Als ich zum ersten Mal die Garderobe der Eishockeyspieler des Genfer HC Servette betrat, schlich ich wie ein kleiner Hund hinter dem Coach Chris McSorley her. Ich kam mir als Eindringling vor. Das war ganz und gar nicht meine Welt. Und ich wollte mich als Pastor auch nicht aufdrängen. Chris hatte mir vorher gut zugeredet. Der HC Servette ist der erste und bisher einzige Sportklub in der Schweiz, der einen ehrenamtlichen Seelsorger beschäftigt. In Amerika ist das die Regel. Dort finden vor und nach dem Match Gebetsrunden statt. Den Anstoss hier gab der amerikanische Millionär Philip Anschutz, der Besitzer von Servette.

So viel war mir klar: Ob mich die harten Profis als Geistlichen akzeptieren oder nicht, würde sich während meiner vierminütigen Begrüssungsrede entscheiden. An dieser kurzen Ansprache feilte ich vier Stunden lang herum. Ich war schrecklich nervös. Als mir dann bei einem meiner ersten Auftritte in der Garderobe ein Spieler spontan zurief: «Willkommen John», war das Eis gebrochen und ich wie erlöst.

Das Ganze zuerst als Witz abgetan


Von Sport verstehe ich überhaupt nichts. Deshalb musste ich schallend lachen, als ich im Sommer 2002 für das Ehrenamt angefragt wurde. Das ist wohl ein Witz, dachte ich. Seit 26 Jahren widme ich mich leidenschaftlich dem Studium der Bibel. Und nun sollte ich mich mit Eishockey befassen? Der Coach überzeugte mich dann, dass neben der Spieltechnik auch das innere Gleichgewicht über Sieg oder Niederlage entscheiden könne.

Um meine Funktion zu veranschaulichen, benutze ich gern folgendes Gleichnis: Ein Eishockeyprofi führt ein ganz normales Leben. Hockey ist seine Arbeit, und diese Arbeit macht ihm Spass. Auf der Spielerbank hat jeder eine Wasserflasche griffbereit, und wenn er Durst hat, nimmt er einen Schluck. Ich sehe mich als eine Art spirituelle Wasserflasche, wobei die Bibel die Quelle ist. Wenn die Athleten das Bedürfnis haben, mit mir über ein Problem zu diskutieren, oder einen ganz alltäglichen Ratschlag suchen, stehe ich ihnen nach dem Spiel zur Verfügung. Das kann auch auf neutralem Boden sein bei einem Kaffee oder einem Essen.

Eishockey rücksichtsvoller als Boxen


Zwischen Sport und Gottes Wort sehe ich keine Diskrepanz. Zugegeben, es gibt brutale Sportarten. Mit Boxen beispielsweise habe ich ein Problem. Einen sanften Boxer kann ich mir schlecht vorstellen. Eishockey hingegen wird in der Schweiz rücksichtsvoll gespielt. Das Team will gewinnen und nicht den Gegner verletzen.

Bibel und Sport sind für mich durchaus kompatibel. In Gottes «Handbuch» vergleicht Apostel Paulus das Ringen ums ewige Leben mit einem Wettlauf im Stadion. Im 1. Korintherbrief, Kapitel 9, Vers 24, schreibt er: «Wisst ihr nicht, dass die, welche in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber einer den Preis empfängt? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.»

Während dem Olympioniken ein vergänglicher Preis wie ein Lorbeerkranz oder eine Medaille winkt, spricht Paulus von einer «unvergänglichen Krone», die der Christ als Lohn für seinen Wettlauf erhält. Wie im Sport muss man sich auch beim Match um das ewige Leben an Regeln halten. Ob ein engagierter Christ weniger aggressiv Hockey spielt, kann ich allerdings nicht beurteilen. Das Thema Gewalt auf dem Eis haben wir im Team noch nie behandelt.

Anfangs war ich vor jedem Spiel nervös. Ich konzentrierte mich vorwiegend darauf, ob meine Leute gewinnen. Mittlerweile verfolge ich neben technischen Details auch die einzelnen Spieler. Ich habe einen menschlicheren Blick gewonnen. Manchmal bete ich auch für sie. Immer wieder bin ich beeindruckt, wie schmerzresistent die Athleten sind. Als ein hochfliegender Puck einmal einen Spieler im Gesicht traf und ihm trotz Schutz die Zähne herausschlug, setzte dieser das Spiel unbeirrt fort und unterhielt sich nachher gut gelaunt mit mir in der Garderobe. Wenn es auf dem Eis zu einem Zwischenfall kommt, spiele ich nicht den Moralapostel. Auf Fehler hinzuweisen ist Aufgabe des Coach.

Lösungsvorschläge aus der Bibel


Zuerst bot ich eine traditionelle Bibelstunde an. Von dieser Form fühlten sich die Spieler nicht angesprochen. Jetzt bereite ich jede zweite Woche eine 20-minütige Lektion zu einem Thema vor, das sie selber bestimmt haben. Es betrifft meist die Familie und das Zusammenleben.

Erstaunlicherweise nehmen jeweils bis zu sechs Interessierte teil. Ich zeige ihnen Lösungsvorschläge auf, wie sie in der Bibel, dem wenig bekannten Bestseller, zu finden sind. Ich bin ja nicht als Psychologe oder Psychiater im Dienst, sondern als Pastor mit der Bibel in der Hand. Die Gesprächspartner müssen nicht meiner Meinung sein. Ich versuche ihnen einfach mit denjenigen Mitteln zu helfen, die mir zur Verfügung stehen.

Alles ist offen. Vielleicht kommt eines Tages ein Spieler zu mir und sagt: «John, jetzt habe ich Jesus Christus gefunden.» Das wäre so fantastisch wie meine Bekehrung vor 26 Jahren – als 19-jähriger Hippie in Indien.