«Mit staatlichen Stellen habe ich noch nie etwas zu tun gehabt.» Diesen Satz höre ich stets von meinen Leuten, den Kosovo-Albanern und den mazedonischen Albanern, wenn ich zwischen ihnen und schweizerischen Institutionen vermittle. Damit signalisieren sie, dass sie ehrenwerte Leute seien. Denn in unserer Heimat verkehren nur Kollaborateure mit den Behörden. Der Staat ist der Feind; seit Menschengedenken unterdrückt er das Volk. Am meisten haben die einfachen Leute vom Land darunter zu leiden. Viele von ihnen sind in die Schweiz gekommen – aus schierer Not. Mitgebracht haben sie ihr Misstrauen gegen alles Staatliche.

Das macht die Vermittlung natürlich nicht einfacher, zumal auch mir gegenüber der Vorwurf im Raum steht, ich sei ein Kollaborateur. Die Schweizer staunen natürlich, dass ein Kosovare selbst nach fünfzehn Jahren Aufenthalt den Schweizer Staat noch immer demjenigen auf dem Balkan gleichstellt. Doch viele meiner Landsleute fassen hier nicht richtig Fuss. Klar, sie arbeiten und schicken Geld nach Hause. Den schweizerischen Staat und seine Ämter meiden sie jedoch. Selbst um die Arbeitsbewilligung kümmert sich der Chef. Sie aber träumen von einer Rückkehr in einen Kosovo ohne Serben, wo eitel Eintracht und Wohlstand herrschen.

Als ich vor zwölf Jahren in die Schweiz kam, mied ich die Behörden auch. Wie viele meiner Landsleute reiste ich mit einem Touristenvisum ein und suchte Arbeit. Nachdem ich eine Anstellung bei einer Gleisbaufirma gefunden hatte, holte ich meine Frau und die beiden Kinder in die Schweiz. Das war illegal. Distanz zu den Behörden drängte sich auf.

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Von meinem Studium und meiner Arbeit als Lehrer im Kosovo erzählte ich meinem Chef nichts. Ich befürchtete, sonst die Stelle nicht zu bekommen. Er aber merkte schnell, dass ich gut Deutsch sprach, und schickte mich in einen Kurs über Sicherheit im Gleisbau. Der bewahrte mich nicht vor einem Unfall: Eine 30 Meter lange Schiene fiel auf meinen Fuss. Zum Glück drückte sie den Schuh in den Schotter. Sonst wäre wohl nichts mehr davon vorhanden. Seither habe ich jede Menge Schrauben in den Mittelfussknochen. Die Arbeit im Gleisbau ist nicht mehr möglich.

Der Unfall hatte für mich auch eine positive Folge: Ich besann mich wieder auf mein Studium. Ich wollte etwas für die Verständigung zwischen Schweizern und Albanern tun. Die Zürcher Jugendanwaltschaft und das Zürcher Jugendforum unterstützten meine Weiterbildung zum Kulturvermittler. Zuerst wurde ich als Übersetzer eingesetzt.

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Dolmetscher sind bei meinen Landsleuten nicht hoch angesehen. Mit dieser Berufsgattung haben sie zu tun, wenn sie bei der Fremdenpolizei, der Jugendanwaltschaft oder vor Gericht erscheinen müssen. Diese Institutionen hindern sie ihrer Meinung nach daran, für ihre Familie zu sorgen. Der Übersetzer hilft den Behörden dabei – also ist er ein Kollaborateur.

Übersetzen allein schafft noch kein Verständnis. Mit Begriffen wie «Schulpsychologischer Dienst», «Krisenintervention» oder «Amtsvormundschaft» können meine Landsleute nichts anfangen – ob sie es nun auf Deutsch oder Albanisch hören.

Was nützt die beste Übersetzung, wenn der Albaner den Inhalt nicht hören will, weil er gegenüber Institutionen wie Fürsorge und Schule ein abgrundtiefes Misstrauen hegt? Dieses Misstrauen abzubauen ist meine erste Aufgabe. Bevor ich also dolmetsche, muss ich ein längeres Gespräch mit meinen Landsleuten führen. Dann werden sie auch auf die Vorschläge eingehen, die ein Schulpsychologe oder ein Jugendarbeiter macht. Ist die offizielle Unterredung vorbei, spreche ich nochmals mit ihnen. Ich bestärke sie, die Massnahmen auch umzusetzen. Fehlt eines dieser drei Gespräche, so droht ein Fiasko.

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Das ist mir letzthin passiert. Mein Landsmann erschien zu spät bei der Schulpsychologin – es gab kein Vorbereitungsgespräch. Sie legte während zweier Stunden die Schwierigkeiten seines Sohnes dar. Ich übersetzte zwei Stunden. Gebracht hat es nichts. Er sagte, sein Sohn verhalte sich nicht so, wie die Psychologin behaupte.

Ich habe ihn dann auf dem Parkplatz noch in ein Gespräch verwickelt. Schliesslich hat er mich zum Kaffee zu sich nach Hause eingeladen. Er hat eingesehen, dass die Schulpsychologin nicht gegen seine Familie arbeitet. Die nächste offizielle Sitzung hat nur ein halbe Stunde gedauert, doch wir sind viel weiter gekommen.

Nicht selten gerate ich in geradezu groteske Situationen. Ein verheirateter Albaner mit sechs Kindern wird arbeitslos. Er hat Anrecht auf verbilligte Krankenkassenprämien. Er braucht jeden Franken. Trotzdem muss ich harte Arbeit leisten, bis er das Formular endlich ausfüllt.

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Die kritischen Situationen mehren sich seit einigen Jahren. Dies aufgrund des Familiennachzugs – einer sehr sozialen, notwendigen Massnahme. Doch mit dem Nachzug verliert der Mann das hohe Ansehen seiner Sippe. Ihm gebührte Achtung, weil er aus der Ferne die ganze Verwandtschaft ernährte. Nun ist er nicht mehr der Ferien-, sondern der Alltagsvater – müde vom Job und gestresst von seinen Kindern.

Kinder zwischen den Kulturen
Die Kinder werden mit zehn oder vierzehn Jahren in eine völlig andere Welt verpflanzt. Oft werden sie hier als zweite Generation bezeichnet. Sie sind aber wieder die erste Generation oder vielleicht eine Zwischengeneration. Die Kinder wollen sich anpassen. Sie möchten die Disco besuchen, Mofa fahren und sich modisch kleiden. Alles Dinge, von denen der Vater sagt, sie seien nichts für Albaner. Wenn sich die Mädchen auch noch schminken, wirds brenzlig. Es drohen Gewaltausbrüche. Deshalb bilde ich mich jetzt zum Paar- und Familientherapeuten aus.

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Mit dem Familiennachzug können meine Landsleute die Institutionen nicht mehr ignorieren. Sie brauchen grössere Wohnungen und müssen sich an neuen Wohnorten anmelden. Bei Schulproblemen stehen Gespräche mit Lehrern und Schulpflegen an.

Allerdings gibt es auch positive Signale. Die Albaner haben erkannt, dass die paradiesischen Zustände in ihrer Heimat auf sich warten lassen – auch wenn sie von den Serben nicht mehr drangsaliert werden. Die Schweiz ist für sie nicht mehr nur ein Provisorium. Sie mieten grössere Wohnungen und gründen Firmen. Allerdings ist der Weg noch lang; die Arbeit wird mir nicht so schnell ausgehen.