Freitags Punkt zwölf Uhr gehen die Tore des Open Airs St. Gallen auf. Die Besucher stürmen das Gelände. Was die alles mitschleppen! Da kommen welche mit einem Leiterwägelchen, andere mit einem Autoanhänger, andere mit dem gestohlenen Migros-Einkaufswagen. Draufgepackt haben sie Zelte, Blachen, Pfähle, Getränke. Der eine braucht eine Matratze zu seinem Glück, der zweite einen kleinen Kühlschrank, der dritte ein transportables WC. Jeder nimmt das mit, wovon er das Gefühl hat, er könne es hier brauchen.

Am ersten Festivaltag verkaufen wir auf dem Hof Strohballen. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, habe früher viele Heu- und Strohballen herumgetragen. Danach aber ging ich duschen: Das Stroh biss und juckte überall. Nicht so die Leute hier: Für die ist es der ultimative Kick, auf Stroh zu schlafen, total Fun. Sobald sie das Zelt aufgestellt haben, kommen sie und wollen Stroh. Es ist ziemlich schräg, mit anzusehen, wenn gestylte Bürogirls mit lackierten Nägeln und perfekt aufgetragenem Lidschatten zu zweit einen Strohballen den Hang hinaufschleppen. Und bei schönem Wetter sind natürlich die Kleider knapp. Das stört mich gar nicht: Man ist ja auch nur ein Mann.

Die Privatsphäre wird respektiert
Manche regen sich auf wegen des Preises: Ein Ballen kostet 20 Franken. Ich erkläre den Leuten, dass wir das Stroh nach dem Festival mühsam zusammenklauben müssen. Es enthält Abfall und würde die Grasnarbe kaputtmachen. Überhaupt sieht das Gelände zum Schluss jeweils aus wie ein Schlachtfeld. Ich übernehme mit einem Team die Rekultivierung, wir leisten rund 1000 Mannstunden. Nachhaltigen Schaden nehmen die Wiesen aber nicht.

Neben dem Strohstand betreiben ich und meine Familie während des Festivals eine Bar. «Bauernschenke» hat sie das Organisationskomitee getauft. Seit letztem Jahr dürfen wir sogar Bier ausschenken. Bis nachts um ein Uhr bedienen unsere Bargirls, darunter meine Töchter und ihre Kolleginnen. Danach übernehmen zwei Boys: Die können besser nach dem Rechten sehen. Die meisten Gäste sind friedlich. Manchmal aber schert einer aus und meint, er müsse gegen die Bar pinkeln. Oder dann hat es am Morgen um fünf einen, der ist gefrustet, weil er noch keine aufgerissen hat, obwohl es übers Jahr auch nicht klappt, und meint dann, es funktioniere, wenn er besoffen an der Bar stehe und jede einlade. Dann sag ich: «He, so geht das nicht.»

Weil unser Haus auf dem Festivalgelände steht, bauen wir als Sichtschutz einen blickdichten Zaun. Unsere Privatsphäre wird respektiert. Einmal aber hatten sich zwei in den Kopf gesetzt, die grossen Werbeballone zu klauen, die eine Biermarke an unserem Haus festgemacht hatte. Frühmorgens kletterten sie über den Zaun und stellten eine Leiter an die Fassade. Ich bin aufgewacht und hab gesagt: «Ja, heitere Fahne, was macht ihr denn hier?» Die zwei haben sich sofort davongemacht.

Wenn es regnet, ist der Boden schnell matschig. Die meisten Leute aber finden das glatt. Das macht denen gar nichts aus. Im Gegenteil: Wenn es einmal nicht regnet, wie vor drei Jahren, macht das OK extra ein Schlammloch. Es gibt immer welche, die wollen in den Schlamm hinein. Die Medien schiessen Fotos und bringen genau diese Bilder. So ist das St. Galler Open Air in den Ruf gekommen, schlammig zu sein, obwohl das nicht der Realität entspricht.

Am schönsten ist es am Festival gegen Mitternacht, wenn unten auf der Bühne die Lightshow der Band losgeht. Die Bässe der Lautsprecher bringen die Hauswände zum Zittern: Wir stehen ja voll im Schallbereich. Musik muss für mich Rhythmus und Melodie haben. Ich mag Blues, gute Volksmusik, aber auch Hiphop. Auf meiner E-Gitarre zupfe ich auch schon mal «Smoke on the Water» von Deep Purple. Dieses Jahr bin ich gespannt auf Fatboy Slim. Zum Schlafen kommen wir wenig während der drei Tage: Die Bands spielen bis weit nach Mitternacht, und morgens geht der Betrieb ab acht Uhr wieder los.

Viel Liebe, wenig Streit
Das Festival ist eine Riesenabwechslung. Man lernt ungewöhnliche Leute kennen, das fördert die Flexibilität im Denken. Vor Jahren hatte ich mich einmal genervt, weil Lastwagen und Transporter während des Aufbaus die Zufahrtsstrasse blockierten. Da sagte ich zu einem – er hatte eine Tätowierung und einen Rossschwanz: «Sobald ein Chef kommt, werde ich mich beschweren!» Er meinte, es werde kein Chef mehr kommen. Der Chef sei er nämlich selber.

Das Open Air St. Gallen zieht Leute jeden Alters an – ein Riesenfest. Alle sind glücklich und zufrieden. Viele Pärchen lernen sich hier kennen. Für die wird das Gelände zu einer Art Wallfahrtsort. Im Herbst dann kommen sie an, Hand in Hand, und sagen, sie hätten einmal schauen wollen, wie es in der übrigen Zeit aussieht. Grundsätzlich ist es hier so: Drei Tage lang wird viel geschmust und viel getrunken, aber wenig gestritten. Ist das etwa nicht toll?

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