Heute könnte ich Millionär sein. Stattdessen muss ich jeden Franken zweimal umdrehen. Muss mich fragen, ob ich mir den Kaffee im Restaurant leisten kann. Freunde helfen mir zum Glück finanziell über die Runden. So geht das im Internetbusiness.

Noch Anfang Jahr hatte ich von einer grossen Werbeagentur ein Übernahmeangebot für meine Firma erhalten. Sie hätte einen Millionenbetrag bezahlt – ich schlug aus. Geld interessierte mich damals nicht, ich wollte mein eigener Chef sein und meine Ideen umsetzen. Ich bin wohl ein Idealist. Und dann ging alles sehr schnell. Die Krise kam, im August machte meine Webagentur Konkurs.

Begonnen hatte alles 1995. Gemeinsam mit Freunden gründete ich in St. Moritz eine Internetagentur – das Web steckte noch in den Kinderschuhen. Unsere Idee war, technisch und grafisch gut gemachte Internetseiten zu produzieren.

Das war damals nicht üblich: Entweder waren die Seiten optisch überzeugend, funktionierten aber technisch nicht – oder umgekehrt. Meine Rolle war es, Aufträge zu akquirieren und diese mit freiberuflichen Grafikern und Technikern umzusetzen. Ich selber verstand wenig von Webdesign. Ich bin gelernter Radio- und Fernsehelektriker und probierte verschiedene Jobs aus, vor allem im Kulturbereich. Den Computer benutzte ich nur privat.

1996 kamen die ersten Aufträge. Ich zog von St. Moritz nach Baden, denn niemand reist in die Berge, um seine Homepage in Auftrag zu geben. Das erste Büro war nur wenige Quadratmeter gross und befand sich im Hinterraum eines Tattoostudios. Wer zu mir wollte, musste erst da durch – abenteuerlich.

Die fetten Jahre begannen. Ich zog die ersten Aufträge mit sechsstelligem Volumen an Land, stellte Mitarbeiter ein. 1998 waren wir fünf, Mitte 2000 bereits 25. Zweimal zogen wir in der Folge um – in immer grössere Büros.

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Der Umsatz schnellte in die Höhe. Einzelne Aufträge waren eine halbe Million wert, solche unter 30'000 Franken für uns unrentabel. Auf dem Höhepunkt konnten wir uns die Kunden aussuchen; wir nahmen nur Aufträge an, die uns Spass machten, etwa für Non-Profit-Organisationen. Schuften bis zum Umfallen mussten wir nicht, der Erfolg stellte sich auch so ein.

Es war für uns und für alle in der Branche eine überdrehte Zeit. Voller Euphorie. Natürlich wurde übertrieben: Einige Firmen vergassen, dass sie auch Geld verdienen mussten. Futterneid gab es nicht, denn Futter war genug vorhanden. Und selbstverständlich wehrten auch wir uns nicht dagegen, dass die Auftraggeber so unglaublich viel Geld für Internetseiten ausgeben wollten – weil der Webauftritt anscheinend so wahnsinnig wichtig war.

Das alles war übrigens nicht nur irrational. Ich bin überzeugt: Die ganze Interneteuphorie war mehr als nur eine Luftblase. Das Medium hat sich innert kürzester Zeit etabliert und gehört nun zum Alltag. In der Schweiz geht inzwischen jeder Zweite zumindest gelegentlich aufs Netz.

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Die Zeit der Euphorie war auch die Zeit der Träume. Eine Weile trugen wir uns mit dem Gedanken, in Wien eine Filiale zu eröffnen. Österreich hinkte der Schweiz hinterher, was die Entwicklung des Internets betraf. Wir hätten also gute Startbedingungen gehabt. Trotzdem liessen wir es bleiben. Von der ständigen Fliegerei hatte ich irgendwann genug.

Ich selber genoss damals das Leben – wenn auch nicht übermässig. Ich leistete mir ein schönes Auto und eine hübsche Wohnung. Ging gut essen. Aber nicht dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich habe mir selber kein Spitzensalär bezahlt, habe das Unternehmen nicht ausgesaugt. Vor allem war es schön, als Aushängeschild einer Firma begehrt zu sein. Ich erhielt Jobangebote, die mir den doppelten Lohn gebracht hätten. Die Unabhängigkeit war mir jedoch immer wichtiger. Ich wollte meine Vision realisieren: Internet mit guten Inhalten.

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Leider ging das nicht ewig so weiter. Von einem Tag auf den andern war die Euphorie vorbei. Es kam zum völligen Stillstand. Alles, was vorher als richtig gegolten hatte, war jetzt falsch. Die Auftraggeber rechneten nach, was ihnen das Internet unter dem Strich brachte. Die Folge: Budgets wurden zusammengestrichen, und uns gingen Aufträge verloren.

Unser Pech war, dass wir ausgerechnet in jener Zeit zu 60 Prozent von einem einzigen Kunden abhingen. Und dieser begann, Rechnungen zurückzuhalten. Wir trennten uns. Damit waren die Probleme aber nicht gelöst. Denn neue Kunden waren weit und breit keine zu finden. Und wir hatten hohe Fixkosten. Webauftritte wurden bei uns immer von Teams mit verschiedenen Spezialisten produziert. Doch das geht nur für grosse und komplexe Aufträge. Fehlen diese, sind die Lohnkosten zu hoch.

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Wir versuchten es mit einer Sanierung. Entliessen fast die Hälfte aller Mitarbeitenden. Wir suchten Geld, um über die Runden zu kommen. Doch als der Sanierungsplan mit neuen Geldgebern hätte unterschrieben werden sollen, gingen uns die Augen auf: Auch längerfristig waren zu wenig Aufträge in Sicht. Weiteren Mitarbeitern wurde gekündigt. Im Juli deponierten wir die Bilanz.

Es war schon schlimm, allein im jetzt viel zu grossen Büro zu sitzen. Einen Trost gabs immerhin: Wir waren nicht die einzige Firma, die unterging. Und wir sind mit Sicherheit auch nicht die letzte.

Für mich geht das Leben weiter. Einen Lohn habe ich zwar seit einigen Monaten nicht mehr erhalten. Doch ich betrachte die neue Bescheidenheit als Abenteuer. Und als eine gute Erfahrung. Solange man überzeugt ist, dass der Erfolg wieder kommt, ist es kein Problem.

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Ob ich es bereue, dass ich nicht auf die Millionenangebote eingestiegen bin? Nein, überhaupt nicht. Wer wäre ich denn jetzt? Ein Abteilungsleiter, der ausführen müsste, was ihm auf den Schreibtisch kommt. Nein, danke. Zu Ende ist die Geschichte der Webagentur übrigens noch nicht. Vier meiner früheren Angestellten machen nun in Aarau weiter. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Die Löhne sind jetzt aber vom Erfolg abhängig, und es werden auch Aufträge für wenige tausend Franken angenommen.

Das Beste ist: Ich bin wieder mit dabei. Wenn auch nicht mehr als alleiniger Chef, sondern als Partner.