Der Hilfsarbeiter auf dem Baugerüst machte grosse Augen, als ich ihm meinen Beruf nannte. «Was, du uf Bank schaffe?», wunderte er sich und scherzte geistesgegenwärtig, ich solle doch am nächsten Morgen mal den Tresorschlüssel mitbringen: «Du weisch, wo Gäld, mir zäme alles schnappe.»

Schon meine ersten Schritte auf der Baustelle des SBB-Neubaus in Zug verrieten mich als Aussenseiter – obwohl ich wie alle anderen Hammer, Meter und Bleistift bei mir trug und gemäss Suva-Reglement mit Helm, Gehörschutz und Schutzbrille ausgerüstet war. Als Kadermitglied der Zuger Kantonalbank erscheine ich normalerweise im Anzug und mit Krawatte im Büro, und die Besprechungen mit meinen Kunden führe ich im Trockenen.

Der «Zuger SeitenWechsel», ein Jubiläumsprojekt zur Feier der 650-jährigen Zugehörigkeit Zugs zur Eidgenossenschaft, gab mir die Möglichkeit, einmal etwas anderes zu sehen. Hinter «SeitenWechsel» stand die Idee, Angestellten aus Wirtschaft und Verwaltung eine Woche lang einen Einblick in fremde Arbeits- und Lebenswelten zu eröffnen.

Ich entschied mich für das Kontrastprogramm im Freien. Ein Einsatz in einem Pflegeberuf kam für mich nicht in Frage. Diese Atmosphäre hätte mich zu sehr belastet. Ich wollte vielmehr einmal meine handwerklichen Fähigkeiten testen und dabei meine körperlichen Grenzen ausloten – und zwar in einem mir bisher unbekannten Umfeld.

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Lieber auf festem Boden
Die Tatsache, dass ich nicht schwindelfrei bin, erwies sich schon am ersten Tag als Handicap: Als ich auf einer wackligen Leiter sechs Meter hochsteigen und über ein Holzgeländer klettern musste, hoffte ich, dass dieser Hochseilakt die Ausnahme bliebe. Für Bauarbeiter ist dies natürlich an der Tagesordnung.

Keiner erwartete ernsthaft, dass ich sämtliche Eskapaden bis zum bitteren Ende durchzöge. «Packe an, was du dir zutraust», riefen mir die Kollegen immer wieder zu. So verzichtete ich darauf, ohne Sicherheitsgurt auf einem frei hängenden Balken Verschalungstafeln zu montieren, und stellte mich stattdessen für Ausmess- und Zuschneidearbeiten zur Verfügung. Am ersten Abend war ich todmüde und fühlte mich wie gerädert. Kaum hatte ich mich im Wohnzimmer auf die Couch gelegt, schlief ich ein.

Spätestens am zweiten Tag meines einwöchigen Einsatzes als so genannter Assistent – in Wirklichkeit war ich bestenfalls ein Handlanger – stand für alle Beteiligten fest: «Gell, du bist kein Maurer.» Trotzdem war man der Meinung, dass man mich als «Bänkler» durchaus auch auf der Baustelle gebrauchen könne.

So biss ich auf die Zähne, als Sven, mein Betreuer, mir vorschlug, auf einem Gerüst in schwindelerregenden 19 Metern Höhe ein Sicherheitsgeländer zu montieren. Das war alles andere als meine Stärke. Ich wagte kaum einen Blick in die Tiefe, doch ich wollte mir keine Blösse geben und mobilisierte alle Kräfte.

Es war mein schwierigster Einsatz – aber gerade solche Erfahrungen waren Teil des «SeitenWechsel»-Konzepts: Einerseits bekam ich die Plackerei auf dem Bau am eigenen Leib zu spüren; auf der anderen Seite wussten es meine neuen Kollegen zu schätzen, dass ich mich für ihre Arbeitsbedingungen interessierte, und fühlten sich dadurch respektiert.

Muskelkater wie noch nie
Gehörig in die Knochen fuhr mir das Binden bei den Eisenlegern. Allein beim Anblick der Arbeit schmerzte mir der Rücken. Als ich mich bei jedem einzelnen Vorgang bückte, machten mich die Routiniers darauf aufmerksam, in der Hocke zu bleiben. Nach einer halben Stunde war ich bedient; meine Kleider waren rost- und dreckverschmutzt.

Auf dem Wochenprogramm stand auch das Betonieren. Einmal mehr musste ich mich in lähmender Höhe zurechtfinden. Dann kam die Weisung, die von einem Kran hochgehievten vollen Kübel zu fassen, den Beton zu vibrieren, damit sich keine Blasen bilden, und ihn dann mit einer Schaufel zu verteilen.

Man kann sich kaum vorstellen, wie schwer eine Schaufel Beton ist. Ich hatte danach Muskelkater wie noch nie in meinem Leben. Auch diese Arbeit bleibt unvergesslich. An einem Morgen wurden 120 Tonnen Beton angeliefert, die sehr schnell verarbeitet werden mussten. Es ging ausgesprochen hektisch zu und her, doch das Teamwork funktionierte vorbildlich.

Geradezu wohltuend war es, einen ganzen Tag lang in Strassenkleidern mit dem Baumeister unterwegs zu sein und dabei immer festen Boden unter den Füssen zu spüren. Wir besuchten verschiedene Baustellen, wir trafen uns mit einem Versicherungsexperten, mit Baufachleuten und Architekten.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich teilweise an meine Grenzen kam; der körperliche Verschleiss war gross. Keine Frage, ein längerfristiger Einsatz hätte zu schmerzhaften Beschwerden geführt. Mir ist auch klar geworden, dass Bauarbeiter Höchstleistungen erbringen, ohne zu jammern. Davor habe ich grossen Respekt.

Überhaupt machte ich nur positive Erfahrungen auf der Baustelle. Die Teamarbeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl unter diesen Arbeitern sind beeindruckend. Auch deren Pünktlichkeit und Präzision haben mich immer wieder erstaunt. Im Gespräch mit den ausländischen Mitarbeitern – sie kamen aus der Türkei, aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Italien und aus dem Irak – bewährten sich Handzeichen und ein paar Brocken Deutsch bestens.

Der unerfüllte Traum
Trotzdem war ich erleichtert, als der Einsatz beendet war. Ich freute mich wieder auf meinen gewohnten Büroalltag in der Wärme. Meine Arbeitskleider waren so verdreckt, dass ich sie gleich im Container entsorgen musste. Als Erinnerung stehen heute nur noch die Arbeitsschuhe im Keller – ungeputzt.

Von wegen Grenzen: Absolut einmalig wäre der Aufstieg auf einen Kran gewesen. Davon träumte ich immer ein bisschen, wenn ich unten stand und hochguckte. Aber das Experiment war mir dann doch zu gewagt. Mein Schwindelgefühl hielt mich auf dem Boden zurück.