6_00_dg_augenzeuge.jpgVor einigen Jahren habe ich beschlossen, immer einen Teil meiner Zeit unentgeltlich anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Das war eine sehr gute Entscheidung. Ich arbeite seither zu 40 Prozent ehrenamtlich. Zwar werde ich so nie reich, aber zum Leben hats bis jetzt immer gereicht.

Ich bin als Unternehmensberater tätig seit 1990. Seit sieben Jahren habe ich eine eigene Firma. Als Berater eines der grössten Telekommunikationsunternehmen der Welt bin ich verantwortlich für das oberste Management. Neben Kaderleuten aus internationalen Unternehmungen berate ich auch Politiker.

Früher war ich Pfarrer. Schon damals habe ich viele Diplomaten und Politiker beraten. Die Entscheidung, nicht mehr als Geistlicher zu arbeiten, war Resultat eines jahrelangen Prozesses. Ich habe gespürt, dass es mehr meiner Begabung entspricht, in einem weltlichen Umfeld zu arbeiten. Ich kann meinen Lebensauftrag so besser erfüllen, bin glaubwürdiger. Ich bete aber auch heute noch jeden Morgen für meine Kunden, für mein Unternehmen.

Selbstständigkeit als Befreiung
Den Schritt in die selbstständige Beratungstätigkeit habe ich damals als unglaubliche Befreiung erlebt, auch wenn er organisch gewachsen und für mich deshalb nicht Ausdruck einer Krise war. Ich bin ein Mensch, der sehr gern frei ist. Lieber lebe ich mit Schmerzen und in Existenznot als in einer Scheinsicherheit, in der ich nichts bewegen kann.

Anzeige

In meiner ehrenamtlichen Arbeit betreue ich Menschen in einer schwierigen Lebensphase, die wenig Geld haben. Um hier meine bescheidene Arbeitskraft zu vervielfältigen, habe ich vor sechs Jahren zusammen mit Freunden die Gesellschaft zur Beratung von Führungskräften gegründet. Heute machen rund 50 Helfer mit, die alle in ihrem Beruf erfolgreich sind: Juristen, Banker, Psychologen, Psychiater. Alle haben sie sich verpflichtet, drei Stunden pro Monat anderen Menschen zu schenken. So kann ich im Jahr mindestens 1000 Beratungsstunden unentgeltlich vermitteln.

Gratisberatung aus Dankbarkeit
Weil die Klienten die Gespräche nicht bezahlen müssen, haben diese einen besonderen Charakter, sind privater, offener. Für einen niedergeschlagenen Manager kann das besser sein, als in einem hochkarätigen Institut zu sitzen, wo er nur mit einem neuen «Update» versorgt wird.

Anzeige

Viele fragen mich, warum ich diese ehrenamtliche Arbeit mache. Meine Antwort: Weil ich in meinem Leben auch durch schmerzliche Phasen gegangen bin Phasen der Einsamkeit, des Versagens. Damals habe ich auch von Menschen gelebt, die mir zur Seite standen. Das hat mich demütig gemacht. Diese Dinge kann man nicht erkaufen. Mein Engagement ist deshalb auch eine Form der Dankbarkeit, dass es mir gut geht.

In meiner Arbeit stelle ich immer wieder von neuem fest, dass sich viele Menschen ausschliesslich über äusserliche Dinge definieren: ihren beruflichen Erfolg, ihr Aussehen, ihren Doktortitel. Für mich lautet eine zentrale Frage: Arbeite ich, damit ich wertvoll bin? Oder bin ich wertvoll und arbeite deshalb?

Diese Gedanken sind mir wichtig, weil mir bewusst ist, wie unsicher das Berufsleben geworden ist: Der Job kann morgen weg sein. Also steht jeder immer irgendwo einen Schritt vor dem Abgrund. Schon in der Bibel steht: «Wer stehe, sehe zu, dass er nicht falle.»

Anzeige

Im immer hektischer werdenden Wirtschaftsleben müssen Manager mit Hochdampf arbeiten und sind ständigen Veränderungen unterworfen. Flexibilität wird zum obersten Gebot. Häufige Wohnortswechsel und ständige Weiterbildung sind angesagt.

Moderne Führungskräfte müssen eine Mischung aus eierlegender Wollmilchsau und antibiotikaresistenter Kanalratte sein. Und je höher diese Leute auf der Karriereleiter stehen, desto einsamer werden sie. In meiner Arbeit bin ich immer häufiger mit den seelischen Spätfolgen solcher Laufbahnen konfrontiert.

