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Hoffen auf «rollende Liebe»

An den Events treffe ich meine Freunde. Wir probieren dann immer wieder Neues aus und zeigen uns die besten Tricks. Wir spornen uns gegenseitig an. In diesem Jahr üben wir uns im «Lake-Jumpen»: Da springen wir über eine Rampe in den See, und dies möglichst spektakulär. Wir geniessen es natürlich, wenn uns dabei jemand zuschaut. Auf den Skates bin ich viel lockerer und wage auch mal Leute anzusprechen. Zurzeit bin ich Single. Es wäre natürlich schön, wenn meine zukünftige Freundin auch skaten würde und wenn nicht, würde ich es ihr beibringen.

Auch an den Tagen ohne Nightskate treffe ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen auf dem Zürcher Bürkliplatz zum «Becherlen». Deshalb habe ich im Rucksack immer ein Dutzend Becher dabei. Die stelle ich dann auf die markierten Punkte auf dem Platz und umfahre sie möglichst spektakulär und schnell im Slalom. So kann ich Dampf ablassen nach einem strengen Arbeitstag. Wenn dann noch jemand den Gettoblaster mitbringt und wir zur Musik Tanzschritte üben, ist die Welt für mich in Ordnung.

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