Als ich am 26. Dezember in den Radionachrichten von der Flutwelle in Südasien hörte, schaltete ich den Fernseher ein und schaute CNN. Trotzdem war das für mich zunächst ein Ereignis wie viele andere, schliesslich war am Anfang nur von ein paar hundert Toten die Rede. Als die Opferzahlen dann aber ständig anstiegen und man die ersten Leichen sah, rief ich meine Arbeitskollegin an, ob sie Hilfe benötige. Sie meinte, sie könne die Arbeit bewältigen. Am nächsten Morgen, als meine Schicht anfing, stand ich trotzdem schon um sieben statt um acht Uhr da.

Ich arbeite erst seit acht Monaten in der Film- und Videodokumentation Ausland bei SF DRS, es ist mein erster Job nach dem Politologiestudium. Mit vier Kolleginnen und Kollegen sichte ich am so genannten Newsdesk das Filmmaterial aus der ganzen Welt, das uns von der European Broadcasting Union (EBU) in Genf übermittelt wird. Zu jedem Beitrag verfasse ich ein Protokoll, in dem steht, was auf den Bildern zu sehen ist. Damit können die Journalistinnen und Journalisten von «Tagesschau» und «10 vor 10» schneller beurteilen, zu welchen Themen welche Bilder in Frage kommen. Mein Job ist es, das Material zu sichten; was über den Bildschirm läuft, bestimmen die Redaktionen.

Bilder, die man nicht vergessen kann
Normalerweise übermittelt die EBU die Beiträge in acht so genannten «Sessions» zu festgelegten Zeiten. Vom 27. Dezember an wurde jedoch fast pausenlos gesendet.

Auf den ersten Filmsequenzen aus Thailand, Indonesien und Sri Lanka sah man nur Trümmerfelder. Unglaubliche Trümmerfelder, Holz, Schlamm, alles war verwüstet. Die Bilder von Leichen am Strand tauchten erst im Verlauf des 27. Dezembers auf, aufgedunsene Körper in Badekleidern oder nackt, schliesslich immer mehr verwesende, schwarze Leichen. Ich sah Bilder, die ich nie mehr vergessen werde: ein Mann, der wie ein Gekreuzigter auf einem Trümmerhaufen liegt. Oder die Leiche einer Frau, die hoch in der Luft über einem Stromkabel hängt.

Ich beschreibe solche Szenen sehr abstrakt: «Leichen, am Strand liegend», steht dann etwa im Protokoll. Bei ganz schlimmen Beiträgen schreibe ich dann noch den Vermerk «schreckliche Bilder» dazu, damit die Journalisten, die die Beiträge zusammenstellen, gewarnt sind. Während meines Einsatzes am Newsdesk in der Altjahrswoche habe ich diese Bemerkung ungezählte Male hinzugefügt. Das meiste wurde dann nicht gesendet.

Warum ich mir eine solche Arbeit antue? Ich bin ein Newsjunkie, Nachrichten interessieren mich, ich mag die Hektik des Tagesjournalismus. Die Bilder sind für mich nur Mittel zum Zweck, um Nachrichten zu illustrieren. Dass ich mir solche Beiträge anschaue, hat nichts mit Voyeurismus zu tun. Es ist mein Job, und ich liebe ihn. Schliesslich sehe ich auch nicht nur so schlimme Bilder wie diejenigen aus Südasien oder aus dem Irak.

In den Tagen nach der Flutkatastrophe sass ich stundenlang ohne Pause am Bildschirm und schrieb und schrieb und schrieb. Immer wieder kamen auch Redaktoren vorbei, um sich nach Filmbeiträgen zu Nachrichten zu erkundigen, oder sie meldeten sich per Telefon oder E-Mail. Zudem stehen wir in Funkkontakt mit einem anderen Newsdesk. Zum Nachdenken bleibt da keine Zeit. Ich arbeitete irgendwie mechanisch, funktionierte nur noch. Nach fünf Tagen war ich völlig ausgepumpt und leer. Ich war verspannt und hatte Kopfschmerzen. Einen Tag länger hätte ich es nicht geschafft.

Im Traum kehrte die Flut zurück
Träume hatte ich erst in der Neujahrsnacht, nachdem meine Schicht zu Ende gegangen war. In den ersten beiden Nächten träumte ich nur von den Arbeitsabläufen, der Hektik und dem Stress. Die Flut kam erst in der dritten Nacht. Ich sah im Traum Wassermassen und überflutete Strassen, aber ich hatte keine Angst dabei.

Im Team haben wir schon über die Bilder gesprochen, die wir in den Tagen nach der Katastrophe anschauen mussten. Mit meinen Freunden kann ich aber nicht darüber sprechen. Wer nicht hier arbeitet, versteht das nicht.

Viele von den Szenen, die ich in den Tagen nach der Katastrophe sah, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich kann sie jederzeit wieder hervorholen, aber bisher habe ich sie noch verdrängt. Ich weiss aber, dass ich mich bald mit ihnen auseinander setzen muss, damit sie mich nicht verfolgen.

Normalerweise gehe ich an der Limmat spazieren, wenn ich mit schlimmen Bildern fertig werden muss. Dann werfe ich für jede dieser Szenen einen Stein ins Wasser – wie Ballast, den man wegwirft. Bei der Flutkatastrophe wird das nicht gehen, denn da habe ich zu viel Schreckliches gesehen.

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