Was macht man bloss mit 15 Kilometer Zündschnur? Gewaltig! Eines Tages rief mich der St. Galler Künstler Roman Signer an und fragte nach genau dieser Menge. Ich wurde neugierig. Was er denn damit vorhabe, wollte ich wissen, und er erzählte mir von seinem Plan: eine Zündschnur von Appenzell nach St. Gallen verlegen und dort den Sprengstoff zünden. Ein verrücktes Projekt, doch ich war begeistert. Seither arbeiten wir immer wieder zusammen. Er ruft an, schildert seine Ideen; zuerst muss ich dann immer lachen, so komisch klingen die jeweils. Aber wenn er sie dann umsetzt, ist es prima – ein anderer käme gar nicht auf so etwas.

Viele Objekte sprengt Signer selbst – er hat ja einen Sprengschein. Aber wenn er im Ausland wirkt oder mehr als 20 Zünder einsetzt, braucht es einen Fachmann. So sprengte ich für ihn an der Biennale in Venedig Eisenkugeln von der Decke und an der Documenta in Kassel Papier. Das ist für mich wie ein Hobby.

Früher arbeitete ich selber mit Kunstwerken: Mit Hilfe von Kupfersprengfolie gestaltete ich Bilder. Aber nach dem Einsatz dieser Folie beim Flugzeugattentat von Lockerbie wurde sie verboten. Überhaupt: Das Sprengstoffgesetz wurde in den letzten Jahren laufend verschärft. Früher konnte hierzulande noch jeder Sprengstoff kaufen – heute haben wir in der Schweiz die härtesten Auflagen weltweit. Jedes Sprengmaterial muss zudem so markiert sein, dass man auch nach der Sprengung noch nachweisen kann, was für ein Stoff es war und wo man ihn gekauft hat.

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Es ist aber gut, dass der Gesetzgeber so hart ist, denn das Material ist nicht ohne Gefahr. Für einen Fachmann wie mich ist aber nicht die Sprengung heikel – die Zuschauer sind das Problem. Eine Sprengung zieht viele Schaulustige an; die Leute in sicherer Entfernung zu halten ist schwierig. Trotz Absperrung und Schutzpersonal versuchen manche immer, ein Stück näher als erlaubt an den Sprengherd zu gelangen; das bereitet mir Kopfzerbrechen.

Bei einer Sprengung wagte sich mal ein junger Mann hinter die Absperrung. Ein Stein wurde weggeschleudert und traf den Zuschauer mit solcher Wucht am Bein, dass er mit einem offenen Bruch ins Spital eingeliefert werden musste. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft; als Sprengmeister hafte ich dafür, dass nichts und niemand zu Schaden kommt.

«Mit einem Bein im Gefängnis»
Dieses Risiko schreckt die Jungen ab. Wir stehen halt ständig mit einem Bein im Gefängnis. Für mich überwiegen aber die schönen Seiten: In welchem Beruf hat man sonst noch ein so unmittelbares Erfolgserlebnis? Wenn ich auf den Knopf drücke, erkenne ich sofort, ob die Sprengung gelingt – ob der Fels kommt oder nicht, ob das Haus fällt oder ob es stehen bleibt. Das sind unglaubliche Gefühle – wie Schmetterlinge im Bauch. Meinen Lehrlingen sage ich immer: «Sucht doch mal einen Job, wo ihr so etwas erleben könnt.»

Sprengungen faszinierten mich schon als Kind. Damals lebte ich in Deutschland und musste nach dem Krieg Munition und Blindgänger vernichten. Das war meine erste Begegnung mit diesem Metier. Später liess ich mich in Schweden, Deutschland und Österreich zum Sprengingenieur ausbilden, bevor ich 1966 für ein Praktikum in die Schweiz kam.

Ich hatte nicht geplant, hier zu bleiben. Doch dann kam es bei meinem Arbeitgeber zu diesem schrecklichen Unfall: Bei einem Sprenglehrgang in der Region Schaffhausen starben neun Menschen. So wurde ich gefragt, ob ich bleiben könne.

