Eigentlich wäre ich jetzt in den USA. Genauer: in Cape Canaveral in Florida, wo der Spaceshuttle «Columbia» starten soll. Doch kurz vor den Sommerferien hat die Nasa den Start verschoben, und wir mussten die Flüge annullieren. Das war ärgerlich. Die ganze Klasse hatte sich auf Amerika gefreut. Aber Verschiebungen sind ja normal im Weltraumgeschäft. Die Nasa hat halt wichtigere Missionen, als unsere Bienen ins All zu fliegen.

Begonnen hat das Ganze vor knapp drei Jahren. Unser Lateinlehrer Manfred Schlapp fragte uns eines Tages, ob wir an einem Projekt der Nasa teilnehmen wollten. Sein Nachbar arbeite bei der Raumfahrtbehörde und suche eine Schulklasse für das Projekt Stars (Space Technology and Research Students). Wir dürften an einem Weltraumexperiment mit dem Spaceshuttle «Columbia» teilnehmen. Wir waren damals 14 Jahre alt und sofort Feuer und Flamme für dieses Vorhaben.

Viel Pech mit müden Würmern
Im Internet suchten wir uns alle Informationen über Forschung im Weltall zusammen. Der Biologielehrer hatte kein Interesse an der Sache, so mussten jeweils die Lateinstunden dran glauben. Vieles gabs zu besprechen und zu entscheiden. Wir stimmten jeweils demokratisch ab. Nur die Wahl der sieben Schülerinnen und Schüler für die Projektleitung führten wir geheim durch. Sofort mussten auch ein Logo und eine Homepage her, schliesslich gehört das zu jedem Projekt. Dann machten wir uns auf die Suche nach möglichen Experimenten. Unser Forschungsobjekt sollte ein Tier sein, logischerweise ein kleines. Wir kamen auf den Wurm. Die Schulreise ging nach Innsbruck, wo uns Wissenschaftler über Forschung im Allgemeinen und Würmer im Speziellen aufklärten.

Doch dann stellte sich heraus, dass die Würmer nicht weltraumtauglich waren: Den Test in der Zentrifuge überstanden sie zwar, doch sie fielen in eine Art Tiefschlaf. Was sollten wir mit schlafenden Würmern im Weltall? Das war ein herber Rückschlag. Wir hatten schon so viel Zeit und Arbeit investiert.

Die Zeit drängte. Der geplante Start der «Columbia» rückte näher, und wir standen ohne Versuchstiere da. Glücklicherweise schlugen uns dann die Nasa-Forscher die Carpenterbiene vor, eine Bienenart aus Arizona – als Alternative zu den Honigbienen, die schon mal im All gewesen sind. Der Kontakt mit Amerika funktionierte via Telefonkonferenz: Die ganze Klasse versammelte sich in einem kleinen Raum. Wir schalteten den Telefonlautsprecher ein und reichten den Hörer herum. Damals waren noch alle froh, wenn sie nichts sagen mussten, denn wir konnten kein Englisch. Heute ist das anders. Es hat wohl kaum eine Klasse so schnell Englisch gelernt wie wir. Wir nannten unser Projekt «Spice Bees in Space».

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Wir brauchten eine Bewilligung, um die exotischen Versuchstiere nach Liechtenstein einzuführen. Die Auflagen des Veterinäramts waren streng. Doch schon bald konnten wir die ersten 16 Bienen am Flughafen Zürich abholen. Wir beobachteten ihr Verhalten genau, bevor wir eine Forschungshypothese aufstellten. Wir veränderten sie noch x-mal. Sie lautet heute: Die Bienen verbrauchen im Weltraum weniger Energie und können deshalb ihre Löcher schneller ins Holz bohren.

Da ich in der Experimentiergruppe bin, reiste ich zusammen mit zwei anderen Schülern in die USA zum «Mission Simulation Test». Der Beladungstestlauf sollte zeigen, ob unser Experiment überhaupt funktionieren kann im All. Wir trafen da auch Leute aus den fünf anderen Schulklassen, die bei Stars mitmachen: Japanerinnen, Chinesen, Amerikanerinnen, Israelis und Australierinnen. Mit ihnen tauschen wir regelmässig Erfahrungen aus. Diese Reise wurde von unserem Sponsor, einer Bank in Vaduz, bezahlt. Das ganze Projekt ist nicht gratis. Allein unsere Teilnahme an Stars kostet 180'000 Franken.

Unterdessen interessieren sich viele für unser Projekt, schliesslich sind wir die einzige Schulklasse aus Europa. Einmal wurde uns die Ehre zuteil, von Fürst Hans-Adam II. empfangen zu werden. Auch der Schweizer Astronaut Claude Nicollier kam zu Besuch. Und Claudia Fritsche, die Botschafterin in Amerika, möchte unser Projekt benutzen, um Liechtenstein in den USA bekannter zu machen. Stolz bin ich auch auf unsere Weltraumbriefmarke, die kürzlich auf den Markt kam. Das war meine Idee – ich sammle Briefmarken.

Ein paar Bienen – Allzeit bereit
Dass wir mit unserem Projekt im Mittelpunkt stehen, passt nicht allen am Gymnasium. Einige Lehrer diskriminieren unsere Klasse mit strengen Prüfungen, und gewisse Schüler gehen uns aus dem Weg. Dabei haben wir in Latein immer noch den gleichen Notendurchschnitt wie im Turnen. Und das will was heissen.

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Innerhalb der Klasse ist der Zusammenhalt aber top. Sicher gab es Eifersüchteleien und Streit. Doch jetzt haben wir alles straff organisiert. Jeder weiss genau, was er zu tun hat. Und wenn es doch einmal Zoff gibt, ist da immer noch unser Lateinlehrer, der vermittelt. Leider ist die Klasse nicht mehr vollständig. Im Frühling starb unser Mitschüler und Webmaster Basil an Krebs. Sein Tod ging uns allen sehr nahe. Basil hätte den Start der «Columbia» so gerne noch miterlebt.

Hoffentlich fällt der Start der Raumfähre in die Schulferien. Wenn nicht, müssen wir froh sein, wenn die Schulleitung wenigstens drei Schülern die Erlaubnis gibt, noch einmal nach Amerika zu reisen. Wir wollen unbedingt dabei sein, wenn unsere Bienen ins All abheben. Ich hoffe, sie überleben den Flug. In jedem Fall nehmen wir sie später nach Liechtenstein zurück. Ich werde sie bis an mein Lebensende aufbewahren, schliesslich waren sie im Weltraum, echte Spacebees.

Wissenschaftler will ich aber nicht werden, auch wenn ich mich sehr engagiere für unser Projekt. Es ist einfach spannend, mit Forschern zu kommunizieren oder mit Sponsoren zu verhandeln. Da merke ich jeweils, dass die auch nur mit Wasser kochen. Selbst wenn der Start immer wieder verschoben wird – die Puste geht mir nicht aus. Ich bin sicher, irgendwann müssen die Nasa-Leute unsere Bienen rauflassen.