24_99_augenzeuge.jpgDie Nachricht hörte ich im Radio an meinem Arbeitsplatz in Basel: Ein Grossbrand sei in der Wiler Altstadt ausgebrochen. Sofort telefonierte ich meiner Familie. Ich fragte die elfjährige Tochter, ob sie wisse, welche Häuser betroffen seien. Sie wusste, dass mein Haus brannte, getraute sich aber nicht, es mir zu sagen. Eine Stunde später rief ich sie nochmals an. Sie konnte mir immer noch nicht die Wahrheit sagen. Es brenne in der Nähe.

Plötzlich hatte ich den Gedanken: «Vielleicht steht der "Adler" in Flammen.» Ich bin Präsident dieser Genossenschaftsbeiz in der Altstadt. Ich rief dort an und erfuhr, dass nicht der «Adler», sondern meine Wohnung in Flammen stand. Ich stieg sofort ins Auto und fuhr nach Wil mit einem Umweg über Zürich, weil ich im Schock eine falsche Ausfahrt erwischt hatte.

Um sieben Uhr abends traf ich in Wil ein. Meine Frau, meine Kinder und die Feuerwehr empfingen mich, kümmerten sich um mich, fragten, wie es mir gehe. Die Feuerwehr entschuldigte sich, dass sie meine Wohnung nicht habe retten können, weil sie zuerst die Frau im anderen Haus habe bergen wollen. Diese war wie ich später erfuhr dennoch ums Leben gekommen. Eine brennende Kerze in ihrer Wohnung hatte den Brand entfacht.

Anzeige

Was mich wahnsinnig störte, waren die unzähligen Gaffer. Ich musste mir den Weg zu meiner Wohnung durch diese Menschenmassen bahnen. Ich kam mir richtig ausgestellt vor. Ich schaffte es fast nicht, besonders weil ich geheim halten wollte, dass ich mich von meiner Frau getrennt hatte und in diese Wohnung gezogen war. Ich bin in Wil aufgewachsen und kenne hier sehr viele Leute. Kurz nach der Trennung konnte ich noch nicht dazu stehen.

Niemand hatte davon gewusst, weder Freunde noch Arbeitgeber. Ich hatte Mühe damit, nach 20 Jahren hinzustehen und zu sagen: «Ja, wir haben uns getrennt, ich habe jetzt eine eigene Wohnung.» Durch den Brand wussten es plötzlich alle. «Ah, du wohnst hier und nicht mehr bei deiner Frau.» Ich fühlte mich wie bei einem Uberfall. Ich war absolut ausgeliefert, fremdbestimmt, konnte nichts machen.

Anzeige

«Ich fühlte eine Art Galgenhumor»

Nachdem die Feuerwehr meine Personalien aufgenommen hatte, liess man mich ziemlich schnell gehen. Meine Freunde meldeten sich sofort bei mir. Sie hatten vom Brand gehört und halfen mir, die nicht verbrannten Möbel aus der Wohnung zu schaffen mein Schlafzimmer war teilweise unversehrt geblieben. Sie brachten Kleider, da ich ja nichts mehr hatte. Es war sehr schlimm für mich, in dieses ausgebrannte Haus zu gehen. Es haute mich fast um. Uberall Wasser, Balken hingen herunter, es war stockdunkel. Ich kannte meine eigene Wohnung nicht mehr, fast alles war verbrannt, zerstört. Wir räumten bis um Mitternacht die Sachen aus der Wohnung.

Nachher gingen wir in den «Adler». Wir assen und tranken bis drei Uhr morgens. Ich fühlte eine Art Galgenhumor. Irgendwie hatte ich noch nicht recht realisiert, was passiert war. Die Nacht verbrachte ich bei meiner Frau. Am anderen Morgen kam dann der grosse Hammer. Ich konnte nicht aufstehen, war nicht mehr ansprechbar. Die Nerven, es war einfach zu viel.

Anzeige

Kurze Zeit später kam ich bei einem Freund vorübergehend unter. Es war extrem wichtig, Leute zu haben, die mir halfen und mich mental unterstützten. Nach drei Wochen bezog ich eine neue Wohnung. Ich stellte die Möbel hinein, die mir geblieben waren, den Rest bekam ich von Freunden geschenkt. Ich brauchte fast kein Geld, um die neue Wohnung einzurichten.

«Ich habe nie gern Feuer gehabt»

Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass ich mich in der alten Wohnung gar nie richtig wohl gefühlt hatte. Ich verspürte eigenartigerweise neben den negativen Gefühlen auch Erleichterung, weil ich so «reibungslos» aus dieser Wohnung gekommen war, ohne Kündigung. «Gezügelt in einer Stunde mit Abfallsäcken», witzelten wir später.

Den Geruch von abgestandenem Rauch, Asche und verbrannten Sachen habe ich immer noch in der Nase. Wenn ich dies heute rieche, wird es mir unwohl. Es sind zwar keine Bilder, die ich damit verbinde, aber ich würde am liebsten gleich fortrennen. Das Dumme ist, ich rieche es immer wieder, wenn ein Feuer in der Nähe ist. Ich habe schon vorher nie gern Feuer gehabt. Meine Elemente sind Wasser und Luft.

Anzeige

Als es um die Räumung der Wohnung ging, hat mir das Verhalten der Gemeinde Wil sehr Mühe gemacht. Obwohl die Behörde lautstark versprochen hatte, sie werde den 14 Obdachlosen helfen, war sie später nicht bereit, mir behilflich zu sein. Ich musste selber in die ausgebrannte Wohnung zurück, alles entrümpeln und per Container wegschaffen. Furchtbar.

wei Wochen nach dem Brand lag immer noch die Post in meinem Briefkasten, der fünf Meter vom abgebrannten Haus weg an der Strasse stand. Ich hatte natürlich nicht sofort die Post umgeleitet, ich hatte ja auch keine neue Adresse. Eine Woche später leitete ich die Post um. Aber immer noch war der Briefkasten täglich mit neuer Post verstopft. Ich weiss nicht, was sich der Briefträger dabei überlegt hat.

«Heute lebe ich bewusster»

Eines Tages wurde ich fuchsteufelswild und schlug den Briefkasten zusammen. Ich bin sonst ein ruhiger Mensch und nicht aggressiv. Aber da hat es mich einfach «verjagt». Ich staunte selber über mich. Danach kam die Post an die richtige Adresse.

Anzeige

Meine Bekannten haben mit grosser Anteilnahme auf den Brand reagiert. Allen musste ich dasselbe erzählen, noch Monate später. Die ganze Geschichte immer wieder von vorn, in allen Details.

Mit der Zeit ist das fast lästig geworden. Es kam immer wieder alles hoch. Es ist erstaunlich, wie die Menschen auf einen zukommen, wenn etwas Negatives passiert ist. Auch heute noch, ein Jahr später.

Am schlimmsten war der Verlust meiner Bücher. Ich habe eine spezielle Beziehung zu Büchern. Darum jetzt auch der berufliche Wechsel vom Personalchef zum Buchhändler. Der Brand hat da sicher auch eine Rolle gespielt. Ich möchte nun mit 42 Jahren mehr Lebensqualität und Freiheit.

Heute lebe ich bewusster. Der Brand hat mir nicht nur geholfen, dazu zu stehen, dass ich von meiner Frau getrennt lebe. Er hat mir auch gezeigt, dass man das Leben selber in die Hand nehmen muss. Wir leben im Hier und Jetzt. Ich glaube nicht ans Schicksal. Alles liegt in meiner Verantwortung.

Anzeige
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.