Da könnte man nun meinen, ich hätte von Anfang an gewusst, worauf ich mich in diesem Beruf einlasse. Doch damals dachte ich nicht darüber nach. Wenn man jung ist, ist man risikofreudiger; ich glaubte, es sei eine reine Frage des Mutes. Erst mit der Erfahrung lernte ich die Risiken kennen und auch respektieren.

Heute würde ich sagen: Mut ist falsch bei meinem Handwerk. Eine Sprengung muss kalkulierbar und riskierbar sein – Mut braucht es nicht. Unterwassersprengungen würde ich aber nicht mehr machen; früher riskierte ich solche Sachen, doch einmal überlebte ich nur mit Glück.

Ich lehne heute Aufträge aber nicht nur wegen des Risikos ab. Kirchen etwa sprenge ich nicht mehr. Da steckt Geschichte drin, das sind kulturhistorische Werte, die man lieber restaurieren sollte. In meiner Karriere sprengte ich sieben Kirchtürme: Der in Dulliken SO war einsturzgefährdet, da konnte man nichts mehr machen; aber der von Wil ZH, um den tut es mir heute noch Leid. Der alte Turm musste einem gesichtslosen Betonklotz weichen.

Auch das Stadttheater Basel hätte ich rückblickend nicht sprengen sollen – diese Aktion war wirklich jammerschade. Wegen der Sprengung gabs auch einige Demonstrationen. Die Schauspieler protestierten schon morgens um fünf Uhr; dabei wollten wir so früh loslegen, damit nicht so viele Leute zuschauen und uns die Arbeit erschweren. Andererseits muss ich mir auch sagen: Wenn ich es nicht mache, tut es jemand anders. Die Entscheidung, etwas zu sprengen, treffe ja nicht ich.

Es gibt aber auch Gebäude, die ich gern in die Luft jagen würde. Dabei gilt für mich: je höher, desto lieber. Einerseits weil es mit jedem zusätzlichen Geschoss lukrativer wird, andererseits weil man kleinere Gebäude auch mit dem Bagger entfernen kann. Kleine Liegenschaften sind für mich schon lange keine Herausforderung mehr. Die Hochhäuser in den Pariser Vorstädten oder die gewaltigen Plattenbauten in Ostdeutschland sprenge ich gern. Wenn ich unterwegs bin und ein interessantes Gebäude oder einen imposanten Felsen sehe, überlege ich mir immer, wie man die Sache am besten sprengen könnte.

«Dynamit liegt in der Luft»
Vor einiger Zeit war ich in New York. Dort wäre es sehr reizvoll, ein Hochhaus zu sprengen. Aber das ist kaum möglich – so eng, wie die Gebäude zueinander stehen. Ausserdem wird in den USA schnell und viel geklagt. Da muss nur jemand behaupten, er leide seit der Sprengung unter Kopfschmerzen, und schon habe ich einen Prozess am Hals. Das klingt zwar aberwitzig, ist aber in Las Vegas nach einer Sprengung passiert: Drei Millionen Dollar Entschädigung verlangt eine Frau, obwohl sie kilometerweit entfernt wohnt.

Da bleibe ich lieber in vertrauten Regionen. Meine Einsatzorte sind spannend genug: Europa, Chile, Westafrika und Saudi-Arabien. In unserem Betrieb jagen wir Tag für Tag rund 2000 Kilogramm Sprengstoff in die Luft. Da liegt im wahrsten Sinn des Wortes Dynamit in der Luft.

Meine nächste grosse Aktion wird sein, in Vorarlberg einen Felssturz auszulösen. Medienmässig wird das zwar nicht so spektakulär wie die Sprengung am Ölberg oberhalb der Axenstrasse 1992 – vom Volumen her wird die Angelegenheit aber doppelt so gross. Und dann werde ich in Frankfurt ein Hochhaus zum Einsturz bringen. Das wird auch ganz imposant.