Als ich mein Velo durch die Eiswüste schob und bei jedem Schritt bis zu den Hüften im Neuschnee einsank, schwor ich mir, nie wieder ein solches Rennen zu fahren. Doch schon auf dem Heimweg im Flugzeug war mir klar: Im nächsten Jahr stehe ich wieder am Start. Ich bin halt süchtig nach der Grenzerfahrung – vor allem nach dem Glücksgefühl, wenn ich es bei einem Rennen ins Ziel geschafft habe. Dafür nehme ich alle körperlichen Strapazen in Kauf.

Das Idita-Bike-Rennen durch Alaska ist wohl das verrückteste Rennen der Welt. 1900 Kilometer mit dem Velo quer durch die Eishölle, und man ist ganz auf sich allein gestellt. Über ein Jahr liess mich dieses Abenteuer nicht mehr los, bis ich plötzlich wusste: Ich bin bereit dafür. Bis dahin war ich nur Rennen durch die heissen Sand- und Steinwüsten Australiens und Ägyptens gefahren. Im Gegensatz zu diesen Rennen würde ich in Alaska bei eisiger Kälte mit Karte und Kompass unterwegs sein.

Im Biwak von Wölfen umgeben
Ich nahm die Herausforderung an und begann mich vorzubereiten. Ich entschied mich aber für die kürzere Rennstrecke von nur 600 Kilometern; ich rechnete mit etwa sechs Tagen. Kleidung zu finden, die mich auch bei minus 40 Grad warm hält, war schwierig. Nahrung, Kleider, Zelt, Kocher und Schlafsack musste ich mitschleppen; zusammen mit dem Velo ergab das ein Gewicht von rund 40 Kilo.

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Es war schwierig, einen Ort zu finden, um in extremer Kälte zu trainieren. Doch im letzten Winter wurde ich schliesslich fündig: im Tiefkühlraum einer Metzgerei. Alle dachten, diese Vorbereitung bei minus 25 Grad sei ein Witz. Der Metzger, der mir seine Kühlkammer zur Verfügung stellte, zappte sich zuerst durch alle Radiostationen. Er befürchtete, irgendein Moderator wolle ihn auf den Arm nehmen.

Leider spielte beim Rennen in Alaska das Wetter verrückt. Es war Februar, und es schneite ununterbrochen; ich musste das Velo samt Gepäck durch den Tiefschnee schieben. Zwei Nächte biwakierte ich allein in der Wildnis. Ich hörte die Wölfe heulen, und Elche kreuzten meinen Weg.

Vom Sportmuffel zum Extrembiker
Als ich nach 48 Stunden und 150 Kilometern beim zweiten Checkpoint hörte, dass ich mich noch weitere 100 Kilometer zu Fuss durch den Schnee kämpfen müsse, gab ich auf. Nur vier der 128 Teilnehmer schafftens bis ins Ziel – alles Einheimische. Mein Konzept war falsch. Für das nächste Mal werde ich das Material aufs Nötigste reduzieren. Für das Velo liess ich breitere Pneus aus New Mexico kommen, damit ich nicht mehr im Schnee einsinke. Der Velorahmen wird direkt in Alaska zusammengeschweisst.

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Ich weiss, dass ich wohl mehrmals beim Idita-Rennen starten muss, bis ich es ins Ziel schaffe. Ich kann mich zwar optimal vorbereiten und total fit sein, aber es ist auch viel Glück dabei. Wenn das Material kaputtgeht, ist nichts mehr zu machen. Mit einer solchen Niederlage kann ich gut umgehen. Mehr Mühe habe ich, wenn ich selber schlappmache.

Bis 1996 betrieb ich keinen Sport. Ich schuftete Tag und Nacht für meine eigene Baukeramikfirma – bis zum Zusammenbruch. Ich suchte dann einen Ausgleich zur Arbeit und fand ihn beim Velofahren. Ich begann zu trainieren und kam bald auf den Geschmack, Rennen zu fahren.

