Obfelden, Station Alte Post, kurz vor drei Uhr. Ich sitze im Postauto und repetiere den Stoff für die Prüfung vom kommenden Montag: «medizinische Massnahmen». Beiläufig sehe ich aus dem Fenster und werde Zeuge einer surrealen Situation: Zwei ältere Frauen sitzen vor dem Café Pöschtli. Ihre Haltung ist ganz normal, doch über die Gesichter strömt Blut.

Jäh werde ich aus meinem Alltag als Sportstudent gerissen. Am Morgen hatte ich die vorgezogene Abschlussprüfung in Ernährungslehre hinter mich gebracht. Recht gut sogar – so war jedenfalls mein Eindruck. Danach hatte ich in der Mensa zu Mittag gegessen, bevor ich mit der S9 nach Affoltern am Albis und dann mit dem Postauto weiter Richtung Merenschwand fuhr. Von der Fahrt bekam ich wenig mit, ich war in den Prüfungsstoff vertieft.

Eine unerwartete Attacke
Plötzlich greift im Bus Panik um sich. Eine Frau mit einer Krücke hastet zur Vordertür. Später erfahre ich, dass sie bei der hinteren Tür mit dem einsteigenden Amokläufer zusammentraf und dass er ihr mit einem Metallrohr auf den Kopf schlug. Nun stürzt der Mann durchs Postauto und schlägt einer weiteren Frau auf den Kopf.

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Da schaltet sich bei mir der Autopilot ein. Ich mustere den Täter und sehe, dass er etwa gleich gross ist wie ich – knapp 1,80 Meter – und recht kräftig. «Dem bin ich gewachsen», geht es mir durch den Kopf. Jetzt schlägt der Mann das Metallrohr drei Mal hintereinander auf den Kopf einer weiteren Passagierin. Ich schreie ihn an, damit er von ihr ablässt. Er dreht sich zu mir. Beim Aufstehen halte ich ihn mit gestrecktem Bein von mir fern. Buschauffeur Marcel Schöpfer nähert sich dem Täter von hinten und redet ebenfalls auf ihn ein.

Der Schläger verliert die Konzentration und lässt mich aus den Augen. Ich stürze mich auf die Eisenstange und halte sie fest. Schöpfer greift von der anderen Seite ein. Zusammen drücken wir den Mann auf einen Sitz. Sein Widerstand lässt nach. Offensichtlich ist er physisch und psychisch am Ende. Nach einer kurzen Weile erscheint Jürg Käppeli, ein Ladenbesitzer aus der Umgebung, mit einer Rolle Klebeband. Wir fesseln den Täter.

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Meine rechte Hand blutet stark. Ich muss einen Schlag zwischen Daumen und Zeigefinger erhalten haben. Doch das bemerke ich erst jetzt. Die Wunde ist ziemlich tief. Ein Chirurg näht sie später mit acht Stichen. Glücklicherweise sind die Sehnen und Muskeln nicht verletzt.

Ich weiss nicht, warum ich so handelte. Später liefert mir ein Psychologe einen Erklärungsansatz. In solchen Situationen könnten drei Mechanismen zum Tragen kommen: Flucht, Schockzustand oder rationales Handeln. Letzteres war offensichtlich bei mir der Fall. Ich handelte so, weil sich ein Mechanismus in Gang gesetzt hatte. Damit entfällt die Verpflichtung, ein Held zu sein.

Es ist wohl kein Zufall, dass ich die Variante «rationales Handeln» wählte. Ich versuche in vielen Lebenslagen vernünftig zu handeln – das heisst, erst zu analysieren und dann aktiv zu werden.

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Doch zurück zum Tatort. Nachdem ich aus dem Postauto ausgestiegen bin, verschaffe ich mir einen Überblick: verletzte und schockierte Personen, wohin ich sehe. Das Ausmass der Tat ist grösser, als ich zuerst annahm. Ich rufe den Leuten zu, dass die Gefahr vorbei und der Täter gefasst sei. Die Polizei kommt, und kurz danach trifft auch die Sanität ein.

Erst später erfahre ich, dass der Täter auch in anderen Teilen des Dorfs zugeschlagen hat. Einen dreijährigen Buben verletzte er lebensgefährlich, dessen Grossmutter und einen 69-jährigen Rentner schwer. Mit seinem Auto fuhr er zudem eine Velofahrerin an. Polizei und Sanität konnten nicht überall gleichzeitig sein – deshalb herrschte an einigen Orten der Eindruck, die Polizei lasse sich Zeit.

Die Sanität bringt mich und weitere Verletzte ins Spital Affoltern. Die Oberschwester impft mich gegen Starrkrampf. Anschliessend warte ich ziemlich lange, denn zuerst werden – völlig zu Recht – die schwerer Verletzten behandelt.

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Das Ausmass der Tat erfassen
Weitere Verwundete treffen ein. Eine Zeit lang geht alles drunter und drüber in der Notfallstation. Für einen derartigen Ansturm ist dieses kleine Spital nicht gerüstet. Doch es dauert nicht lange, bis ein zweiter Chirurg eintrifft. Um 17 Uhr sind alle Verletzten behandelt. Sofort werden wir auch psychologisch betreut.

Der Psychologe empfiehlt, wir sollten jetzt nicht nach dem Warum fragen. So etwas könne man nicht verstehen. Wir sprechen miteinander über den Vorfall. Am nächsten Tag treffen wir uns wieder. Und am Montag sehen wir uns ein drittes Mal. Jeder erzählt, wie er das Unglück erlebte – vom letzten sicheren Moment vor der Tat bis zum ersten sicheren Moment nach dem Überfall. So wird uns allen das Ausmass der Tragödie klar.

Weder Hass noch Rachegefühle
Die drei «Plenarkonferenzen» mit den Psychologen haben uns geholfen, im Alltag wieder Tritt zu fassen. Ich begann damit unmittelbar nach der Tat: Am Abend traf ich wie üblich meine Kollegen im Pub. Das Leben geht schliesslich weiter.

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Ein paar Tage später sah ich an einer Baustelle Eisenstangen herumliegen. Das wühlte mich schon etwas auf. Auf der ersten Postautofahrt nach der Tat setzte ich mich auf jenen Sitz, den ich am Unglückstag belegt hatte. Das kostete mich Überwindung. Aber es ist mein Lieblingssitz, weil ich hier die Beine strecken kann.

Dem Täter gegenüber, einem 32-jährigen Filipino, empfinde ich weder Hass noch Rachegefühle. Ich kann seine Tat einfach nicht verstehen. Er habe im religiösen Wahn gehandelt, heisst es. Doch das ist für mich nicht nachvollziehbar. Gespannt bin ich, wie die Justiz seine Tat beurteilen wird. Hat er eine Chance, ins normale Leben zurückzukehren? Oder wird er Jahre in Verwahrung verbringen müssen?

Im Nachhinein betrachte ich dieses Erlebnis als eine Hürde in meinem Leben, die ich einfach bewältigen musste. Meine Hilfe war gefordert – wie sie auch gefragt ist, wenn eine Mutter mit Kinderwagen in einen Zug steigen will. Ich schaue nicht weg, wenn jemand Hilfe braucht.

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