Spitzenleistungen im Letzigrund hatte es gegeben, lange bevor dank Res Brügger 1973 der Startschuss zum «Weltklasse Zürich» fiel. Den ersten Weltrekord stellte der Deutsche Martin Lauer 1959 mit 13,2 Sekunden über 110 Meter Hürden auf. An jenem Meeting stand ich zwar als Mittelstreckler im Einsatz, Lauers Spitzenlauf entging mir aber trotzdem nicht. Ein Jahr später lief Lauers Landsmann Armin Hary als erster Mensch die 100 Meter in zehn Sekunden – die Zuschauer waren ausser sich. Aber dann kam die Mitteilung, der Rekord könne nicht anerkannt werden; ich glaube, da war ein Fehlstart im Spiel gewesen. Doch das Wunder geschah: Die Organisatoren liessen zu einem zweiten Hunderter starten, und Hary egalisierte seinen Weltrekord. Das Stadion glich einem Tollhaus!

Solche Improvisationen sind heute nicht mehr möglich. Die Übertragungszeiten des Fernsehens sind für uns bindend. In diesem Jahr lauten sie: Beginn der Sportübertragung um 20.05 Uhr, Ende der Veranstaltung um 22.30 Uhr. In dieser Zeit müssen alle wichtigen Wettkämpfe entschieden sein – das ist in den Übertragungsrechten so vereinbart. Von der Organisation wird also professionelle Arbeit gefordert.

Die Exzesse sind vorbei
Dass die Athletinnen und Athleten längst Profis sind, machen die Zahlen klar: 1973 konnte Res Brügger mit 138'000 Franken alle Ausgaben decken, heute beträgt das Budget zwischen fünf und sechs Millionen Franken. Der grösste Teil geht an die Athleten und ihre Manager. Das US-Sprinterwunder Carl Lewis brachte eine Entourage von zehn Leuten mit und residierte mit dem Tross im Luxushotel Savoy am Paradeplatz – etwas anderes akzeptierte er nicht. Solche Exzesse sind heute zum Glück vorbei.

Die meisten Athleten sind freundlich, einige sogar recht bescheiden. Da erkundigte sich doch vor rund zehn Jahren ein junger, blonder Schweizer, ob er nicht schon am Donnerstag einige Trainingsläufe auf der Tartanbahn absolvieren könne. Der Abwart blockte ab: Unmöglich, die Anlage sei gesperrt und keine Garderobe frei. Der Sportler hiess André Bucher, 2001 Weltmeister über 800 Meter.

Einen sonderbaren Laufstil, aber gute Umgangsformen pflegt die englische Langstrecklerin Paula Radcliffe. Mit ihr litt ich denn auch mit, als sie an den Olympischen Spielen 2004 in Athen den Marathon aufgab; umso mehr freute ich mich, als sie kurz danach den New York Marathon gewann. Wenn man die Athleten kennen lernt, interessieren halt auch ihre Erfolge und Misserfolge ausserhalb des Letzigrunds.

Prima Erinnerungen habe ich an den Dominator der achtziger Jahre über 800 und 1500 Meter: Sebastian Coe. Der Brite kam immer in Begleitung seines Vaters und Trainers Peter Coe. Zwei Gentlemen – ihr korrekter Auftritt und ihre Höflichkeit beeindruckten mich immer wieder. Coe konnte sich über seine Siege und Rekorde echt freuen, doch eine Spur vornehmer Zurückhaltung war immer dabei.

Masslos enttäuscht war ich hingegen vom Marokkaner Brahim Boulami. Er verbesserte 2002 den Weltrekord über 3000 Meter Steeple um zwei Sekunden auf rund 7 Minuten und 53 Sekunden. Wir hatten für die besten Bedingungen gesorgt und uns ob seiner Leistung riesig gefreut. Tags darauf die Gewissheit: Brahim Boulami hatte mit dem Blutdopingmittel Epo nachgeholfen. Ich bin ein konsequenter Verfechter des sauberen Sports. Wird Doping toleriert, heisst das bereits für Nachwuchsathleten: Hier kannst du nur siegen, wenn du betrügst.

Ich blicke jetzt auf 31 Meetings als «Chef der Bahn» zurück. Mit jedem Grossanlass haben wir die Organisation verbessert. Heute sind 80 der 260 Helferinnen und Helfer an unserem Funknetz angeschlossen. Meine Hauptaufgabe ist die Kontrolle sämtlicher Läufe auf der Bahn. Am 5000er nehmen so viele Athleten teil, dass zwei Gruppen im Abstand von zehn Metern starten müssen. Wir markieren die Bahn so, dass alle Läufer dieselbe Strecke zurücklegen. Erst dann gebe ich das Okay zum Start.

Rempeleien über 800 Meter
Beim 800-Meter-Lauf wachen Bahnrichter darüber, dass die Läufer erst nach 100 Metern zur Innenbahn einbiegen. Sie sorgen auch dafür, dass sich die Rempeleien in Grenzen halten. Kurvenrichter kontrollieren, dass die Athleten ihre Bahn einhalten. Bei korrektem Verhalten wird die weisse Fahne gezeigt; bei Verstössen kommt die rote Flagge zum Einsatz, die immer einen Entscheid über eine mögliche Disqualifizierung verlangt.

Rund 20 Helfer sind für das Aufstellen und Abräumen der Hürden und der Hindernisse für die Steepleläufer im Einsatz. Bei diesem dichten Programm ist die Zeit dafür sehr knapp bemessen.

Wir Organisatoren arbeiten unauffällig – die Zuschauer sollen sich am Sport freuen können. Das Lob eines regelmässigen Besuchers und Chefs einer grossen Firma freute uns deshalb enorm. Auf meine Frage, was ihn am meisten beeindruckt habe, antwortete er: «Der perfekte Ablauf des ganzen Meetings.»

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