An gewisse Dinge erinnere ich mich sehr gut. So weiss ich heute noch genau, wo ich in der Wohnung stand, als im Januar 1927 der erste Beobachter ins Haus kam. Damals war ich gut siebenjährig, und mein Vater sagte zu mir: «Du, da ist eine neue Zeitschrift, die ist interessant. Wir werden sie behalten.» Seither kam der Beobachter ins Haus. Zuerst gratis, dann kostete er 85 Rappen im Jahr. Als ich heiratete, abonnierte ich ihn auch.

Ich freue mich heute noch auf jede Nummer. Und ich muss gestehen, ich lese den Beobachter von A bis Z. Vor allem die Berichte über Gerichtsfälle und die Meinungen auf der Leserbriefseite interessieren mich. Die Beiträge von Koni Rohner lese ich ebenfalls mit Gewinn, auch wenn ich gelegentlich denke, das hätte ich jetzt anders beurteilt. Nur die Artikel über Computer und Internet sagen mir weniger. Aber ich begreife schon, dass sich die Jungen dafür interessieren.

Der Beobachter ist meine Bettlektüre, ich benötige etwa drei Abende dafür. Wenn ich fertig bin, erhält ihn meine Frau. Ich erinnere mich gut an die früheren Kurzgeschichten, an die «Chronik» über Ereignisse im In- und Ausland sowie an die Beiträge von Beobachter-Vater Max Ras. Ich schätze die kritischen und sorgfältig recherchierten Berichte, die konzentrierte Form, aber auch das korrekte Deutsch. Heute begnügen sich viele Zeitungen mit einer schluderigen Ausdrucksweise.

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Ich bin mit Zeitungen aufgewachsen. Mein Vater, der Beamter war beim Steueramt der Stadt Zürich, las die «Neue Zürcher Zeitung», die Mutter den «Tages-Anzeiger» – wegen des Fortsetzungsromans. Ich selbst gab schon in der Primarschule eine kleine Zeitung heraus, die ich auf einer alten Schreibmaschine meines Vaters tippte. Sie hiess «Zeitung für Jung und Alt» oder so ähnlich. Unser Sekundarlehrer sagte einmal vor der Klasse: «Der Diggelmann ist der Einzige, der Zeitung liest. Er weiss, was in der Welt passiert.»

Als ich 1943 als Wachtmeister im Dienst war, kam eines Tages ein Brief der «Neuen Zürcher Zeitung»: Man suche einen jungen Inlandredaktor. Der damalige Verwaltungsratspräsident der «NZZ», Dietrich Schindler senior, bei dem ich an der Uni Jurisprudenz studiert hatte, hatte mich der Redaktion empfohlen. So nahm ich einen Tag Urlaub – und wurde im September 1943 als Volontär angestellt.

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Meine Feuertaufe hatte ich wenige Monate später. Am 1. April 1944 gegen elf Uhr klingelte das Telefon, und mit zittriger Stimme meldete sich ein pensionierter Lehrer aus Schaffhausen: «Es brennt! Soeben sind Bomben auf Schaffhausen gefallen.» Zusammen mit dem Inlandchef organisierte ich ein Auto, und dann fuhren wir mit dem Chefkorrektor nach Schaffhausen.

Bereits von Flurlingen aus sahen wir grosse Rauchsäulen aufsteigen. Wir verabredeten, dass jeder von uns in eine andere Richtung aufbreche und wir uns in einer Stunde wieder treffen wollten. Auf meinem Rundgang half ich, Leichen aus einem Kompaniebüro zu bergen. Später trafen wir uns in einem Restaurant und diktierten unsere Bleistiftnotizen per Telefon nach Zürich. Schon eine Stunde später waren alle Leitungen unterbrochen.

Auf der Redaktion hatte man alles für eine Extraausgabe am späteren Nachmittag vorbereitet. Mit einer Auflage von 120'000 Exemplaren wurde sie zum grössten Extrablatt-Erfolg in der Geschichte der «NZZ». Das Stück kostete zehn Rappen, und die Zeitungen wurden dem Verkäufer beim Zürcher Hauptbahnhof richtiggehend aus der Hand gerissen. Die Polizei musste den Mann vor dem Ansturm der Käufer schützen. Chefredaktor Willy Bretscher zollte mir dann ein grosses Lob für meine Leistung.

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Als promovierter Jurist schrieb ich bei der «NZZ» über manche aufsehenerregende Gerichtsfälle, etwa den Revisionsprozess im Mordfall Haberthür in Breitenbach SO, den der Beobachter 1949 unter dem Titel «Ein Justizirrtum?» ins Rollen gebracht hatte. Oder den Landesverratsfall Jeanmaire.

Am intensivsten beschäftigte ich mich aber mit der Parlamentsberichterstattung auf kantonaler und nationaler Ebene – teilweise sogar als Mitglied des Gemeinderats. Meine Kollegen spöttelten natürlich, ich würde meine Wortmeldungen besonders gut wiedergeben. Ich schrieb die Voten während der Ratsdebatte laufend nieder. Ein Kurier holte die voll geschriebenen Blätter ab und brachte sie in die Redaktion, wo sie der Dienstredaktor kurz überflog und in die Setzerei weitergab. Im Nationalrat hatten wir eine Telefonistin, die die Berichte in die Redaktion nach Zürich übermittelte.

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Eines meiner Spezialgebiete war die publizistische Betreuung von Liechtenstein. Dafür wurde ich von Fürst Franz Josef, dem Vater des heutigen Fürsten, mit einem Orden ausgezeichnet – als Dank, dass meine Beiträge in der «NZZ» die guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern gefördert hätten. Ich darf mich «Komtur» nennen, eine Art Ordensritter. Daneben führte ich in der Zeitung die Rubrik Philatelie ein und betreute sie bis zu meiner Pensionierung 1986. Artikel zu schreiben macht mir immer noch Spass.

Ziemlich sicher war ich der einzige «NZZ»-Redaktor, der den Beobachter stets gründlich las. Der damalige Chefredaktor Fred Luchsinger fragte mich, ob ich darüber schreiben wolle. Das tat ich zwar nicht, dafür erwähnte ich den Beobachter gelegentlich in meinen parlamentarischen Voten. Das kam immer gut an, denn der Beobachter gilt als zuverlässige Quelle.

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Politisch war ich viele Jahre engagiert: 1946 wurde ich als jüngstes Mitglied in den Gemeinderat der Stadt Zürich gewählt. Ich blieb 17 Jahre, danach war ich 20 Jahre Zürcher Kantonsrat. Ich amtete als Präsident der Freisinnigen Kreispartei Zürich 6 und des Quartiervereins Oberstrass. Einige Jahre präsidierte ich auch den Fussballklub Young Fellows Zürich. Lange Zeit hatte ich fast jeden Abend etwas los: Partei, Zeitung, Sport, Anlässe.

Während ich mich für den Sport eher passiv interessierte, bedeutete mir das Kulturelle viel. Als Bub sammelte ich in den dreissiger Jahren die besten Kunstblätter aus dem Beobachter und klebte sie in ein Album – natürlich erst, wenn der Vater das Heft fertig gelesen hatte.

Ob ich am Beobachter etwas zu kritisieren habe? Ja, vor ein paar Jahren traf ich den Chefredaktor des Beobachters und sagte ihm: «Der Verfasser der Kochrezepte muss mindestens drei Leben gehabt haben, um all die Prominenten zu treffen, die er in seinen Artikeln beschreibt.» Der schmunzelte bloss. Aber ich lese die Küchenartikel trotzdem gern, denn die Geschichten sind immer interessant, und die Rezepte sind gut beschrieben.

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