Als sich mir im September 1996 die Möglichkeit bot, für sechs Monate als Untersuchungsrichter am Uno-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien zu arbeiten, war mir sofort klar, dass mich diese Herausforderung reizte.

Schon bald sass ich mit einem tschechischen und einem britischen Kollegen in einem verschneiten bosnischen Dorf. Dort wurde mir erst richtig bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte. Ein Jahr zuvor waren hier knapp 100 wehrlose Zivilisten von paramilitärischen Einheiten umgebracht und in zwei Massengräbern verscharrt worden. Es gab noch immer keinen Strom. Bei Kerzenlicht tippte ich die Aussagen einer Augenzeugin in meinen Laptop; die Frau weinte. Dennoch: Als mir angeboten wurde, meinen Vertrag zu verlängern, zögerte ich nicht und sagte zu. Seither ist diese Arbeit mein tägliches Brot.

«Nicht viel Platz für Emotionen»
Hinweise über Verbrechen wie Morde, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Plünderungen, gezielte Zerstörungen von Kirchen und Moscheen oder Verwüstungen ganzer Dörfer erhalten wir vor allem von humanitären Organisationen, lokalen Polizeibehörden, Journalisten oder Opfern. Solche Aussagen können uns direkt zu einem Massengrab führen.

Dort sind Gerichtsmediziner, Polizisten, Archäologen und Anthropologen mit dabei. Sie exhumieren die Leichen, versuchen, sie zu identifizieren und die Todesursache festzustellen. Wunden von Schüssen aus kurzer Distanz, Augenbinden, hinter dem Rücken gefesselte Hände, Anzeichen von Verstümmelungen, Alter und Geschlecht der Opfer: Das sind alles wichtige Hinweise, ob ein Massaker stattgefunden hat oder eine «normale» Kriegshandlung, bei der Opfer unvermeidlich sind.

Anzeige

Selbstverständlich wird man mit der Zeit abgehärtet. Das alltägliche Grauen – die Massengräber etwa – wird zur Normalität, und für Emotionen bleibt nicht viel Platz. Im Gegenteil: Zusammen mit den Zeugen muss versucht werden, die Wahrheit herauszukristallisieren. Diese Aufgabe ist nicht immer einfach.

Nicht, dass die Zeugen lügen, aber einige haben Mühe zu erklären, was sie nun wirklich selbst gesehen oder erlitten haben. Sie können nicht mehr unterscheiden zwischen Erlebtem und Gehörtem. Oder sind traumatisiert und können oder wollen sich nicht mehr an den vielleicht schwierigsten Moment in ihrem Leben erinnern.

Inzwischen bin ich vielleicht ein Dutzend Mal in Ex-Jugoslawien gewesen, jeweils für ein bis vier Wochen. Die Menschen dort haben unglaublich hohe Erwartungen an uns. Sie sind dankbar, dass wir die Vorfälle aufklären, die ihr Leben für immer verändert haben.

Anzeige

Die Kontakte zu den Zeuginnen und Zeugen zählen für mich zu den wertvollsten Momenten in meinem Beruf. Das wird mir zum Beispiel dann wieder bewusst, wenn mir eine Frau von ihrer letzten Begegnung mit ihrem Mann erzählt, bevor er von Soldaten verschleppt und umgebracht wurde. Oder wenn sie fragt, ob es mir etwas ausmache, wenn sie trotz einem hohen religiösen Feiertag eine Zigarette rauche.

Haben die Ermittler genügend Beweise zusammengetragen, verfassen die Staatsanwälte die Anklageschrift, und das Gericht erlässt die Haftbefehle. Dann folgt der schwierigere Teil: die Verhaftung der Angeklagten. Da wir über keine eigene Polizei verfügen, sind wir auf die internationalen Friedenstruppen in Bosnien angewiesen. Die Verhafteten warten dann im Uno-Untersuchungsgefängnis in Den Haag auf ihren Prozess.

Anzeige

Alle Zeugen müssen im Gerichtssaal aussagen: vor den drei Richtern, den Angeklagten und im Prinzip auch in aller Öffentlichkeit. Das Tribunal hat eine Abteilung, die die Zeugen während ihrer Anwesenheit in Den Haag betreut. Diese und verschiedene andere Zeugenschutzmassnahmen – etwa die Aussage unter einem Pseudonym oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit – erleichtern es den Opfern, vor Gericht aufzutreten.

«Der Schuld ein Gesicht geben»
Die schwierige Konfrontation mit dem Angeklagten lässt sich allerdings nicht umgehen. Denn eines der wichtigsten Rechte des Angeklagten und seiner Verteidigung ist es, Fragen an die Belastungszeugen zu stellen. Unsere Erfahrung zeigt jedoch: Kein Zeuge, der den Mut aufbrachte, nach Den Haag zu kommen, hat es je bereut. Ein Vergewaltigungsopfer sagte einmal: «Ich bin stolz darauf, hier zu sein. Die Welt soll wissen, was diese Leute getan haben.»

Anzeige

Ein Prozess bleibt mir besonders stark in Erinnerung. Drei Offiziere und der Bürgermeister von Vukovar waren angeklagt, beteiligt gewesen zu sein, als über 200 Personen aus einem Spital herausgelockt und erschossen wurden. Ein australischer und ein amerikanischer Kollege vertraten mit mir die Anklage gegen den Bürgermeister. Der Prozess dauerte sechs Monate. Knapp eine Woche vor der Urteilsverkündung erhängte sich der Politiker in seiner Zelle.

Dieser Selbstmord liess mich nicht unberührt. Ich war dem Angeklagten täglich gegenübergesessen, hörte, was die Belastungszeugen gegen ihn vortrugen und wie seine Familie und Freunde zu seinen Gunsten aussagten. Und ich hatte ihn während des Kreuzverhörs meines US-Kollegen weinen sehen.

Nach Jahrhunderten der Untätigkeit sind internationale Tribunale eine riesige Chance, Kriegsverbrechen endlich ahnden und der Schuld ein Gesicht geben zu können. Begeht jemand bei uns einen Mord, wird er bis in die entlegensten Winkel der Welt gejagt. Die Gesellschaft gibt nicht Ruhe, bis der Täter gefasst und vor ein Gericht gestellt wird. Dieser Reflex fehlt bei Kriegsverbrechen.

Anzeige

Das zeigt sich eindrücklich auf dem Balkan. Dort gibt es seit Jahrhunderten wiederkehrende Gewaltzyklen. Aber nie ist jemand für die Verbrechen haftbar gemacht worden. Die Täter konnten sich immer wieder ungestraft in den Schoss ihrer Volksgemeinschaften zurückziehen. Dadurch wurden ihre Taten zur Tat dieser Gemeinschaften. Das Ziel des Uno-Kriegsverbrechertribunals ist die Individualisierung dieser Taten beziehungsweise der Schuld.

Vor knapp zwei Jahren wurde in Rom der so genannte Ständige Internationale Strafgerichtshof aus der Taufe gehoben, der weltweit Kriegsverbrechen beurteilen wird. Er ist funktionsfähig, wenn 60 Staaten zugestimmt haben. Zurzeit sind es 19 – die Schweiz zählt noch nicht dazu.

Dass die internationale Gemeinschaft Kriegsverbrechen nicht mehr tolerieren will, ist eine historisch einmalige Chance. Sie darf nicht verpasst werden. Teil dieser Entwicklung zu sein, ist für mich Ehre und Verpflichtung zugleich.

Anzeige