«Sind Sie jetzt berühmt?», fragte mich eine zwölfjährige Besucherin unserer Sternwarte mit leuchtenden Augen - und wollte vorsorglich ein Autogramm. Ich hatte der Schülerin und ihrer Klasse mit einer Computerpräsentation erläutert, wie ich vom Winterthurer Hausberg aus kosmische Kleinkörper beobachte, ihre Positionen mit Hilfe modernster Technik präzis vermesse und so zu genauen Bahnbestimmungen beitrage.

Ich hatte den Kindern von den Gefahren erzählt, die von erdnahen Asteroiden ausgehen, und dabei auch auf den «Saurierkiller» hingewiesen, der vor 65 Millionen Jahren die Dinos auf einen Schlag von dieser Erde verschwinden liess. Und einmal mehr war ich überrascht, wie sehr diese komplexe Geschichte die Kinder fasziniert, sie überhaupt nicht ängstigt, sondern behutsam an das heikle Thema der eigenen Endlichkeit heranführt.

Höhere Frauenquote unter Asteroiden
Dass ich bei meiner sehr anspruchsvollen und nicht immer nur lustigen Arbeit bisher schon sechs neue Asteroiden entdeckt habe, fährt gerade jungen Menschen mächtig ein. Sie finden es besonders cool, dass ich meine Kreise nicht nur um Winterthur und Wiesendangen ziehe, sondern auch als ein nach mir benannter Himmelskörper um die Sonne.

Für drei meiner Neufunde wählte ich den Namen selber: So kreist heute unter der Asteroiden-Nummer 43'669 meine geliebte Geburtsstadt Winterthur sozusagen in einer zweiten, himmlischen Variante um die Sonne. Mit dem Asteroiden Nr. 82'232 Heuberger konnte ich das mir freundschaftlich verbundene Winterthurer Unternehmer-Ehepaar Robert und Ruth Heuberger ehren. Der Asteroid Nr. 113'390 erinnert mit meinem vorgeschlagenen Namen Helvetia an unsere Schweiz und insbesondere an ihre Fähigkeit zur Konkordanz. Bundespräsident Moritz Leuenberger war so angetan, dass er mir sein handsigniertes Buch «Die Rose und der Stein» zukommen liess. In seiner Gratulationsmail zeigte er sich erfreut, dass die Entdeckung der Helvetia im Weltall die Frauenquote unter den Asteroiden erhöht habe.

Meinen ersten Kontakt mit der Astronomie hatte ich als 14-Jähriger: Im Sommer 1963 baute ich mit einfachsten Mitteln astronomische Geräte und «entdeckte» damit unter anderem die vier grossen Jupitermonde. Dumm daran war nur, dass mir bei meiner vermeintlichen Neusichtung ein gewisser Galileo Galilei bereits um 350 Jahre zuvorgekommen war. Doch mit Misserfolgen lernte ich auch später zu leben. Heute betrachte ich sie vor allem als Chance, zu lernen und zu wachsen.

1964 wurde ich Mitglied in der Astronomischen Gesellschaft Winterthur, übernahm bald Verantwortung im Vorstand und gehörte auch zum Gründerteam der 1979 eröffneten und dann in mehreren Etappen erweiterten Sternwarte Eschenberg. Heute verfügt das von mir seit vielen Jahren ehrenamtlich geleitete Observatorium über ein hochmodernes Equipment. Es hat sich weit über die Region hinaus einen Namen erworben für seine öffentlichen Führungen und international auch für seine Beiträge zur Asteroidenforschung.

Grosse Momente mit Mozart und Haydn
Die Winterthurer Sternwarte wird seit ihrer Eröffnung jährlich von etwa 2000 Gästen besucht. Oft sind die möglichen Termine für Gruppen auf Wochen hinaus vergeben. Ich liebe den Umgang mit verschiedenen Menschen. Ein Aufsteller ist beispielsweise eine gut vorbereitete Schulklasse, der ich mit meinen Kollegen zusammen unter einem sternklaren Firmament einen vertieften Einblick in die Himmelsgeheimnisse geben darf. Die tiefgründigen Diskussionen mit erwachsenen Besucherinnen und Besuchern und das Philosophieren über den Sinn unseres Daseins möchte ich nicht mehr missen.

Ich schätze aber auch die Einsamkeit in meinen Forschungseinsätzen: Zu fortgeschrittener Nachtzeit rückt im Eschenberger Wald die Alltagshektik in weite Ferne. Während ich auf der Beobachtungsplattform am Computer arbeite, serviert mir die Musikanlage im Vorraum leichte Klassik: ein beschwingter Beethoven, ein melancholischer Mozart oder ein fulminanter Haydn - und dazu Sterne «live». Das sind die wirklich grossen, die erhebenden Momente - Sternstunden, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Schnittstellen zwischen der eher romantischen Astronomie, wie wir sie bei vielen Publikumsführungen pflegen, und meiner nüchtern-sachlichen Forschungsarbeit sind für mich enorm spannend. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass ich das Buch «Le Petit Prince» so schätze. Ich betrachte Antoine de Saint-Exupérys geniale Parabel aus dem Kriegsjahr 1943 nicht nur wegen ihrer Nähe zu meinem Fachgebiet der kleinen Planeten als eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur. Denn trotz all meinen vielleicht manchmal etwas weltfremd wirkenden Tätigkeiten auf unserer Sternwarte halte ich die Spielregeln des menschlichen Zusammenlebens für überlebenswichtig. Da hat uns der «kleine Prinz» Wegweisendes zu bieten. Und gerade uns Wissenschaftler erinnert die liebenswürdige Fabelgestalt auf eindringliche Weise daran, dass Kopf und Herz zusammengehören.

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