Das Gebäude der Pace University steht im Süden von Manhattan, mitten im Finanzbezirk und zu Fuss drei Minuten vom World Trade Center entfernt. Dort studiere ich seit Anfang September Finanzwissenschaften. Ich hatte gerade angefangen, New York richtig kennen zu lernen – als der Anschlag passierte.

Ich lebe mit meiner Familie seit fünfzehn Jahren im Bundesstaat New Jersey, etwa eine Stunde ausserhalb von Manhattan. Meine Eltern kommen beide aus dem Kanton Bern, mein Vater arbeitet in New York als Banker bei der UBS. Das hat meine Berufswahl sicher beeinflusst.

Die Pace University habe ich gewählt, weil sie mit den umliegenden Firmen zusammenarbeitet. Man kann das Studium verbinden mit einem Praktikum oder einer Teilzeitarbeit während der Sommerferien. Ich habe mich auf das hektische Leben in Manhattan gefreut. Obwohl es auch hier friedlich sein kann. Manchmal habe ich mir über Mittag ein Take-away gekauft und ging in den kleinen Park vor der City Hall, dem Sitz des Bürgermeisters. Aber das alles ist jetzt vorbei.

Am 11. September bin ich wie immer mit dem Zug unten im World Trade Center angekommen – das war etwa um Viertel nach acht. Weil die Schule an diesem Tag etwas später beginnen sollte und ich Hunger hatte, habe ich mich in die Kantine gesetzt. Dann hat es geknallt. Ein Mädchen, das am Fenster sass, hat aufgeschrien und gesagt, jetzt sei gerade ein Flugzeug in einen der Türme gerast.

Sofort sind wir auf die Strasse gegangen und haben hinaufgeschaut. Alle dachten an einen Unfall. Ich staunte, wie stabil so ein Turm offenbar ist. Ich betrachtete gerade das grosse Loch in der Fassade, als es im anderen Turm eine Riesenexplosion gab – wie von einer Bombe. Jemand sagte, das sei kein Unfall mehr, sondern müsse irgendetwas mit Terroristen sein. Dann sah ich, wie sich Leute aus den Fenstern stürzten. Länger konnte ich da aber nicht hinschauen, das war mir einfach zu viel.

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Mitschüler sassen in Schule fest
Nur weg hier, sagte ich mir. Und bin nordwärts losmarschiert. Als die Türme einstürzten, war ich schon weit weg. Um den Times Square und das Empire State Building habe ich einen grossen Bogen gemacht – man weiss ja nie. Die Station, wo ich den Bus nach New Jersey nehmen wollte, war bereits geschlossen. Zum Glück habe ich jemanden getroffen, der weiter oben in der Stadt wohnt und mich mitnahm. Dort, an der 95. Strasse, sind wir den Rest des Tages vor dem Fernseher gesessen. Erst am Abend bin ich nach Hause gekommen.

Von der Schule habe ich seither wenig gehört. Meine Studienkollegen, die nicht rechtzeitig herausgekommen sind, mussten offenbar zunächst drinnen bleiben. Gesehen haben sie nichts mehr, vor dem Fenster war alles dunkel und grau. Später wurde das Gebäude geräumt, und die Rettungsleute wurden einquartiert. Wann der Schulbetrieb wieder anfangen kann, ist im Moment noch unklar.

Wie es jetzt weitergehen soll? Das weiss ich nicht genau. Wahrscheinlich werde ich an der Pace University bleiben, allerdings auf einem Areal ausserhalb von New York. Andere können nicht warten, bis die Schule in Manhattan wieder öffnet. Bei mir ist das anders: Ich werde hier nicht mehr studieren – der Ort ist zerstört. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich mich nach diesem Erlebnis dort auf die Schule konzentrieren könnte. Wenn das World Trade Center nicht mehr steht, fehlt ein Symbol dieser Stadt.

Von klein auf war ich mit meiner Familie immer wieder in Manhattan. Mein Vater hat früher im World Trade Center gearbeitet. Der damalige Schweizerische Bankverein war im Gebäude Nummer vier eingemietet – das steht auch nicht mehr. Als kleiner Bub durfte ich an einem Besuchstag mit ins Büro. Das hat mir sehr gefallen. «Hier möchte ich auch einmal arbeiten», habe ich mir damals gedacht. Das ist gut zehn Jahre her.

Zuoberst auf dem World Trade Center bin ich öfter gewesen. Das war schon eindrücklich, diese Höhe und diese Aussicht. In den paar Tagen an der Universität kam ich aber nie dazu. Sightseeing habe ich nicht gemacht – dazu hatten wir kaum Zeit. Eigentlich bin ich am Tag des Attentats eine halbe Stunde zu früh in der Stadt angekommen. Die Idee, noch kurz auf den Turm zu gehen, ist mir aber nicht gekommen. Zum Glück.

Nach Manhattan zieht mich vorderhand nichts mehr. Vielleicht werde ich in den nächsten Wochen mit der Familie hinfahren und ein Musical anschauen – oder sonst etwas unternehmen. Damit kann ich mich wieder an die Stadt herantasten. Es geht ja nicht, dass ich jetzt einfach nicht mehr dorthin gehe. Unterdessen überbrücke ich die Zeit mit meinem Job. Ich arbeite stundenweise in einem Tenniscenter.

Angst vor Flug mit US-Maschinen
Das andere Areal der Pace University liegt in Westchester, eine knappe Stunde nördlich von New York. Dort erwartet mich ein anderes Leben. Bisher bin ich jeden Tag in die Stadt und zurück gefahren. Zuerst mit dem Auto zum Bahnhof, dann im Zug bis zum Hudson River und von dort aus mit der U-Bahn nach Manhattan. Pendeln nach Westchester geht nicht. Es gibt keinen Zug dorthin – und mit dem Auto ist es zu weit. Deshalb werde ich von Montag bis Freitag in der Schule wohnen.

Viel mehr weiss ich noch nicht. Sicher werde ich häufiger Tennis spielen und sonst Sport treiben können als in der Stadt. Dafür wird es mit den Praktika nicht so einfach. Es hat zwar auch in Westchester Firmen, aber viel weniger.

Was mich in Manhattan erwarten würde, ist aber auch nicht klar. Dort wurden so viele Büros vernichtet. Mein Ziel ist es jetzt, in vier Jahren meinen Abschluss zu machen. Finanzen im Hauptfach, Buchhaltung im Nebenfach. Vielleicht bin ich dann wieder so weit, im Finanzbezirk von Manhattan zu arbeiten.

Meine Zukunft sehe ich in Amerika. Zu Hause spreche ich mit den Eltern und den drei Schwestern zwar nach wie vor berndeutsch. Und wir reisen fast jeden Sommer in die Schweiz. Meine Familie bleibt aber vorderhand hier und ich sicher auch. Vielleicht kann ich später meine Deutschkenntnisse im Beruf gebrauchen – für einen Job in Deutschland oder in der Schweiz.

Die Fliegerei gehört bei uns zum Leben. Wir reisen häufig mit dem Flugzeug in die Ferien. In Amerika sind die Distanzen viel grösser als in Europa. Nur: In eine Maschine der American oder der United Airlines möchte ich momentan nicht steigen. Aber ein Flug mit der Swissair in die Schweiz? Nein, da hätte ich kein Problem.

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