Viele Menschen sind auf Sicherheit bedacht auch Manager. Sie reagieren mit Depressionen und Ängsten, weil sie nicht vorbereitet sind auf die geforderte Wandlungsfähigkeit. Depression ist für mich seelische Sabotage die Seele streikt.

Symptome der Depression sehe ich oft: Burnout, Schlaflosigkeit, Suchtverhalten. Diese Symptome sind nicht einmal so schlimm. Richtig schlimm wird es erst, wenn sie übergangen werden. Der Mensch kommt dann immer näher an den Abgrund, bis er zusammenbricht.

Anzeige

Auseinandersetzung mit dem Tod
Mit dem Alter nimmt der Marktwert einer Person unweigerlich ab, und Fragen des Älterwerdens drängen sich immer mehr in den Vordergrund. Doch leider werden diese Fragen oft verdrängt. Stattdessen wollen wir möglichst jung aussehen und kraftvoll und dynamisch sein wie 20-Jährige. Je älter wir werden, desto makabrer wird dieses Spiel.

Weil ich diese Versuchung kenne, habe ich in meinem Leben Mechanismen eingebaut, die mich immer daran erinnern, dass auch ich altere und einmal sterben werde. So halte ich etwa regelmässig Abdankungsreden auf dem städtischen Friedhof.

Einmal hat das Schweizer Fernsehen ein Porträt über mich gemacht. Die letzte Szene haben die Kameraleute auf dem Friedhof von Basel gedreht, vor den Gräbern. Ein Unternehmensberater aus Zürich hat den Beitrag gesehen und ein Foto vom Fernsehbild gemacht. Er hat es mir zugesandt. Unter das Bild hat der Mann geschrieben: «Unsere Friedhöfe sind voll von unentbehrlichen Managern.» Dieser Satz kommt mir bei meiner Arbeit immer wieder in den Sinn.

Anzeige

Keine Panik vor dem Alter
Eigentlich bin ich ein sehr fröhlicher Mensch; ich freue mich über das Leben. Und ich habe genug Zeit, weil mich der Zeitteufel nicht jagt. Ich kann auch einmal einem verzweifelten Menschen zuhören, ohne ständig auf die Uhr zu schauen. Dennoch: Ich bin nun 47, ich habe den grössten Teil meines Lebens gelebt.

Ich muss mir jetzt überlegen, wie ich die Zeit, die noch vor mir liegt, sinnvoll verbringen kann. Wenn ich so denke, werde ich auch im Alter nicht in Panik geraten. Ich lerne, meine Jahre auszukosten. Dieser Wechsel des Blicks hat mir inneren Frieden gebracht.

Ich habe zudem gelernt, Krisen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie in meinem Leben zu begrüssen. Meine erste Krise wurde durch den frühen Tod meiner Mutter ausgelöst. Ich habe damals eine schlimme Zeit durchgemacht, furchtbar gelitten. Durch eine weitere Krise bin ich gegangen, als eine Liebesbeziehung zerbrach. Es kommt nicht darauf an, wie schlagzeilenträchtig eine Krise nach aussen aussieht, sondern wie tief sie erlebt wird.

Anzeige

Krisen sind dazu da, um unsere Wurzeln zu vertiefen. Ich habe bei meinen Klienten oft erlebt, dass sie im Nachhinein gesagt haben: «Ich möchte die Krise nicht missen, durch die ich gegangen bin» auch wenn die berufliche Position nicht mehr hergestellt werden konnte, auch wenn die Familie auseinander gebrochen ist.

Diese Menschen sagen mir: «Jetzt kann ich endlich wieder die Natur geniessen, ich freue mich an der Sonne, an den Blumen, und ich habe wieder ein Gefühl für die Menschen um mich herum.»

Ich habe einmal einen jungen Banker nach seinem Fernziel gefragt. Er hat mir mit einer kleinen Geschichte geantwortet: Eines Tages wird er als alter Mann auf der Bank vor seinem Haus sitzen. Ein Mädchen wird des Weges kommen und ihn fragen: «Alter Mann, wozu hast du gelebt?» An seiner Antwort soll das Mädchen erkennen können: Es war für andere Menschen nicht egal, dass dieser Mann gelebt hat.

Anzeige
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.