Als ich von der Crocodile-Trophy in Australien hörte, war ich beeindruckt und meldete mich spontan an. 2400 Kilometer durch die Wüste: Kann ich eine solche Leistung bringen? Ich war 1997 der erste Schweizer Teilnehmer und hatte keine Ahnung, auf was ich mich da einliess. Prompt musste ich das Rennen aufgeben. Der Sand wirkte wie Schmirgelpapier zwischen Gesäss und Sattel, ich konnte nicht mehr sitzen. Dass sich jeder Velofahrer Hirschtalg einreibt, um das zu verhindern, wusste ich damals noch nicht. Ich brauchte vier lange Monate, um diese Niederlage zu verdauen. Aber der Virus hatte mich gepackt.

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Ein Sieg in Australien als Ziel
Seither bin ich jedes Jahr in Australien dabei und optimiere laufend die Vorbereitungen. Mein Bruder und mein Vater begleiten mich, schauen während der zwei Wochen für die richtige Verpflegung und bauen am Etappenziel jeweils das Zelt zum Übernachten auf. Wenn ich auf dem Sattel sitze, ernähre ich mich nur mit Flüssigem: Rund 15 Liter brauche ich pro Tag.

Klar stosse ich jeweils an meine körperlichen Grenzen. Knochen und Muskeln tun weh, und ich habe Krämpfe. Aber ich habe nicht das Gefühl, meinen Körper zu überfordern. Wenn ich ihm genug Energie zuführe, ist er unheimlich leistungsfähig. Das fasziniert mich.

1998 gewann ich in Australien die Königsetappe. Ich nutzte eine günstige Situation und pedalte auf gut Glück während rund 120 Kilometern vorne weg. Zu meinem Erstaunen reichte es. Letztes Jahr, als meine Konkurrenten reihenweise schlappmachten, merkte ich, dass ich das Rennen gewinnen könnte. Ich glaubte schon, einen Podestplatz auf sicher zu haben, doch dann ging das Tretlager kaputt. Ich musste das Velo schieben und schaffte Rang 13 unter 68 Teilnehmern. Mein Ehrgeiz ist angestachelt: Dieses Jahr will ich gewinnen.

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Der Kopf ist bei diesen extremen Leistungen das Wichtigste. Ich kann trainieren wie ein Weltmeister, doch das hilft nichts, wenns im Kopf nicht stimmt. Es braucht unheimlich viel mentale Stärke, diese Rennen durchzustehen. Ich habe Biss und mache auch dann weiter, wenn es nicht mehr geht. Mich reizen diese Grenzerfahrungen. Ich kann es fast nicht verstehen, wenn jemand bei einem Training aufgibt, nur weil die Muskeln etwas schmerzen.

Deshalb trainiere ich meistens allein – jeden Abend nach der Arbeit etwa zwei bis drei Stunden sowie am Wochenende. Ich bin ja auch während der Rennen einsam. Dann denke ich jeweils über mein Leben nach, über meine Freunde, die Familie, das Geschäft. Seit ich trainiere, bin ich viel ausgeglichener und sehe die Probleme des Alltags gelassener. Sie sind nichts im Vergleich zu all den körperlichen Strapazen, die ich bei den Rennen erdulden muss.

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Derzeit trainiere ich für die Crocodile-Trophy im nächsten September. Wenn ich weg bin, übernimmt meine Frau die Organisation des Geschäfts. Nur wenn ich weiss, dass daheim alles in Ordnung ist, habe ich den Kopf wirklich frei für die Rennen.

Meine Frau und meine vier Kinder unterstützen mich in meinem Sport – auch wenn sie sicher manchmal denken, dass ich nicht richtig ticke. Sie wissen: Die grösste Qual für mich ist das Nichtstun. Doch ich habe meiner Familie versprochen, mit dem Extremsport aufzuhören, wenn ich einmal die 1900 Kilometer beim Idita-Bike-Rennen geschafft habe.

Noch bin ich auf Sponsorensuche, denn dieses Rennen kostet einiges, und ich werde zwei Monate nicht arbeiten können. Wenn ich über die Ziellinie komme, höre ich sofort auf. Dann weiss ich, dass ich im schlimmsten Rennen der Welt den Kampf gegen mich gewonnen habe.

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